Game Bytes: Der Spiele-Inquisitor läuft Amok - DER SPIEGEL
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Game Bytes Der Spiele-Inquisitor läuft Amok

Für Amerikas Spiele-Industrie war er einer der gefährlichsten Gegner - bis Anwalt Thompson kürzlich völlig durchdrehte. Er lobte eine Spende von 10.000 Dollar aus, falls ein blutrünstiges Spiel programmiert würde. Ziel des Spiels: Die Chefin einer Computerspielefirma soll ermordet werden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jack Thompson ist ein streitbarer Mann. Bislang ein streitbarer Mann mit mächtigen Freunden. Seit Jahren agitiert und prozessiert der Rechtsanwalt in den USA und andernorts gegen Videospiele, manchmal Seite an Seite mit Politikprominenz wie Hillary Clinton. Er erfand für Spiele den Begriff "Mord-Simulatoren".

Jedes Mal, wenn irgendwo ein Gewaltverbrechen mit einem Videospiel in Verbindung gebracht werden kann, ist Thompson zur Stelle, um vor Gericht - und vor allem in den Medien - Position zu beziehen.

Er strengt Verfahren an, in denen es um Hunderte Millionen Dollar Schadenersatz für angebliche Videospiel-Opfer geht. Und er tingelt durch Talkshows, in denen er ein gern gesehener Gast ist, weil er sich meistens mehr als deutlich ausdrückt. Das ist gut für die Quote. Nun aber ist Thompson vielleicht endgültig zu weit gegangen.

"Auf die abgetrennten Hirnstämme urinieren"

Viele Game-Kritiker in der amerikanischen Öffentlichkeit zählte er bislang zu seinen Verbündeten - aber damit ist es nun wohl vorbei. Der Anti-Spiel-Anwalt hat die Industrie aufgerufen, ein Spiel nach seinen Wünschen herzustellen. Eines, in dem ihre eigenen Spitzenvertreter blutig niedergemetzelt werden sollen. "Los, Videospiel-Mogule", so Thompson in einem Schreiben, das der Presse und einem hochrangingen Industrievertreter zuging, "macht Euch selbst zur Zielscheibe, so wie Ihr andere zur Zielscheibe gemacht habt. Traut Euch."

In dem Brief gelobt Thompson, an eine wohltätige Einrichtung 10.000 Dollar zu spenden, wenn im Verlauf des nächsten Jahres ein Spiel produziert wird, das einem von ihm erdachten Szenario  folgt. Ein Vater, dessen Sohn von einem durchgedrehten Gamer erschlagen wurde, soll darin auf einen blutigen Rachefeldzug gehen. Beispielsweise indem er eine "weibliche Vorstandschefin namens Paula Eibel umbringt, zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern." Danach soll Thompsons Spielfigur "auf die abgetrennten Hirnstämme der Familie Eibel urinieren", wie man das in einem anderen Videospiel namens "Postal 2" tun könne.

Paul Eibeler - die Namensähnlichkeit ist wohl kaum Zufall - heißt der Chef des Unternehmens, gegen das Thompson am liebsten prozessiert: Take Two Interactive, Hersteller von Spielen wie der "Grand Theft Auto"-Serie (GTA). "Postal 2" gibt es tatsächlich - von Take Two aber stammt das Spiel nicht. Auch innerhalb der Industrie wird es als Schandfleck betrachtet.

Eibeler dürfte die mordlüsterne Anspielung auf seine Person kaum lustig finden. Ebenso wenig wie der Rest der Branche, den Thompson in seinem fiktiven Spiel am Ende gerne in einer "abschließenden, monströs köstlichen Zerstörungsorgie" hingeschlachtet sehen möchte, auf der jährlichen Videospielmesse E3 in Los Angeles. Ein paar fixe Satiriker haben im Netz schon Umsetzungen von Thompsons Spielideen  veröffentlicht (mehr hier ) - eine davon sogar eine Modifikation  des ihm so verhassten "GTA San Andreas". Thompson selbst ist nicht begeistert, und überhaupt sei sein "Vorschlag" nur Satire gewesen, sagte er gegenüber dem Spiele-Blog Gamepolitics . Der Blog "Joystiq" fragt zu Recht, ob denn das Spendenangebot auch Satire gewesen sei .

