Großbritannien: Wählen via Internet - DER SPIEGEL
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Großbritannien Wählen via Internet

Ein Pilotprojekt für die Demokratie im 21. Jahrhundert: Via Internet und Telefon können in Saint Albans und 29 anderen britischen Gemeinden bei der Kommunalwahl die Stimmen abgegeben werden. Das nennt sich "e-democracy", und alle halten es für eine prima Sache.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Casa in Saint Albans, vor einem Jahr eröffnet, ist einer dieser hippen Pubs mit großen Ledersofas und flachen Tischen. In einem Ambiente aus restaurierten Ziegelwänden, Parkettböden, abstrakter Kunst und Soulmusik entspannen sich Professionals, Singles zwischen 20 und 30.

Am kommenden Wochenende wird das Casa auch zu einem Lokal im politischen Sinne, einem Wahllokal. Vorne an den großen Scheiben steht ein Monitor, mit dem bei der Kommunalwahl gewählt werden kann, via Internet. "Wahl-Kiosk" wird das Touch-Screen-Module genannt.

"Your say, your way" heißt der Slogan des Pilotprojekts, "More ways to vote". Die britische Regierung will im 41 Kilometer nördlich von London gelegenen Saint Alban und 29 anderen Gemeinden herausfinden, ob das Schlangestehen im Kindergarten oder einer Schule die ultimative Form der Demokratie ist oder ob moderne Medien nicht auch für das Wählen genutzt werden können.

Praktizierte "e-democracy" heißt der Begriff dafür in Saint Albans, und funktionieren tut es so: Per Royal Mail - die gute alte Sackpost wird immer noch gebraucht - bekommen alle Interessenten getrennt sowohl eine 16-stellige VIN, "Voter Identification Number", als auch eine vierstellige PIN zugeschickt. Mit diesen beiden Nummer kann man im Casa schnell mal wählen, bevor man sich das nächste Bier holt. Oder gemütlich zu Hause am Computer. Oder gleich per Telefon, mobil oder immobil.

Der Gemeinderat von Saint Albans votierte einmütig dafür, mit zwei Unterstimmkreisen von je 5000 Wahlberechtigten beim Pilotprojekt mitzumachen. British Telecom hat die Projektleitung übernommen, und Oracle, die zweitgrößte Software-Firma der Welt, hat ein idiotensicheres Wahl-Menü entwickelt. Umsonst ist das nicht, die ganze Übung kostet eine Million Pfund, respektive 1,63 Millionen Euro. Dafür ist es aber auch eine Weltpremiere.

Die Regierung hat das Pilotprojekt gestartet, um etwas gegen das Phänomen zu tun, das in Deutschland Politikverdrossenheit genannt wird und auf der Insel "voter apathy" heißt. Bei der letzten Unterhauswahl im Juni vergangenen Jahres gingen überhaupt nur noch 59 Prozent der Wahlberechtigten an die Urnen. Dass die Regierung von Tony Blair nur mit 24 Prozent der Stimmen aller Wahlberechtigten 62 Prozent der Sitze im Unterhaus bekam, war sogar der siegreichen Labour Party ein bisschen peinlich. Da sich besonders die jungen Brits beim Wählen abstinent zeigen, geht es bei dem Pilotprojekt vor allem um sie.

"Wenn wir ihre Technologien nutzen", hofft deshalb auch eine Labour-Gemeindrätin in Saint Albans, "können wir die Jungen wieder in den politischen Prozess reintegrieren." Auch ihr konservativer Kollege Julian Daly preist das Projekt als "unsere Vision des Wählens im 21. Jahrhundert", die dem "modern lifestyle" entspräche. "Es ist ein ziemliches Experiment", räumt der Tory allerdings ein. "Wir haben keine Ahnung, wie viele das Angebot auch nutzen werden."

Wenn man zwei junge Frauen als repräsentativ ansieht, die im Casa Weißbier trinken, könnte die Sache ein voller Erfolg werden. "Ist doch toll, am Sonntagabend schnell mal am Computer wählen", meint Alexandra Schluecker, 25. "Ich mache doch sowieso alles mit dem Internet." Ihre Freundin Janine Eastwood, 27, sagt: "Coole Idee. Schließlich geht doch jeder in den Pub. Warum nicht hier schnell wählen?"