Flops als Filmstoff: Sex, Lügen, IPOs - DER SPIEGEL
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Flops als Filmstoff Sex, Lügen, IPOs

Die Unterhaltungsindustrie entdeckt Aufstieg und Fall der Dotcoms als Filmstoff. Der Aufstieg des neuen "Genres" scheint unabwendbar, trotz erster Misserfolge. Vom Firmenflop zum Filmflop?
Von Christian Radler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Regisseur Wang ("Smoke", "Blue in the Face") hatte alles so gut gemeint: Eine Parabel über die steinreichen emotionalen Krüppel, die das Dotcom-Phänomen auf seinem Höhepunkt hervorbrachte, hatte "Center of the World" eigentlich werden sollen. "Die schließen sich zwei Jahre lang ein, um zu programmieren. Dann gehen sie raus und stellen fest, dass sie zwei Jahre lang nicht gelebt haben. Und das geht oft schief", so Wang, dem der Einfall für den Film bei einem Streifzug durch die Stripclubs von San Franciscos North Beach kam.

"Die Typen denken 'All die schönen Frauen, und ich kann sie - fast - alle haben'. Aber die Typen haben halt auch zwei Jahre lang nur Cybersex gehabt und keine Ahnung mehr von echten Beziehungen", sagt Wang. "Ich fand spannend, wie sich diese jungen Männer mit den Aktienmillionen und keinem Interesse an festen Beziehungen mit den Stripperinnen zusammentun, die kein Geld und auch kein Interesse an festen Beziehungen haben."

Interessanter Blickwinkel - doch die Kritik sah überwiegend die sexistischen Fehltritte des Films, wie die brutale Vergewaltigung der Stripperin Florence (Molly Parker) durch den Programmierer Richard (Peter Sarsgaard). "Dieser Film ist so frauenfeindlich", warnte ein Rezensent, "dass Molly Parker einem leid tun kann."

Hightech trifft Rotlicht

Parker spielt eine Sexarbeiterin, die für 10.000 Dollar mit dem werdenden Dotcom-Millionär Richard nach Las Vegas fährt. Drei Bedingungen stellt sie: Keine Küsse, keine Penetration - und kein Gerede über Gefühle.

Soviel überrascht nicht: Die Regeln werden im Lauf des Films gebrochen, während sich die Grenzen zwischen den gekauften und den freiwilligen sexuellen Gefälligkeiten Florences zusehends verwischen und der Film einem unappetitlichen Ende entgegenrollt.

Zwischendurch zeigt Wang seinen Protagonisten Richard in Flashback-Szenen bei der Arbeit: Drei Monitore zwischen halbleeren Pizzakartons; einer für Code, einer für den Egoshooter "Doom" und einer für Sex-Chats. Ganz schön armselig dieser Richard, dem sein Geschäftspartner gegen Filmende sagt, er sei "24 Millionen Dollar reicher - und keinen einzigen davon wert".

Die Flopp-Geschichte floppte

Geld, von dem etwa der US-Verleih Artisan nur träumen kann. "Center of the World" ist nur dank einigermaßen niedriger Produktionskosten keine finanzielle Katastrophe. Der deutsche Verleihpartner Artisans, die Münchner Highlight Film, will den Streifen erst gar nicht ins Land lassen. Und außerhalb des Silicon Valleys ist der Film längst wieder aus den Kinos verschwunden.

Doch in der Wiege der Dotcom-Industrie hat man lange auf filmische Porträts gewartet. Neben dem Dokumentarfilm "Startup.com" ist "Center of the World" der Geheimtipp bei den jungen Männern mit und ohne Aktienoptionen. Sie stört wenig, dass der Wang-Film in weiten Teilen wirkt wie ein Softporno aus dem Silikon Valley.

"Vielleicht ist auch der besondere Kick, dass der schwer reiche Richard im Grunde ein so armes Schwein ist. Da erträgt sich das eigene Delisting doch viel leichter", sinniert ein Besucher einer halb ausverkauften Spätvorstellung nach dem Abspann. Der Mensch kann immerhin schon wieder reden. Die meisten anderen Insassen des Kinos wirken, als hätten sie "Pretty Woman" mit Very unhappy End gesehen.

Nachschub für das neue Filmgenre rund ums Netz ist übrigens unterwegs: Die TV-Sender ABC und Fox basteln an Dot-Sitcoms, und dem Vernehmen nach soll demnächst sogar die Firmengeschichte der Musiktauschbörse Napster verfilmt werden. Jugendfrei, weil fürs Network-TV - und angeblich mit Happy End.

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