Game-Meisterschaft: Süße Jungs und Skandälchen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Game-Meisterschaft Süße Jungs und Skandälchen

Um die Qualifikation für die Game-WM ging es am Wochenende im Heidepark Soltau. Das Deutschland-Finale der World Cyber Games sorgte für feuchte Hände, lieferte spannende Wettkämpfe - und einen kleinen Skandal um die "Fifa-Zwillinge", die Stars der deutschen Szene.
Von Mathias Hamann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der virtuellen Welt fällt es schwer, in der echten anzukommen. Im Heidepark Soltau liegen sie nur fünf Meter auseinander - und doch scheint die Distanz riesig. Vor dem Panorama-Restaurant schlendern zahlreiche Besucher vorbei, die sich über die Schüsse und die Schreie aus dem Gebäude wundern. Aber mal nachsehen wollen nur ganz wenige. Die meisten reagieren so wie Alexander Müller aus Oldenburg: "Video-Spiele, nee, da habe ich keine Zeit für."

Würden sie durch die Tür unter das größte Reet-Dach Europas treten, sähen sie im Restaurant mit seinen gelben Wänden adrette Jugendliche, zu 99,9 Prozent männlich, die gebannt auf LCD-Schirme starren. Aus den Lautsprechern dröhnen Schreie, und dann erklären zwei Kommentatoren, dass "Dashwriter" gerade seine Zerglinge und Ultralisken einsetzt. Im Obergeschoss surren 170 PCs, beim Deutschland-Finale der World Cyber Games, WCG. Die WCG versteht sich als Olympiade der PC- und Video-Spieler.

Knapp 125.000 meist junge Menschen haben sich angemeldet und 180 Jugendliche die Qualifikation geschafft. Sie ließen vom 15. bis 17. September ihre texturierten Kicker, Bildschirm-Armeen und Pixel-Prügler gegeneinander antreten. Für die Gewinner ging es um einen LCD-TV und vor allem um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft im Oktober, in Monza, Italien. Die WCG funktioniert wie eine privater Boxverband. Eine Konkurrenz gibt es auch schon: die World E-Sport Games.

Die werden aber ignoriert, denn die WCG lockt mit Gesamtpreisgeldern von 500.000 Dollar. Dementsprechend schwankt die Stimmung bei den deutschen Vorausscheidungen zwischen Party-Wochenende bei den Chancenlosen und angespannter Konzentration bei den Favoriten, wie Niklas Timmermann aus Bramsche oder den Schellhase-Brüdern aus Gelsenkirchen. Alle sind vertraglich an verschiedene Clans gebunden, für die sie Werbung machen und Ruhm und Punkte einspielen sollen. Für wen sie spielen, ist ihnen meist egal, ob die Liga nun ESL, WCG oder WEG heißt - Hauptsache spannende Spiele.

Streit um den Gebrauch der Pausentaste

Niklas Timmermann liefert spannende Spiele - der 18-jährige erreicht knapp einen dritten Platz im Rennspiel "Need for Speed" und freut sich sichtlich drüber. Gespannt schaut der Abiturient nach Monza, wo er sich Chancen auf den Titel ausrechnet.

Ein kleinen Skandal gibt es bei den als Fifa-Twins bekannten Brüdern Dennis und Daniel Schellhase. Die beiden Informatik-Studenten aus Gelsenkirchen waren bereits 2003 bei den Weltmeisterschaften dabei, im letzten Jahr erreichte nur Dennis das Finale und wurde in Singapur auch Champion. In diesem Jahr läuft es nicht ganz so rund für die Favoriten. Schon während der Vorausscheidungen bemängeln Schiris und Gegner der beiden, dass sie regelmäßig das Spiel mittels "Pause" unterbrechen, wenn die Situation für sie ungünstig ist.

