Gates-Doppelgänger: "Hey, haste mal 'ne Million?" - DER SPIEGEL
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Gates-Doppelgänger "Hey, haste mal 'ne Million?"

Sind Sie sich sicher, dass Sie Bill Gates gesehen haben? Es gibt Doppelgänger, die angeblich sogar von Microsoft selbst eingesetzt werden. Man kann damit reich werden, so auszusehen, als wäre man es schon.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dieses eigentlich unscheinbare Mäuerchen auf dem Campus von Microsoft in Redmond bei Seattle könnte zu den meistfotografierten Bauwerken seiner Art gehören. Der Grund: Nett lesbar steht da der Schriftzug "Microsoft", und so was muss immer wieder als Hintergrund herhalten für die zugegebenermaßen dröge Aufgabe, Unternehmensnachrichten zu bebildern.

Gemeinhin lümmeln sich dann diverse Mitglieder des Managements betont relaxed bis betont ernst blickend (je nachdem, wie die Kartellprozesse gerade stehen) links vor der Mauer im Bilde. Ungewöhnlich oft steht dort ein kleiner, eigentlich unscheinbarer Typ mit meist wirren, leicht fettig wirkenden Haaren, einer Brille von Harry-Potter-Dimensionen und - zumeist - gekleidet im Retro-Look der frühen Achtziger.

Doch Bill Gates ist nicht gleich Bill Gates.

Es gibt Nuancen. Manchmal ist er ein bisschen zu dick.
Manchmal würden ihn Freunde nur von vorn erkennen, nicht aber von der Seite.
Manchmal scheint er über Nacht gewachsen, geschrumpft, haariger, glatziger, gebräunter, blasser, dünner, nervöser, jünger, älter - vor dem kleinen Mäuerchen auf dem Campus von Microsoft in Redmond bei Seattle lassen sich die Bill-Gates-Doppelgänger dieser Welt fotografieren, weil ihr mit einem berühmten Vorbild geteiltes Gesicht dann noch ein bisschen echter wirkt.

So echt, behaupten Steve Sires  und John Ranlett , die bekanntesten "Gates-Verkörperer", dass sogar Microsoft selbst sie als Double für den großen Boss anheuere. Ehrlich.

Microsoft kommentiert so etwas nicht, was eigentlich ganz nett ist, vorherseh- und kalkulierbar: Microsoft kommentiert nämlich grundsätzlich nur dann etwas, wenn es gar nicht mehr anders geht. Wenn sich Claudia Schiffer morgen als Bill Gates ausgeben würde, dann wäre selbst das wahrscheinlich keinen Kommentar wert (außer Steve Ballmer hörte davon).

So aber können, dürfen und sollen die Gates-Doppelgänger zum Ruhme des Vorbildes wirtschaften, und benehmen sie sich nicht daneben, dann lässt sie auch "der Konzern" in Ruhe. Eines der Doubles, Steve Sires, hat es gerade auf die Leinwand geschafft.

Anfang 2001 spielte Tim Robbins "Gary Winston", einen fiesen Software-Magnaten nach bekanntem Vorbild

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Sires-Website: Weltweite Vermarktung einer Ähnlichkeit

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Foto: bogusbill
John Ranlett: Das Rennen unter den Imitatoren macht der, der auch mit Gates' körperlichen Veränderungen mithält

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Sires gilt als einer der besten Gates-Imitatoren der Welt, leistet sich mit microsortof eine eigene "Firma" und Vermarktung. Es gibt andere, die "Gates-ziger" aussehen. Aber, so heißt es, es gibt keinen außer Gates selbst, der den Bill überzeugender darzustellen vermag.

Das ist gut, erntet Lob und nährt seinen Mann: Zwischen 800 und 2000 Dollar muss man schon hinlegen für einen kurzen Auftritt. Und die Auftragsbücher sind voll genug, auch in Deutschland, wo er gleich über mehrere Agenturen zu buchen ist: Wann steigen die Preise?

Unternehmen leisten sich gern den Gag, sich vor ihren Gästen für Sekunden der Verwirrung im Licht des wahrscheinlich mächtigsten Industriekapitäns der Welt zu sonnen. Klar, der Bluff hält nicht lang. Aber lang genug: Manchmal, sagt Sires, falle es ihm schwer, Leute davon zu überzeugen, dass er nicht Gates sei. Doch, doch, beharrten gerade Touristen, und zerrten ihn vor die Kamera. Einmal im Bild mit Gates!

    Flashback: Roman hat Audienz

    Mitte März 1995, Köln.
    Bill Gates ist gelandet. Die Kunde macht die Runde auf dem Kongress der deutschen Wirtschaft. Längst haben die zahllosen Bodyguards eine Schneise in die Masse getrieben, den Haupteingang innen wie außen umstellt.

    Alles ist bereit.

    Auf der Galerie im ersten Stock stehend nehme ich die zweite, unauffällig linker Hand an den Wänden postierte Reihe von Bodyguards wahr. Ich beweise Nase.

    Die virtuelle Linie durch die dichtgedrängt stehende, auf den Haupteingang starrende Masse führt zu einem kleinen Nebeneingang. Keiner hält mich an oder auf. Draußen steht nur ein Kamerateam von SPIEGEL TV und zwei Bodyguards. Gleich wird sich zeigen: Sie sind Türen-Aufreiß-Spezialisten.

