Größte Internet-Attacke aller Zeiten War da was?
Distributed-Denial-of-Service-Attacken sind ein wenig aus der Mode geraten, könnte man denken: Nachdem es vor knapp eineinhalb Jahren gleich serienweise dazu kam, dass große Websites manchmal für Tage unter der Last massenhafter, gesteuerter Seitenaufrufe in die Knie gingen, hat man lang nichts mehr davon gehört. Daraus zu schließen, dass solche Dinge nicht mehr geschehen, wäre natürlich verfrüht: Kleinere, unzureichend geschützte Anbieter kollabieren jeden Tag irgendwo im Internet - und rappeln sich wieder hoch, bevor es jemand bemerkt.
Eine mögliche Attacke auf die Struktur der Root-Server jedoch gehört seit Jahren zu den Schreckensszenarien, die Sicherheitsfachleute gern an die Wand malen, wenn sie über "Cyberterrorismus" reden. Am Montag war es endlich soweit: Unter der bisher angeblich "größsten und höchst entwickelten Attacke" ihrer Art brachen neun der 13 Root-Server, ohne die im Internet so gut wie nichts läuft, unter einer unvermittelt einsetzenden Überlast zusammen.
Sofort geschah gar nichts
Niemand bemerkte den Super-GAU, der - folgt man den Argumentationen diverser staatlicher Sicherheits-Institutionen - die Freiheit des christlichen Abendlandes akut hätte gefährden können. Eine Stunde lag ein Teil des Netzes darnieder, doch dann lief es endlich wieder. War da was?
Ja, da war was: Zum Beispiel eine mit Vertretern des Weißen Hauses und des FBI Nationale Infrastructur Protection Centers prominent besetzte Pressekonferenz, in der die hochrangigen IT-Sicherheitsbeamten die versammelte Presse darauf hinwiesen, dass und was sie da gerade nicht bemerkt hatten.
Dabei wissen die Experten selbst nicht so genau, was da überhaupt geschehen war: Die Attacke setzte plötzlich ein, dauerte rund eine Stunde - und brach unvermittelt ab.
Was sie verursacht hatte, ist unbekannt
Bekannt ist dagegen, dass ihre Effekte in die Liga "Reissack in China geplatzt" gehören: Es ist schon schwer, den Medien einen Teufel zu erklären, der zwar tanzt, aber nicht tritt.
Dabei bereiten sich gerade die Vereinigten Staaten seit Jahren gezielt auf solche Szenarien vor. Prominent ist neben der FBI-Cybersecurity-Abteilung vor allem die "Critical Infrastructure Protection Board" genannte Behörde unter Richard Clarke, die Georg W. Bush gern zu einem wichtigen Teil des in Gründung befindlichen Sicherheits-Ministeriums Office of Homeland Security machen würde - und dahinter verbirgt sich kaum etwas anderes als der Versuch, die zahlreichen US-Geheimdienste unter einem Dach zusammen zu führen. Tatsächlich war die mögliche Cyberattacke auf die Struktur der Rootserver seit Monaten schon Clarkes' Lieblingsthema. Kam ja wie bestellt: Clarke, ganz Polit-Profi, verkniff es sich, sich öffentlich zu freuen.
Die Fachwelt: Zwischen "Na und?" und "Ne, was waren wir toll!"
Unter Fachleuten führte die Information über die unbemerkte Mega-Beinahe-Katastrophe einerseits zu heftigen Anfällen im Schulterzucken (Louis Touton von Icann: "Soweit wir wissen, hat kein Internet-Nutzer die Attacke bemerkt, man hat sich mit ihr beschäftigt und nun geht das Leben weiter"), andererseits zu ausgeprägten Eigenwerbungs-Reflexen: "Wir waren darauf vorbereitet", pompöste etwa Brian O'Shaughnessy, Sprecher von VeriSign, die zwei der zehn amerikanischen Root-Server hüten, "wir kooperierten präventiv mit Kollegen und den zuständigen Behörden".
Was auch immer das heißen mag: Drama, nimm Deinen Durchlauf.
Doch auch, das Ganze als Lehrstück in Sachen Leerstück aufzufassen, wäre übereilt: Es hätte ja etwas geschehen können. Die Experten sind sich einig, dass ein Ausfall von mehr als vier Root-Servern über einen längeren Zeitraum dazu führen könnte, dass sich der Verkehr im Internet immer zähflüssiger bewegen würde. Was hier "längerer Zeitraum" bedeutet, darüber gibt es allerdings nur theoretische Vorstellungen.
Trotzdem: Selbst der Vollstillstand, in Zeiten einer vernetzten Welt wahrhaft ein GAU, wäre nicht auszuschließen: Dabei könnten nun wirklich erhebliche Schäden entstehen - man denke nur an die internationalen Börsenplätze.
Denkbar sind solche GAUs heute eigentlich nur noch in Form von konzertierten Attacken auf die Root-Server-Strukturen. Bei White House und Wall Street darf man getrost davon ausgehen, dass diese so gut gesichert sind und über so reichhaltige Doppelstrukturen verfügen, dass an ihnen eine "normale" DDoS-Attacke wirkungslos abtropft. Doch auch das DNS-System, das innerhalb des Internet die Rolle des "Stellwerks" übernimmt, Datenwege und Adressen identifiziert und zuordnet und über die Root-Server verwaltet wird, verfügt offenbar über weit mehr "Puffer", als bisher bekannt.
Viele der DNS-Informationen, die von den Root-Servern regelmäßig an die untergeordneten Strukturen ausgeliefert werden, werden in der Realität von den Servern großer Firmen und Provider gecacht. Im Klartext: Sie bemerken eine ganze Weile gar nicht, dass irgend etwas passiert ist, weil sie auf die Root-Server gar nicht zugreifen.
