Gamers Corner Wider das Tomb-Raider-Syndrom
Der heute in Thousand Oaks nahe Los Angeles lebende Exil-Kubaner Ed del Castillo, 32, ist eher der stille, bescheidene Typ. Einer, der im Hintergrund guckt, dass die Rädchen niemals still stehen. Er hat schon mit Sid Meier gearbeitet, dem in Fachkreisen geradezu zur Legende hochstilisierten Erfinder von "Civilization". Der kalifornische Spiele-Hersteller Westwood vertraute ihm die Entwicklung von "Command & Conquer" und dem Nachfolger "Alarmstufe Rot" an. Das Design von Handlung und Figuren ging ihm offenbar gut von der Hand, denn beide Titel entwickelten sich zu Millionensellern. Sie wurden zu Auslösern für den jahrelangen Boom der Echtzeit-Strategie-Spiele. Eds Namen? Den kennt trotzdem niemand.
Mehr Mut zur Innovation
Das ist ihm aber egal und nicht der Grund dafür, dass er Ende 1998 sein eigenes Unternehmen namens Liquid Entertainment gründete. Zweieinhalb Jahre ist das jetzt her, seither arbeiten er und sein Team ausschließlich an einem PC-Spiel: "Battle Realms". Nach so langer Vorbereitungszeit fühlt sich Ed del Castillo nun einer Präsentation gewachsen und stellt sich Fragen wie der, warum er überhaupt das Risiko einging, ein eigenes Unternehmen zu gründen statt seine Ideen mithilfe eines großen Studios umzusetzen. "Weil ich damals dachte und noch heute denke, dass in der Spiele-Industrie vieles falsch läuft. Jeder macht nur noch Sequels. Wo bleibt der Mut zur Innovation?"
Der ist womöglich begraben worden, als in den letzten Jahren originelle Konzepte wie "Homeworld" oder "Alice" floppten. "Wenn's richtig gemacht ist und der Hersteller voll hinter dem Projekt steht, werden gute Ideen zu Megasellern", sagt Castillo. Das sehe man an "Die Sims" oder "Metal Gear Solid". "Für mich sitzen einfach zu oft die falschen Leute an den Schalthebeln. Manager aus der Auto- oder Nahrungsmittel-Industrie. Die spielen selber nicht und entscheiden aber, dass es billiger sei, Erfolge immer wieder auszuschlachten, statt Neues zu erfinden. Auf Dauer sind es die Spieler aber leid, das x-te 'Tomb Raider' oder 'Command & Conquer' vorgesetzt zu bekommen", wettert der Entwickler.
Fast wie in Kung-Fu-Filmen
Dass die Leute gelangweilt abschalten, diese Gefahr sieht er für sein eigenes Projekt "Battle Realms" nicht. Auf jeden Fall stecken gut funktionierende Ideen in dem Echtzeit-Strategiespiel. Europäische Sagen und asiatische Mythen werden zu einer interessanten Konfliktsimulation verbunden. Vier Clans (Lotus, Wolf, Drache und Schlange) kämpfen um Ländereien im fernen Osten. Der Spieler ergreift Partei für eine Seite, baut seine Truppe auf und bläst zum Angriff. Statt wie bei "Age of Empires", wo Legionen anonymen Kanonenfutters gegeneinander kämpfen, stehen sich hier individuelle Kämpfer mit Persönlichkeit gegenüber. Die Soldaten sind hervorragend animiert. Sie duellieren sich mit Judo-Griffen, Lanzen, Dolchen oder Säbeln - fast wie in Kung-Fu-Filmen. Umso spektakulärer wird dies, wenn im Spielverlauf Feuerkatapulte, Kriegshämmer, Raketenwerfer und magische Fertigkeiten zum Einsatz kommen.
Wer sich bereits an einem Echtzeit-Strategiespiel am PC versucht hat, findet sich schnell zurecht. Allen anderen hilft der eingebaute Trainingslehrgang. Mit Maus und Cursortasten werden Einheiten angewählt, Gruppen gebildet und über das Schlachtfeld bewegt. Trotz 3D-Grafik bleibt die Kameraperspektive unverändert. So geht die Übersicht nicht hinter drehenden und zoomenden Pixel-Hindernissen verloren.
"Battle Realms" könnte dem stagnierenden Strategiegenre Impulse geben. Es verfügt über eine überzeugende Rahmenhandlung, eine wunderschöne Grafik und bietet interessante Herausforderungen. Gerade in den Details zeigt sich die Raffinesse. So verleihen Kämpfe gegen furchterregende Oberbosse dem Spielablauf Spannung und Struktur. Interessant auch, wie das Wettermodell und die realistische Umweltsimulation miteinander interagieren: Wenn beispielsweise Feuerpfeile auf den Gegner abgeschossen werden, würde die heranziehende Regenfront nicht die Feuersbrunst löschen? Oder ziehen womöglich Funken die eigenen Gebäude in Mitleidenschaft? Also doch lieber Lanzen?
Es dauert noch ein paar Wochen, bis PC-Generäle vor solch schwierige Entscheidungen gestellt werden. Erst im Oktober sollen die deutschen und englischen Versionen von "Battle Realms" zeitgleich erscheinen. Gerade pünktlich, wenn es draußen wieder ungemütlich und kalt wird.