FAZ völlig anders Ganz Net
Auf diesen Moment hat die Welt gewartet. Die letzte der großen, überregionalen, wichtigen Zeitungen Deutschlands ist endlich wirklich online. Die FAZ hat nun ein "Net".
Und zwar seit Montag, dem 8. Januar 2001. Das ist mehr als nur eine banale Feststellung, es macht die ganze Sache erst zur Nachricht. Denn erst jetzt, Jahre nach jeder nennenswerten Konkurrenz, wagt die FAZ wirklich den Sprung ins Internet. Was der Frankfurter Qualitätstitel dort bisher zu bieten hatte, war wenig mehr als eine Peinlichkeit - eine inhaltfreie Zone.
Nachdem sich der um eine Verjüngung des Blattes bemühte Herausgeber Frank Schirrmacher Mitte letzten Jahres als Mitglied der Generation @ geoutet hatte ("Ich liebe E-Mails!") lag es in der Luft: Ja, auch die FAZ wird den Schritt wagen.
Was in den Folgemonaten geschah, ähnelte jedoch mehr einer Samba, Grundversion erster Tanzschulkurs, als einer geradlinigen Strategie. Erster Hüpfer vorwärts: Im Juni machte die FAZ erstmalig (kleinere) Schlagzeilen mit der ungewöhnlichen Tatsache, dass sie nun auch Inhalte im Web publiziere. Allerdings nur unter "faz.com" und in englischer Sprache, refinanziert durch eine Kooperation mit der "International Herald Tribune".
www.faz.de hatte weiterhin nicht mehr als ein paar flotte Eigenwerbesprüche zu bieten: Online-Publishing wie anno 1995, ergänzt durch kostenpflichtige Service-Angebote.
Nach diesem ersten Vorstoß in die unendlichen Weiten folgte der Samba-Hüpfer zurück: Noch Anfang Dezember versicherte Edmund Keferstein, stellvertretender Geschäftsführer der FAZ und Geschäftsführer des Tochterunternehmens FAZ Electronic Media: "Die FAZ im Internet wird es nicht geben".
Was er so nicht meinte, jedenfalls nicht genau so
Sondern anders: Zeit für einen Vorwärts-Hüpfer. Gegenüber dem Branchenblatt "Medium Magazin" erklärte der Geschäftsführungs-Vorsitzende Jochen Becker die FAZ-Linie. In Frankfurt habe man aus den Fehlern der anderen gelernt, deren "üblichen Weg" man nicht mitgehen wolle. Zwar werde es künftig bei der FAZ online mehr Informationen geben, "aber nicht umsonst". Was ja auch nicht nötig wäre, weil "Kunden gern Geld bezahlen".
Mit "Geld" meint Becker wohlmöglich die bis zu drei Mark, mit der man die Anzeige eines Artikels aus dem FAZ-Archiv bezahlen soll. "Wir sind ein Haus", sagte Keferstein, "das es wie kaum ein anderes verstanden hat, seine Inhalte elektronisch zu vermarkten".
In Anbetracht solcher Statements vermuteten Branchenanalysten hinter der für Januar 2001 angekündigten "elektronischen FAZ-Offensive" in Internet, Radio und TV, gestützt durch ein dreistelliges Millionen-Investment, wieder nicht mehr als ein Business-to-Business oder Verkaufsangebot.
Doch weit gefehlt: Einmal im Rhythmus, folgte die FAZ den Zwängen des schnellen Latino-Tanzes - und schob überraschend einen trippelnden zweifachen Vorwärtsschritt ein. Nicht genug, dass mit dem FAZ.net nun ein völlig neues, optisch ansprechendes und Net-exklusives Angebot im Web steht - nein, auch FAZ.de wurde renoviert. Und siehe da: Mit einem Mal gibt es dort etwas zu lesen.
Und zwar die FAZ, zumindest in Auszügen. Für alle, die sich die Augen nicht am Bildschirm verstauchen wollen, hängt unter jedem Artikel die Seitenzahl, die den Artikel in der Print-Ausgabe auffindbar macht. Ansonsten sind es etwa 30 Prozent der aktuellen Ausgabe, die online zu finden sind - das ist ziemlich genau die Strategie, mit der sich viele Medien bis 1996 noch recht erfolgreich im Internet präsentieren konnten. Ab und zu verirrt sich in diese virtuelle Fast-FAZ sogar ein Farb-Foto.
Da hat das FAZ.net einiges mehr zu bieten. Das "Net" kommt bunt und trotzdem optisch aufgeräumt daher. Etwas gewöhnungsbedürftig ist das seltsame Understatement, mit der FAZ.net Schlagzeilen und Vorspänne kleiner als den Fließtext "verkauft". Dass die Vorspänne zartblau und schwer lesbar daherkommen, könnte wiederum strategische Gründe haben: So schafft man Kurzsichtige, und die behelfen sich dann wieder mit Papier. Doch genug der Meckerei: Inhaltlich kommt das FAZ.net löblich länglich daher und bleibt sich somit treu.
Das "Net": Mehr "Portal" als FAZ?
Warum die Frankfurter auf die Idee verfielen, der Website gleich eine neue Adresse zu verpassen, erschließt sich aus der PR: Ein "Portal" will das FAZ.net sein, eben keine elektronische Zeitung. Und bietet folglich viele kleine Dienstleistungen, die man bisher nicht unbedingt mit dem ehrwürdigen Titel verband.
E-Mail für jedermann etwa und - als besonderer Clou - auch die Möglichkeit der Personalisierung. Das funktioniert auch alles und wird sich - im Laufe der Zeit - auch füllen. Die Wettervorhersage ist schon jetzt auch für Großstädte wie Ruppichteroth zu haben - am Rest arbeitet eine stolze 32 Köpfe zählende Redaktion. Die ihre Eigenständigkeit unter anderem dadurch unter Beweis stellt, dass sie für das FAZ.net wieder die neue Rechtschreibung nutzt, während FAZ.de tapfer in der Orthographie des Jahres 1999 verharrt.
Was steht unter dem Strich? Die FAZ kommt locker daher, zugeschnitten auf die "jüngeren, elektronisch interessierten Zielgruppen", die Edmund Keferstein zu erreichen hofft. Sie bietet nun 100 Prozent mehr als zuvor: Von 0 auf 100, das ist schon was.
Ab und an scheint - ganz FAZ-untypisch - sogar Humor durch. So heißen alle Redakteure irgendwie "@", so biegt die Benutzerführung das englische "up to date" zu einem launigen "uptoday" - was man wohlwollend vielleicht mit "Es lebe der Tag!" übersetzen könnte. Summa summarum ist das alles mehr, als man im Vorfeld erwartet hatte. Ob man allerdings von einem "Angebot, das in dieser Form im World Wide Web einmalig ist", reden kann, wie die Pressestelle der FAZ zu tönen beliebt, wird sich erst erweisen müssen. An ihrem ersten Tag zeigte die "elektronische" FAZ so viel noch nicht, aber das mag ja noch werden.
Frank Patalong