    Quietschende Reifen, Limousinen in schnittiger Anfahrt. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs: Bremsenquietschen. Dahinter noch vier oder fünf. Grobe Hände auf meiner Schulter, stoßen: Weg frei, hier kommt der kleine König! Rauscht aus dem Wagen, 20 Bodyguards um ihn. Kamerateam hinterher, ich hinterher. Die Bodyguards teilen die Menge wie Moses das Rote Meer. 15 Sekunden - und Gates ist weg. Zwölf Fotos. Gut. War das Gates?

    Später: Sechs Minuten Auftritt. Weiter nach Bonn.

    Am nächsten Morgen ist ein Foto in der Zeitung. Roman Herzog hatte Audienz bei Gates bekommen. Ganz förmlich und adrett gekleidet schüttelt der BRD-Präsident dem lässig - eine Hand in der Hosentasche - stehenden Bill die Hand. Der hat einen Mundwinkel lächelnd nach oben verzogen. Gates Augen fragen: Wer war das noch gleich?

    War das Gates? Und wenn nicht: Hätte das einer bemerkt?

    Dem Präsidenten, berichtete der SPIEGEL in der Woche darauf, "schwanden zeitweise die durchaus soliden Englischkenntnisse". Vor Aufregung, oder wegen der Hektik bei Gates überfallartigen Kurzauftritten?

Sires ist nicht echt - auch weil er Zeit hat

Gern landet er auf den Erinnerungsfotos der Touristen. Alles Werbung.

Dabei ist das gar nicht so witzig, wie Bill auszusehen. Verblüffenderweise gibt es gar nicht so viele "Lookalikes", wie man denken sollte: Dieses rundliche Ewige-Jungen-Gesicht, diese schwer zu bezeichnende 08/15-Haarfarbe, diese Allerwelts-Statur - sind die Straßen nicht voll davon? Ist Gates nicht ein richtiger Durchschnittstyp, fast ein Jedermann?

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Unbekannter Musiker: Macht Bill heimlich Blues?

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Ist er, zugleich aber auch nicht. Wer wie Bill aussieht, versucht das meist zu verbergen: Da reicht eine andere Frisur, eine andere oder keine Brille.

Wer so aussieht wie Bill, den hauen auf der Straße die Passanten an: "Hey, haste mal 'ne Million?"

Dem spucken die Linux-Fans, die Apple-Fanatiker vor die Füße. Der trägt das Gesicht, von dem jeder zweite Möchtegern-Kidnapper sich wünscht, er hätte es im Keller. Der muss sich Sorgen machen um die Heerscharen der Vollbescheuerten in dieser Welt. Der will er selbst sein und kein Bill. Denkt man.

Alles halb so schlimm, sagt Steve Sires. Spott sei selten, aggressiv sei noch niemand geworden. Nein, er hat keine Angst, er könnte von einem Irren verwechselt werden. Trotzdem haben es viele Doppelgänger gar nicht gern, als Kopie eines Originals gesehen zu werden.

Wie Arten Trunov. Der gewann zwar bei einem universitären Bill-Gates-Doppelgänger-Wettbewerb . Fotografieren lassen wollte er sich aber nicht so gern. Ein Foto gibt es aber. Sieht Gates-zig aus.

"Schüchterne Bills"

Trunov gehört wohl zur Spezies der "schüchternen Bills", und davon gibt es scheinbar eine ganze Menge. Typen, die so aussehen wie der große kleine Bill - und sich deshalb von ihren Freunden und Kollegen hopp nehmen lassen müssen.

Dann kann es schnell passieren, dass ihre Fotos im Web kursieren - und keiner weiß mehr, woher sie kamen und wen die Bilder zeigen. So wie dieser blasse Typ auf diesem Schwarz-Weiß-Foto irgendeiner Band: Der lehnt da lässig-linkisch an der Mauer und schaut Gates-zig wie sonst keiner in die Linse. Wer ist das? Warum ist er bei keiner Doppelgänger-Agentur unter Vertrag? Ist das nur Glück für Sires und Co - oder macht Bill heimlich Musik?

"Sieht aus wie ein Gates", heißt im Web aber auch: langweilig. Geekig. Schlechter Haarschnitt, fahle Cordhosen und linkisches Auftreten. Meistens ist damit der Gates der Achtziger gemeint, denn heute wird er immer professioneller, glatter, souveräner. Er sieht aus, wie es auf Steve Sires Website heißt, "wie eine Milliarde".

An der muss Sires wohl noch ein paar Tage sparen, aber arm wird er auch nicht bei seinem Job. Er hat den Weg gewählt, als "Bogus Bill" selbst und unter seinem eigenen Namen bekannt zu werden - nebenbei betreibt er noch ein Ingenieurbüro. Andere Gates-Doppelgänger bleiben anonym, selbst wenn sie sich über Agenturen vermarkten. Nach dem Auftritt reicht dann der Griff zum Kamm. Die Brille verschwindet in der Tasche, wie das Honorar. Selbst als Fälschung verdient Bill Gates an einem Tag noch so viel wie andere Menschen im Monat.

Was für ein Glück, wenn man so aussieht.

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