Die Verbündeten gehen auf Distanz

Die erste Reaktion auf das Rache-Szenario kam aber nicht von Gamern oder von Seiten der Industrie - sondern aus den Reihen ihrer Kritiker. David Walsh vom National Institute on Media and the Family (NIMF) kritisiert immer wieder öffentlich gewalttätige Videospiele und protestierte beispielsweise gemeinsam mit Hillary Clinton gegen den sogenannten "Hot Coffee"-Mod, durch den in "GTA San Andreas" Sexszenen zwischen Spielfiguren möglich wurden. Jetzt hat Walsh in einem offenen Brief  an Thompson darauf hingewiesen, dass er bitteschön nicht mehr mit ihm in Verbindung gebracht werden möchte.

"Ihre Kommentare zum Thema enthalten extreme Übertreibungen, und zu Ihrer Taktik gehören persönliche Angriffe auf Personen, die ich sehr respektiere", schrieb Walsh. Er bitte Thompson deshalb darum, nie wieder Forschungsergebnisse seiner Organisation zu zitieren und von seiner Webseite den Link zur Seite des NIMF zu entfernen. Kopien des Briefes gingen nach Informationen von Gamepolitics  an eine Reihe von hochrangigen Vertretern von Industrie und Einzelhandel, an Bill Gates, an Hillary Clinton, Senator Joseph Lieberman (ebenfalls ein alteingesessener Kritiker gewalttätiger Spiele) und weitere Politiker.

Thompson, für den sein Feldzug eine sehr persönliche Sache zu sein scheint - er hat auch schon Blogger per E-Mail beschimpft, die ihn kritisiert haben, manche sogar zu Hause angerufen  - nahm diesen vergleichsweise milden Dämpfer aus den eigenen Reihen gar nicht gut auf. Er schrieb an Senator Lieberman, und beschuldigte Walsh, ihn aus eigenen finanziellen Interessen heraus kritisiert zu haben: "Daves Organisation [das NIMF] wird von Target und Best Buy finanziert" - zwei Ladenketten, die Thompson gerade im Zusammenhang mit einem weiteren Take-Two-Spiel verklagt.

Großzügig verteilte Nazi-Vergleiche

Im gleichen Brief an Lieberman gehen dann wieder die Pferde mit dem Anwalt durch und er nimmt sich Doug Lowenstein vor, den Vorsitzenden der US-Branchenvereinigung Entertainment Software Association (ESA). Den hat er früher schon mit Goebbels verglichen, und auch mal mit Hitler. Im Brief an den Senator ist er vorsichtiger: Lowenstein sei "persönlich verantwortlich für eine Reihe von Todesfällen", schreibt Thompson. Und weiter: "Er wird gut dafür bezahlt, Dinge zu verdrehen, wie die schlimmsten Propagandisten in der Geschichte." Und weiter: "Das Dritte Reich war ebenso sehr auf Propaganda wie auf Bewaffnung aufgebaut." Gegen Ende des Briefs wünscht er dann noch Lieberman Gottes Segen und "Leuten wie Take Two" Satan an den Hals.

Die Auseinandersetzung kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem der Konflikt zwischen Industrie und Spiele-Kritikern in den USA sich verschärft. Der kalifornische Governeur Arnold Schwarzenegger hat eben ein Gesetz durchgebracht, nach dem Einzelhänder stärker belangt werden können, die nicht freigegebene Spiele an Minderjährige verkaufen. Zwei große Industrieverbände, darunter auch Lowensteins ESA, kündigten gestern Klagen gegen das Gesetz an. Hillary Clinton steht in diesem Punkt auf Schwarzeneggers Seite, auch sie warnt seit Monaten vor den möglichen Gefahren gewalttätiger Spiele.

In einem weiteren Brief an den Psychologen Walsh schrieb Thompson, den Respekt für Hillary Clinton habe er nun verloren, weil sie "Blutgeld" von der Spieleindustrie angenommen habe - es geht um Parteispenden. Dann beschuldigt er Walsh auch direkt, von der Industrie gekauft worden zu sein, garniert mit weiteren, großzügig verteilten Nazi-Vergleichen. Schließlich, in einem weiteren Schreiben am nächsten Tag droht er ihm unverhohlen: Für den Fall, dass Walsh Informationen, die er von Thompson bekommen habe, an Industrievertreter weitergereicht habe, habe der Kinderpsychologe "ein Problem".

Es sieht aus, als sei Jack Thompson langsam aber sicher von Feinden umzingelt. Er selbst scheint seine Situation jedenfalls so wahrzunehmen: "Irgendjemand muss in die Schützengräben steigen und es mit den Soziopathen austragen", schrieb er an Lieberman - gemeint waren mal wieder die Vertreter der Spieleindustrie. Ob der Senator auf Thompsons Brief geantwortet hat, ist unbekannt.