Falle für Pädophile Die Schandmauer
Jorge Gonzalez von Zeropaid hatte die Nase gestrichen voll. Als Betreiber des Dateien-Such- und Tausch-Dienstes Gnutella stand er immer wieder in der Kritik: User suchten über seinen Dienst nach pornografischen und - schlimmer noch - kinderpornografischen Inhalten. Als MSNBC den - gerade erst gestarteten Dienst - im April in einem Beitrag thematisierte, reagierte Gonzalez.
Als ihm ein Gnutella-Nutzer mit dem Alias "Lexx Nexus" das Angebot machte, eine Website zu programmieren, auf der "eindeutige" Suchanfragen automatisch und in Echtzeit mit der IP-Adresse des Suchenden veröffentlicht werden könnten, sagte er zu. Der Selbstreinigungsprozess von Gnutella begann, der "Wall of Shame" ging online.
Gonzalez: "Die meisten Gnutella-User nutzen unseren Dienst, um nach Musik zu suchen. Einige wenige suchen nach Kinderpornografie, und solche User will ich bei Gnutella nicht sehen". Der "Wall of Shame", hofft Gonzalez, werde Pädophile aus seinem Angebot vertreiben.
In Deutschland hatte ein ähnlich gelagerter Vorwurf - Dienst trägt zur Verbreitung von Pornografie bei - den damaligen CompuServe-Manager Felix Somm um ein Haar hinter Gitter gebracht. Die systemimmanente "Unzensierbarkeit" freier Internet-Foren macht nach wie vor Probleme, doch wie sollte man damit umgehen. Kritiker des "Wall of Shame" sehen darin einen öffentlichen Pranger - und das soll die "Mauer" auch sein. Eine wirkliche Identifizierung des Users leistet der "Wall" in der Regel nicht: Die bei weitem meisten User surfen mit dynamisch zugewiesenen IP-Adressen durchs Internet - ihre "Identität" ändert sich dadurch spätestens mit jedem neuen Log-in. Anders sieht das nur in Netzwerken aus, in denen bestimmten Rechnern bestimmte IP-Adressen zugewiesen sind. Ein Pädophiler, der von solch einem Rechner ausgehend bei Gnutella nach kinderpornografischen Bildern suchte, könnte genauso gut gleich seine Telefonnummer mit veröffentlichen.
Am 27. April schaltete Gnutella den "Wall of Shame" online, das Echo war und ist immens - vor allem das der eigenen User. In keinem Diskussionsforum zum Gnutella-Angebot brummt es dermaßen wie unter "Gnutellas Wall of Shame" . Die Wellen schlagen hoch: Vehemente Verteidiger der Internet-Freiheit treffen auf User, die die Notwendigkeit von Grenzen sehen. Selbst Verteidiger der "Mauer" kritisieren, dass Gonzalez die zur Aktion gegen Kinderpornografie angewachsene Initiative kräftig vermarkte. Eine Userin: "Die Zahl der Werbebanner auf den Shame-Seiten wächst ständig. Davon dass der Betreiber die Erlöse einer gemeinnützigen Aktion gegen Kinderpornografie zukommen lassen will, haben wir aber bisher nichts gehört." Auf Mauer-Gegenseite formieren sich informelle "Widerstandszellen" wie die "Wallkillers" und rufen nach der Abrissbirne: "Die Mauer muss fallen!".
Jorge Gonzalez mischt kräftig mit in der Diskussion, in der Regel mit kurzen, knappen Statements: "Du kannst Dich darauf verlassen, dass die Mauer nicht fällt!". Punkt.
Frank Patalong