Revolte gegen das "amerikanische" Internet: Schon entstehen in Europa alternative Strukturen, die das Root-Server-System entlasten und festigen würden. Die Möglichkeiten sind technisch relativ einfach und billig, gewünscht sind sie nicht: Die USA fürchten um ihre Kontrolle über das Internet. Weiter...
Solche Caches halten den Verkehr aufrecht, weil ihre DNS-Informationen im Verfahren des Peering immer wieder zum Zuge kommen: Die im Internet zusammengefassten Einzelnetzwerke verschiedener Betreiber reichen ja die adressierten Datenpäckchen weiter. Tun sie dies zielgenau, würde ein zeitweiliger Ausfall des Root-Systems gar nicht auffallen. Prinzipiell ist das jedermann klar: Gerade deshalb wurde ja die einst nur über einen Root-Server laufende Struktur auf 13 auch geografisch verteilte Root-Server aufgeteilt. Immerhin zehn davon stehen allerdings noch immer in den USA.
Genau hier sehen Kritiker auch den Ansatzpunkt, Gefahren für Infrastrukturen durch Attacken auf das Root-System abzuwenden: In einer echten, weitreichenden Dezentralisierung des Internet.
Ähnlich wie bei verteilten P2P-Börsen, argumentieren sie, sollten die Root-Informationen an Supernodes verteilt werden, die als Klein-Stellwerke nur dann auf die Rootserver zugriffen, wenn sie mit einer unbekannten Adresse konfrontiert würden: KaZaA als Modell für ein stabileres Internet.
Statt also zigmal täglich das Telefonbuch neu auszuliefern und die Nutzung zum Vorteil der Vermittlungsstelle an den Verzicht auf ein eigenes Archiv zu koppeln, könnte man die Root-Server auch als bloße Auskunftsstellen gebrauchen.
Auch im Falle des Ausfalles ginge dann die Welt nicht unter: Wenn die Auskunft nicht erreichbar ist, vielleicht weiß ja ein Kollege (Klein-Root-Server) die gesuchte Nummer?
ORSN: Der Aufstand hat längst begonnen
Völlig unabhängig von der montäglichen DDoS-Attacke ging heute ein "ORSN" an die Öffentlichkeit: ein "Open Root Server Network" .
Als "Backup für das bestehende, von der Icann koordinierte und hauptsächlich von Amerika aus verwaltete globale Root-Server Netzwerk" wollen "acht engagierte ISPs und Operatoren" eine "autonome Verwaltung und Nutzung der weltweiten Root-Server und ihrer TDLs in Europa" schaffen. Das alles soll "100 Prozent Icann-kompatibel" als regionale Doppelung der Struktur funktionieren: ein regionalisierter Internet-Ansatz.
In einer ersten Pressemitteilung des ORSN heißt es wörtlich: "Die daraus resultierende Lastverteilung hat neben den politischen Implikationen auch ausgesprochen positive Auswirkungen z.B. in der Geschwindigkeit für Nutzer in Europa".
Das ist nicht nur Service, sondern vor allem Politik: "Das ORSN-Projekt stellt keine Absonderung vom 'amerikanischen' Internet dar, soll jedoch die Einflussnahme der USA erheblich einschränken."
Als Gründungsmitglieder zeichnen acht Unternehmen aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden. Die Keimzelle des Widerstandes liegt scheinbar in einem 30-Kilometer-Kreis rund um Bonn im Eifelvorland: warum nicht?
Alternativen sind gut, Kontrolle besser
Denkbar ist die "Lastverteilung" also durchaus, gewünscht ist sie von den USA nicht.
Denn entgegen weit verbreiteter Mythen ist das Internet noch immer überraschend zentralisiert organisiert. Kein Wunder, denn unter dem Strich bedeutet das Kontrolle, und das heißt Geld für die Sicherheitsbehörden und Macht über die Datenwege. Potenziell könnte der Verwalter des "Root Server A" morgen entscheiden, dass der Irak oder Nordkorea in virtuelle Isolation zu nehmen seien: Wie schön, dass der Server in Kalifornien steht und mittelbar von der amerikanischen Regierung kontrolliert wird.
Und es geht weiter. Diverse Schreckgespenste helfen immer wieder, in der Öffentlichkeit Steuergelder freizuklopfen, um den weiteren Aufbau von IT-Sicherheitsstrukturen zu fördern, die vor allem eines sichern: Die Interessen des Staates über den Einsatz von IT-Mitteln. Der IT-Kritiker Rob Rosenberger sieht gar eine Symbiose zwischen denen, die stets Panik machen, und denen, die ihnen den Gefallen tun, im Internet Mist zu bauen: Mit Angst und Hysterie, meint er, lässt sich Geld verdienen - oder Pfründe sichern.
Die Struktur der Root-Server zu stabilisieren und gegen Attacken zu schützen, wäre dabei einfach und billig, ginge aber mit Kontrollverlust einher. In der nun sicher folgenden Debatte darüber, wie man die kritische Infrastruktur künftig noch besser schützen könnte, wird dem Critical Infrastructure Protection Board sicher aber noch anderes einfallen: Warum sollte man sonst am Tag nach einer wirkungslos verpufften Attacke vor die Presse treten und ein bisschen Panik machen?
So kann man die bisher "größte und höchst entwickelte" DDoS-Attacke vom Montag als Warnschuss begreifen, der auf die Verletzlichkeit einer sicherlich kritischen Infrastruktur hinweist. Oder man sieht sie als Startschuss für die nächste Etatdebatte in Sachen Cyber-Security: Wie es im Internet so üblich ist, schwappt das dann auch schnell über den Atlantik. Demnächst im Bundestag?