Häuser-Projektion Zensor statt Künstler
Mit einer eigenen Homepage ist Markus Heinsdorff bereits im Netz der Netze vertreten. Damit gibt sich der 45-Jährige allerdings nicht zufrieden. "Ich muss", sagt er, "als Künstler Einfluss nehmen auf dieses Medium." "Internet-Kunst" darf dabei aber auch nicht herauskommen. Vielmehr will der gelernte Steinmetz und Goldschmied das Medium Internet "wie ein Stück Ton" in seine Arbeit einbeziehen.
Die Idee, wie so etwas aussehen könnte, war schnell geboren. Sie lautete, so Heinsdorff: "Mensch, wir tun das riesengroß projizieren. Wir zeigen das Netz." Das Ergebnis können sich Münchens Bürger seit Anfang des Jahres auf dem Hochhaus der HypoVereinsbank anschauen. Allabendlich flimmern dort, 30 Meter breit und 30 Meter hoch, Webseiten über die Fassade. Webseiten, die angeblich im gleichen Moment von, so Heinsdorff, "irgendeinem anonymen Internetsurfer auf der Welt angesurft" und von einem "Zufallsgenerator" ausgewählt werden. Projiziert wird das Ganze aus einer 160 Meter entfernten Wohnung, mit einer Leistung von zweimal 3600 Watt, für Gesamtkosten von rund 150.000 Mark.
Ist das Kunst? Heinsdorff hat eine simple Antwort parat: "Ja, weil ich es zur Kunstform erkläre." Und er liefert sogleich die Begründung für sein Tun nach: Falls sich die Gesellschaft tatsächlich im Internet spiegle, müsse dies auch auf der Hausfassade deutlich werden. Gleichzeitig wird die Projektion selbst wieder mit einer Webcam ins Netz übertragen. Für Heinsdorff der "Spiegel des Spiegels sozusagen."
Vor allem aber ein Spiegel, der nur einen Teil der Wirklichkeit reflektiert. Denn was auf die Bankfassade geworfen wird, entscheiden der Künstler oder seine Helfer. Nackte Haut ist tabu. Die hat die Stadtverwaltung, so Heinsdorff, "striktenst untersagt". Ansonsten könnte womöglich der Straßenverkehr, immerhin 100.000 Autos pro Tag, ins Stocken kommen. Glücklich ist Heinsdorff mit der städtischen Auflage allerdings nicht. "Ich hätte sehr gerne Erotik gezeigt, weil es dazu gehört."
Bei rechtsextremer Propaganda wird der Künstler dagegen selbst zum Zensor. "So was würde ich von vornherein ausschließen", sagt der 45-Jährige - und steht damit selbst im Widerspruch zum Grundgedanken des Netzes. Doch Heinsdorff ist sich sicher: "So ein Projekt kann man gar nicht ohne Zensur machen."
Macht nichts. Denn dem Aktionskünstler fallen ohne Probleme weitere positive Aspekte seines Werkes ein. Dadurch, dass die projizierten Seiten im gleichen Moment irgendwo auf der Welt aufgerufen würden, hinterließen die, so Heinsdorff, "anonymen Protagonisten des Web-Prangers" ihre Spuren im öffentlichen Raum. Das unsichtbare Netz nehme plötzlich Gestalt an. Und es kommt noch besser: "Den Namen der Benutzer auch noch hinzuschreiben, wäre eine Kleinigkeit."
Wohl kaum. Denn die für die Projektion in Frage kommenden Internet-Adressen stammen aus so genannten Proxy-Servern, die überall auf der Welt zum Zwischenspeichern von Webseiten benutzt werden. Anonym, versteht sich. In München werden die Adressen dann gesichtet und ausgewählt.
Von solchen Kleinigkeiten lässt sich Heinsdorff nicht abhalten. Von Kritikern, die ihm eine allzu große Nähe zu den Sponsoren vorwerfen, auch nicht. Warum auch? Schließlich sagt der Künstler selbst über sein Projekt: "Tatsächlich ist es ja eigentlich Werbung". Gerade dieser messerscharfe Grat zwischen Kunst und Kommerz aber mache die Sache "verdammt spannend".
Wie spannend, davon können sich demnächst auch die Berliner überzeugen. In der Hauptstadt soll die Installation am Potsdamer Platz zu sehen sein. Und weil dort keine Autos fahren, will Heinsdorff auch Erotik zeigen. Gleichzeitig soll das Projekt interaktiver werden. Mit Passanten, Spielen, Datenhandschuhen. Oder so.
Alexander Stirn