Hackergeist: Google will in Ihren Rasensprenger - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Hacker, her gehört: Google umwirbt Technik-Bastler

Foto: Marcio Jose Sanchez/ AP

Hackergeist Google will in Ihren Rasensprenger

Google hat mit seiner Ankündigung eines Musik- und Filmdienstes im Netz Amazon und Apple offen attackiert. Doch diese Schritte erscheinen halbherzig und ein bisschen öde. Viel interessanter: Google will jetzt auch Lichtschalter, Rasensprenger und Garagentore erobern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was Google da gestern Abend deutscher Zeit in San Francisco vorgestellt hat, ist kein echter Schritt nach vorn. Einen Streaming-Dienst für Musik, der einem auf beliebigen Geräten Zugang zum gewünschten Sound bietet - so etwas gibt es schon. Der Service heißt Spotify und hat gegen über Googles "Music Beta" einen entscheidenden Vorteil: Man kann sich dort nahezu beliebige Musik anhören. Nicht nur solche, die man vorher als CD oder Download eingekauft hat.

Googles Musikdienst beschränkt sich im Moment auf das, was der einzelne Nutzer selbst bereits besitzt und in zeitraubenden Online-Sitzungen auf Googles Server hochgeladen hat - so einen Dienst bietet auch schon Amazon an. Sollte der Dienst wirklich Verbreitung finden - wie viele Versionen von Lady Gagas "Telephone", wie viel mal "Bohemian Rhapsody" wird Google wohl auf seinen Servern vorhalten müssen, nur um einen juristischen Konflikt mit der Musikbranche zu vermeiden?

Erfolgversprechender scheint da der Film-Streaming-Dienst, der immerhin auf Vereinbarungen mit diversen großen Studios basiert, also nicht den gleichen juristischen Einschränkungen unterliegt. Aber Videos aus dem Netz auf Handy, Tablet, TV - das gibt es andernorts längst (zumindest für US-Bürger - aber auch Google sperrt Europäer vorerst aus). Wirklich aufregend ist das nicht, wenn auch wirtschaftlich erfolgversprechend, angesichts von bereits jetzt 100 Millionen Android-Geräten weltweit.

Android soll Haus- und Gartentechnik steuern

Der interessanteste Aspekt der ersten Keynote-Veranstaltung von Googles Entwicklerkonferenz Google I/O aber war denn auch ein ganz anderer - und einer mit möglicherweise mittelfristig größerer Bedeutung. Android als Betriebssystem soll geöffnet werden für externe Peripheriegeräte, soll eines Tages sogar Haus- und Gartentechnik steuern können, von der Schlafzimmerbeleuchtung bis hin zum Rasensprenger. Offene Hardware-Schnittstellen sollen, im Verbund mit passenden Apps für das Android-Handy oder -Tablet, als Inspiration für eine Flut von nützlichen Zusatzgeräten dienen.

Im Moscone-Center, wo die Konferenz stattfindet, ist derzeit ein demonstrativ gewaltiges Beispiel zu bewundern: Ein 25 Quadratmeter messendes Holzlabyrinth, durch das mittels Kippbewegungen eine Kugel bugsiert werden muss. Das überdimensionale Kinderspielzeug wird mit einem zierlichen Android-Tablet gesteuert - kippt der Spieler den Flachrechner, übermitteln dessen Lagesensoren die Bewegung an die gewaltige Spielfläche. Die Entwickler stehen Schlange, um sich daran zu versuchen. Zwischen den Schaulustigen fahren kleine grüne Android-Roboter auf zwei Rädern herum, gesteuert über das ehemalige Handy-Betriebssystem. Die Google-Konferenz zelebriert das Spielerische, was bei den versammelten Entwicklern hervorragend ankommt.

Google umwirbt die Hardware-Hacker

Das Herumspielen mit Hardware, Basteln und Heimwerkertum auf dem Niveau des digitalen 21. Jahrhunderts, ist in den USA ein großes Trendthema. "Wired" widmete den "Makers", den Machern dieser neuen Do-it-yourself-Kultur eben eine große Titelgeschichte, im Fachverlag O'Reilly erscheint schon seit Jahren das "Make"-Magazin, das beispielsweise erklärt, wie man sich einen servobetriebenen Mini-Saurier baut oder ein Garagentor, das sich automatisch öffnet, wenn man mit seinem Smartphone in die Nähe kommt.