Daniel weist diesen Vorwurf zurück, auch im Namen seines Bruders. Man habe nur in unwichtigen Spielszenen pausiert. Im Übrigen sei dies bei diesem Spiel völlig normal, um die Verbindung der beiden Spiel-PCs zu stabilisieren.

Im Halbfinale droht Dennis nach einem angeblich mutwillig herbeigeführten Rechnerabsturz gar die Disqualifikation - die Videoauswertung entlastet ihn jedoch und das Spiel wird fortgesetzt.

"Es gibt keine Regel, die das Drücken der Pause-Taste verbietet", meint der 22-Jährige. "Das ist grob unsportlich", sagt hingegen sein Gegner, Michael Oprèe. Der gewinnt das Halbfinale gegen Dennis Schellhase und trifft im Endspiel auf dessen Bruder Daniel. Das entscheidet schließlich der Fifa-Zwilling für sich - in der Verlängerung nach kontroversem Spielverlauf, bei dem wieder über Regeln und deren Auslegung debattiert wurde. Michael Oprée, der kurzzeitig sogar als Sieger gehandelt wurde, muss sich mit Silber begnügen.

Nach dem verlorenen Kick rüber zur Achterbahn

Die Eltern Oprée gehören neben den Ölbildnissen amerikanischer Präsidenten an der Wand zu den wenigen Erwachsenen, die sich über längere Zeit die Übertragungen der WCG anschauen. Die meisten reagieren wie Familie Niemisch aus Chemnitz, dem: "Ei gugge mol da", folgen zwei Minute interessiertes Schauen und dann ein Zerren der Tochter am Vater: "Ich will zu den Delfinen." Die meisten der ausgeschiedenen Teilnehmer zieht es eher zur Achterbahn: nach einem verlorenen Fifa-Kick ein Adrenalin-Kick beim Überschlag.

Einige der Teilnehmer schauen etwas verwundert, bleibt ihnen doch der Zutritt zu einer der Austragungsstätten verwehrt: "Ab 16 Jahre" steht draußen, weil es drinnen Stände mit "Dead or Alive" zum Probeprügeln gibt. Drin sitzen dann aber doch 8-jährige Knirpse am FSK-16-Fighter und schwingen die virtuellen Fäuste - Kontrollen scheinen nicht zu greifen.

"Dead or Alive" ist das Spiel unter den acht Disziplinen der Deutschen WCG mit dem höchsten Frauenanteil: Eine der Teilnehmerinnen senkt den Männeranteil auf 99,9 Prozent, scheidet aber schon in der Vorrunde aus. Und dann sind da noch Sandra und Denise, die mit Schwert am Gurt, nettem Lächeln und knappem Dress den Film zum Spiel promoten. "Ich habe früher auch mal gezockt, Streetfighter auf dem Nintendo", erinnert sich Denise. "Ich kann mit den Spielen nichts anfangen", meint hingegen Sandra, die auch bei der Party abends noch ihren Cowboy-Hut trägt.

"Irgendwie süß"

Werden die beiden denn mal von den WCG-Teilnehmern zum Tanzen aufgefordert? "Nein, ein Foto wollten die Jungs machen, dann haben sie uns von ihren Spielen erzählt und spätestens um zwei sind sie ins Bett gegangen", erinnert sich Sandra und schiebt ihren Hut zu recht. Sie findet die Spieler freundlich, zurückhaltend und "irgendwie süß."

Prinzipiell ähnelt die deutsche WCG 2006 immer mehr einem gewöhnlichen Sportevents - kleiner Skandal inklusive, der anschließend auf den Fanseiten ausführlich diskutiert wird. Jetzt fehlt nur noch eine konsequente Altersüberwachung auch für Besucher - denn durchs Brechen der USK-Bestimmungen möchte die Veranstalter bestimmt nicht an neue Interessenten kommen.

Ergänzung: In diesem Text wurde der Eindruck erweckt, Michael Oprée habe das Fifa-Turnier gewonnen. Der Sieger nach Verlängerung hieß jedoch Daniel Schellhase.