Festival Phaenomenale Spielkonsole als Holzspielzeug
Fast genauso lange, wie es Computerspiele gibt, experimentieren Künstler mit Software-Code und der Themenwelt von Games. In der Ausstellung Next Level im Wolfsburger Kunstverein, die einen Teil des neu gegründeten Festivals Phaenomenale bildet, sind fünfzehn zeitgenössische Arbeiten ausgestellt. Sie widmen sich der Lust am Spiel in der Netzwerkgesellschaft (Katalogtext). Lust am Spiel heißt hier vor allem: Lust an der Demontage von Computerspielen.
Das Künstlerpaar Jodi bricht mit der Arbeit SOD den Ego-Shooter Return to Castle Wolfenstein auf wenige visuelle Fragmente und Polygone herunter. Von dem detailreich ausgestatteten Game, das zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielt und einen Angriff der Alliierten auf Nazi-Deutschland simuliert, bleiben quasi nur noch virtuelle Schatten übrig. Auch der Schweizer Felix Stephan Huber geht mit Wolfsschanze - eine Arbeit, die sich auf das sogenannte Führerhauptquartier und den Anschlag auf Hitler durch Graf Stauffenberg bezieht einen sehr minimalistischen Weg. Das Game bietet lediglich zwei Level: Der Spieler kann in der reduzierten Kulissenwelt der Wolfsschanze fulminante Explosionen auslösen und sich mit dem Mindmap des zweiten Levels selbst dabei beobachten.
Etwas aus dem Rahmen fällt die Skulptur Holzspielzeug von Sebastian Grätz, ein aus Holz geschnitzter Controller einer Spielekonsole. Die Skulptur lässt einerseits an die historische Entwicklung von Kinderspielzeug denken, vom Holzpferdchen bis zur heutigen Heimelektronik. Andererseits erinnert sie daran, wozu Computerspiele den Gamer mutieren lassen: zu einem vor dem Monitor verharrenden und auf kleine Knöpfchen drückenden Vollautomaten.
Roboter als DJ
Am ersten Wochenende standen denn auch Roboter und Maschinenwesen im Zentrum der Phaenomenale. Das an noch zwei weiteren Wochenenden stattfindende Festival (26. bis 28.1. und 9. bis 11.2.) sucht nach einem neuen Zugang zum Zusammenspiel von Kunst und Wissenschaft, wie Kurator Justin Hoffmann erklärt. Die Betonung liegt dabei auf der popkulturellen Ebene von Kunst und Wissenschaft. Mit einem Konzert der britischen Electro-Punk-Band Robots in disguise, interaktiven Installationen, Vorträgen und Selbstbau-Workshops näherte man sich der Robotik.
So konnte man zwei Industrieroboter bei einem DJ-Set bewundern. Statt Automobilzubehör in Fahrzeugkarossen einzubauen, wie es wenige hundert Meter weiter in den Produktionsstraßen des VW-Konzerns geschieht, jonglieren im Wolfsburger Science-Center Phaeno die beiden juke_bots von Robotlab mit Langspielplatten, die sie akkurat unter die Saphirnadel eines Plattenspielers positionieren. Ritsch, ratsch und schon ertönen Musikfetzen von Michael Jackson, Jan Delay und Afrika Bambaataa.
Oder man bastelte sich seinen Roboter einfach selbst. In Roboterbau-Workshops des Hamburger f18-Instituts für Kunst, Information und Technologie konnten jugendliche Teilnehmer unter Zuhilfenahme einfachster Werkzeuge kleine bewegliche Automaten anfertigen. Voll Funktionstüchtige schnurren die dann über die Tischplatte und blinzeln mit ihren Leuchtdioden. Auch die jugendlichen Augen glänzten.
Faszination Robotertechnik
Schon immer waren die Menschen von Robotern und Androiden fasziniert. 1818 schrieb Mary Shelly die Geschichte von Frankenstein, einem Wissenschaftler, dem es gelingt, ein künstliches Wesen zu erschaffen, das sich durch imitierendes Lernen an seinem Erfinder fürchterlich rächt. In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts brachte der tschechische Schriftsteller Karel Capek den Begriff Robota in Umlauf, was im Slawischen nichts anderes als Arbeit bedeutet.
Literatur und Kino haben mannigfaltige Fantasien über menschenähnliche Roboter und roboterhafte Menschen entworfen. In vielen Fällen schwingt allerdings eine gewisse Furcht vor der Allmächtigkeit der Maschine mit. Man denke nur an den Film Moderne Zeiten von Charlie Chaplin. Diese Skepsis, erläuterte Kunstwissenschaftlerin Katharina Sykora in einem Vortrag, verlange nach einer Deformation, die die Perfektion (der Maschinenwesen) unterläuft. Robotern muss folglich ein Makel angedichtet werden.
In der Realität verhält es sich umgekehrt. Da treten noch viele Unzulänglichkeiten der Androiden in Erscheinung. Vor allem in Asien wird daher eifrig an der Weiterentwicklung künstlicher Wesen geforscht. Der Automobilkonzern Toyota hat auf der Expo 2005 musizierende Roboter vorgestellt, die Tuba und Trommel spielen können. Konkurrent Honda steckte bislang 500 Millionen US-Dollar in die Entwicklung von Asimo, einem Laufroboter, der verhältnismäßig elegant Treppen rauf und runter gehen kann.
Im Vergleich zu den raschen Fortschritten im Software-Bereich, nimmt sich das mechanische Fortkommen der Androiden allerdings bescheiden aus. Selbst avancierten Systemen ist eine ungelenke Schwerfälligkeit anzumerken. Den komplexen Bewegungsapparat des Menschen nachzubauen, erweist sich als große Herausforderung. Im Vergleich zum Menschen ist der Roboter ein behindertes System, sagte Rüdiger Dillmann, Professor für Industrielle Informatik und Mikrosystemtechnik an der Universität Karlsruhe, und eine Robotern gemäße Umgebung wäre deshalb behindertengerecht.