Gamers Corner Der schnellste Reifen der Welt
Bonsai? Steingärten? Origami und andere Errungenschaften japanischer Kultur? Zumindest unter jüngeren Tokiotern ausgebremst und abgeschoben, seit die Renn-Simulation "Gran Turismo 3" im März diesen Jahres an den Start ging. Innerhalb weniger Tage von null auf eins in den Charts. Japans motorsportverrückte Videospiel-Jünger waren schon lange im Vollgas-Fieber. "Gran Turismo 3" hatte nie die Chance auf ein geruhsames Nischendasein, dafür war der Hype in der Fachpresse viel zu groß. Schneller, schöner und packender waren bisher noch keine Positionskämpfe, stand da zu lesen. Nicht auf der PS2, nicht auf dem Dreamcast und schon gar nicht am in Japan wenig begehrten PC. Alle glaubten es.
Verkehr auf Japanisch
Woher kommt diese Begeisterung? Vielleicht ist der Grund im streng geregelten Stop-and-go-Verkehr Japans zu suchen. Im dicht besiedelten Land der aufgehenden Sonne enden Fahrten in die Freiheit meist im Stau. Kaum eine Tachonadel, die jemals die jungfräuliche Zone jenseits der 100-Stundenkilometer-Marke berührt hätte. Vielleicht wird Kazunori Yamauchi deswegen dort drüben verehrt wie eine Kultfigur. Er ist der Held der Vollgas-Fraktion, seit er 1998 zusammen dem ihm treu ergebenen Team von Polyphony Digital die erste Rennsimulation namens "Gran Turismo" aus der Taufe hob.
Das Spiel wurde, genau wie sein Nachfolger, noch für die alte Playstation zusammengeschraubt. Das Tolle daran war das Tolle darin: 300 Autos. Vipers, Corvettes, die automobile Champions League also. Schnelle Träume aus Bits und Bytes, die so real aussahen. Und sie klangen auch echt und fuhren sich so!
Das zeichnet die "Gran Turismo"-Serie seit jeher aus, nämlich traumhafte Fahrdynamik und tolle Tuning-Möglichkeiten. Ein Eldorado für alle, die sich in der bitteren Realität kaum einen Ersatzreifen für eines der genannten Spielmobile leisten könnten.
Die PS2 kann's doch
Jetzt also gibt's Teil drei in Deutschland. Schöner, schneller und für die neue PS2-Konsole, die doch so viel leistungsfähiger sein soll als ihr Vorgänger. Behauptet zumindest Sony. Nur blieben die meisten Spiele, die seit dem Start der PS2 im vergangenen November erschienen, den eindeutigen Beweis dafür schuldig. Hier kommt er.
"Gran Turismo 3" eint rund 150 Autos aus aller Welt. Exotischere Modelle der Marken Chevrolet, Jaguar, Lamborghini, Lister oder Panoz stehen einmütig neben getunten Exemplaren von Porsche, Audi, BMW, Mercedes, Opel und VW.
Auch Strecken hat GT3 einige zu bieten. Inklusive aller Varianten sowie der für Prüfungszwecke verwendeten Schikanenpiste warten 35 durchweg gut designte Renn- und Rallyekurse auf den Bildschirmpiloten. Die meisten davon sind Kennern bereits aus den Vorgängerspielen bekannt, doch auch einige Neuzugänge sind zu verzeichnen. Hinter der Bezeichnung "Côte d'Azur" verbirgt sich beispielsweise ein Nachbau der Grand-Prix-Strecke von Monaco.
Egal ob Seattle oder Laguna Seca, jeder Kurs und jeder Wettbewerb stellt neue Anforderungen an den Spieler. Je nachdem, ob die Reifenabnutzung eine Rolle spielen soll, müssen Boxenstopps in die Renntaktik einkalkuliert werden. Dürfen es supersofte Rennslicks sein oder doch verschleißärmere Reifen der harten Sorte? Besonders die beinharten Freaks wird's freuen, wie deutlich sich solche Details auf der Piste bemerkbar machen. Und sie stimmen vermutlich ein Hurra an, wenn das Fahrverhalten mit verschlissenem Pneu zunehmend kritischer wird und das Auto immer näher an einen Dreher gerät. Früh-Bremser dagegen lassen sich von segensreichen Fahrhilfen unter die Arme greifen und haben im Duell mit den fitten Computergegnern einfach ihren Spaß.
Einen Blick riskieren
Genussmenschen sind bestimmt genauso begeistert wie die Tuning-Fraktion. Bisher jedenfalls hat die PS2 noch keine derart detaillierte, flüssige und umwerfende 3D-Optik hervorgebracht. Wirklich ein Fortschritt gegenüber Titeln für die alte Playstation! Speziell in den Wiederholungen kommen die Licht- und Schatteneffekte voll zur Geltung. Fast schon fotorealistisch, wie sich die komplette Umgebung auf dem polierten Autolack spiegelt.
Fazit: "Gran Turismo 3" zählt zweifellos zu den besten Rennspielen der Videospiel-Geschichte. Über diesen Köder dürfte sich besonders Sony freuen. Kriegt man damit doch endlich die bisher eher abwartende Vollgas-Klientel an die Angel, die eine Anschaffung der teuren PS2 nur zögerlich ins Auge fassen wollte. Vergleichsweise verführerisch wirkt in dem Zusammenhang ein Komplettpaket aus Konsole und "Grand Turismo 3", das zum selben Preis verkauft wird wie bis vor kurzem noch die nackte PS2: Happige 869 Mark, aber immerhin. Wer dann noch ein paar Lappen übrig hat, stellt sich für knapp 250 Mark ein Lenkrad namens "GT Force" dazu. Das bietet Rütteleffekte und einen zum Straßenzustand passenden Lenkwiderstand. Wer braucht da noch einen echten Porsche?