Hackertreffen OHM Ausbildungscamp für Whistleblower
Panel zu Whistleblowing auf der OHM: "Wenn ich es nicht mache, wer dann?"
Foto: SPIEGEL ONLINEAuf ein paar abgelegenen niederländischen Wiesen gilt Edward Snowden uneingeschränkt als Held. Hier findet derzeit eine mehrtägige Hackerkonferenz unter freiem Himmel statt, und Snowden begegnet den Besuchern an jeder Ecke: Manche Teilnehmer tragen T-Shirts, auf dem ein Bild von ihm gedruckt ist, andere verteilen kleine Taschenlampen, beklebt mit seinem Foto. Der Enthüller wird hier gefeiert, fast verehrt - und kann sich der Unterstützung der Szene sicher sein. Weil der Computerexperte nicht einfach weitergearbeitet hat, sondern seinen Beruf und sein bisheriges Leben aufgegeben hat, um "in die Pfeife zu blasen", also Alarm zu schlagen.
Whistleblowing ist ein Schwerpunktthema der diesjährigen OHM. Es gibt verschiedene Vorträge und Workshops, die sich mit dem Enthüllen und dem Aufdecken von Missständen befassen. Auf einem Panel sitzen fünf Menschen, die das in der Vergangenheit bereits getan haben: Annie Machon, eine ehemalige Geheimdienstmitarbeiterin des britischen Security Service (MI5), Raymond McGovern, Ex-Offizier der CIA, die Ex-FBI-Agentin Coleen Rowley, der ehemalige NSA-Mitarbeiter Thomas Drake und Jesselyn Radack, ehemalige Juristin im amerikanischen Justizministerium.
Sie alle sind zu Whistleblowern geworden wie Edward Snowden oder Bradley Manning welche sind, Menschen also, die bei ihrer Arbeit Missstände entdeckt und diese öffentlich gemacht haben. Auf der OHM ermuntern sie die Hacker, solche Menschen zu schützen vor Verfolgung und Diffamierung, und im Zweifel selbst Alarm zu schlagen.
"Die Whistleblower waren Leute von uns"
Das ist ein guter Ort für so einen Aufruf. In so einem Vortragssaal auf einer Hackerkonferenz dürfte der ein oder andere sitzen, der wie Edward Snowden bei seiner Arbeit Zweifelhaftes erfährt. Hier sitzen Programmierer und Systemadministratoren, Menschen, die für Regierungen und Firmen Programme schreiben, die womöglich vieles wissen, was die Öffentlichkeit auch gern wüsste. Hier sitzen die Strippenzieher aus dem Hintergrund. "Die Whistleblower, die wir in der jüngsten Vergangenheit kennengelernt haben, waren ja Administratoren - also Leute von uns", sagt ein Sprecher der OHM. Vielleicht trägt ja auch von den Besuchern der ein oder andere ein Geheimnis mit sich herum, vielleicht hat mancher ein moralisches Problem mit seiner Arbeit - und hält sich trotzdem zurück. In einer derartigen Situation, sagt der Ex-NSA-Mitarbeiter Thomas Drake, laufe es auf eine Frage hinaus: "Wenn ich es nicht mache, wer dann?"
Nur kann das Aufdecken eines Skandals für den Enthüller schwerwiegende Folgen haben, und deshalb fallen viele große Worte in dieser Gesprächsrunde: Von Mut ist die Rede, von Freiheit und Aufklärung, von Bewusstsein, Ethik - und Angst. "Man muss nicht ins Gefängnis gehen", sagt die Ex-Geheimdienstlerin Annie Machen, "aber man kann sich einer Sache entgegenstellen. Man kann sagen: Das ist falsch. Das mache ich nicht." Dazu rät auch die ehemalige FBI-Agentin Coleen Rowley: "Macht den Großmutter-Test: Fragt Euch bei dem, was Ihr macht, ob ihr das auch machen würdet, wenn Eure Oma Euch dabei über die Schulter sehen würde." Die fünf auf der Bühne bekommen Standing Ovations, alle hier sind sich einig: Whistleblower sind Helden.
Tipps für die nächsten Enthüller
Wer selbst zu einem werden möchte, bekommt anderswo auf dem Zeltplatz praktische Tipps: In einem Workshop zum Beispiel wird behandelt, mit welchen Konsequenzen man als Whistleblower rechnen muss und auf was man sich vorab vorbereiten kann. "Es geht darum, es richtig anzustellen. Damit man als Whistleblower eben nicht im Gefängnis landet oder um die halbe Welt fliehen muss", so der OHM-Sprecher.
Deshalb wird hier an Leaking-Plattformen gearbeitet und darüber gesprochen, welche Schutzvorkehrungen man treffen sollte, bevor man mit einem Datensatz an die Öffentlichkeit geht. Und es geht auch um juristischen und politischen Beistand für Enthüller.
Nicht zuletzt werden die Computerfachleute im Umgang mit der Presse geschult, damit sie im Fall eines Falles wissen, wem sie wann wie viel verraten. Den größten Schritt allerdings müssen sie am Ende selbst tun: Sie müssen sich trauen.