US-Bastler fräsen sich mit gebraucht gekauften alten Industriemaschinen, mit digitaler Eigenbau-Technik angereichert, zu Hause eigene Fahrradbauteile, andere stellen selbst Kinderspielzeuge oder Flaschenöffner her, mit 3D-Druckern, die man als Bastler wiederum selbst zusammensetzen und programmieren kann. Simple, quelloffene Microcontroller-Boards wie das des Arduino-Projektes  werden schon jetzt für eine Vielzahl von Anwendungen eingesetzt, von autonomen Mini-Robotern bis hin zu Zimmerpflanzen, die um Hilfe twittern, wenn es ihnen an Wasser mangelt.

Diesen Hardware-Hacker-Geist will Google nun anzapfen. Warum nicht, so das offenkundige Kalkül, die Kreativität dieser blühenden Szene nutzen, um weiteren Mehrwert rund um das eigene Betriebssystem zu schaffen? Warum nur Softwarebastler umarmen, damit sie Apps entwickeln, und nicht auch Hardwarebastler, damit sie mit ihren cleveren Ideen Android zum Zentrum einer neuen Open-Source-Revolution jenseits der Bildschirme machen?

Für den Google ist dieser Schritt von zentraler Bedeutung - und die einzige große Innovation, die die I/O-Konferenz bislang zu bieten hatte. Wenn es dem Konzern, der im Internet geboren und groß geworden ist, auf diese Weise gelingen sollte, sich im realweltlichen Alltag, in den Rasensprengern, Garagentoren und Blumentöpfen der Menschen breitzumachen, wäre das ein großer Schritt - und einer, dem die großen Rivalen Microsoft und Apple derzeit wenig bis nichts entgegenzusetzen haben.

Hinter Google Music Beta steckt Anwalts- statt Hackerlogik

All das passt gut zu dem kreativ-chaotischen, leicht anarchischen Selbstbild, das Google noch immer pflegt. Der Angriff aus der Wolke auf Apple, Amazon und Co. dagegen, der in der Dienstags-Keynote breiten Raum einnahm, wirkt dagegen halbherzig und bemüht. Vielleicht, weil es darin letztlich und ziemlich offenkundig ums Geldverdienen geht, mit Ideen, die andere schon umgesetzt haben, aber juristischen Selbstbeschränkungen, die den Erfolg vor allem des neuen Musikdienstes schon jetzt zweifelhaft erscheinen lassen.

Hinter dem Modell von "Google Music Beta" steckt nicht Hacker- sondern Anwaltslogik: Weil den Nutzern ja schon gehört, was sie da an Sound aus der Wolke holen, wird hier auch kein Copyright verletzt. Was aber gleichzeitig bedeutet, dass jedes einzelne Musikstück immer und immer wieder hochgeladen werden muss, für jeden einzelnen Besitzer eines Songs. Das ist weder elegant noch effizient. Und für die Nutzer höchst lästig, denn wer die 20.000 Songs vollmachen will, für die die vorerst kostenlose Betaversion Platz hat, der wird seinem Rechner viel Zeit einräumen müssen, um all die Bytes auf Googles Server zu schieben. Spotify-Nutzer dagegen müssen nur einschalten und drauflos hören. Es ist davon auszugehen, dass Google weiterhin fieberhaft mit den großen Labels verhandelt, um den eigenen Dienst von diesen juristischen Krücken zu befreien.

Gegen Ende der Keynote wurde ein Beispiel für die Möglichkeiten der neuen "Tungsten"-Hardwareerweiterungen für Android vorgestellt, das zeigen könnte, wohin die Reise aus Googles Sicht wirklich geht. Da wurde eine CD-Hülle kurz gegen eine Kugel getippt, ein Ping ertönte. Die Erklärung: Die neu gekaufte CD sei jetzt, dank eines sogenannten Near Field Communication (NFC) Chips erkannt und automatisch der eigenen Bibliothek hinzugefügt worden. Ein weiteres Antippen der Kugel mit der CD-Hülle - und Run DMC bollerte aus den Lautsprechern. Hochgeladen wurde dazwischen nichts.