Heirat: Britney wird Mrs. AOL - DER SPIEGEL
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Heirat Britney wird Mrs. AOL

Jetzt ist sie drin, und aus ist es mit der Tugend: Die singende Jungfrau Britney Spears, so tickert es heute über die Drähte, will sich "langfristig mit AOL verbinden". Was dabei wohl rauskommt?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie ist zugegebenermaßen hübsch. Sie tanzt ganz leidlich. Sie trifft meistens den Ton. Das alles zusammengerührt würde aber längst nicht reichen, aus diesem Mädchen einen Weltstar zu machen: Nein, Britney ist mehr als die Summe ihrer Eigenschaften. Britney Spears machte Karriere durch ihre Legende.

Deren Mittelpunkt ist die Mär von ihrer Jungfräulichkeit. Verschämt ließ Miss Spears überall, wo auch nur von fern Kameras und Mikrofone zu ahnen waren, verlauten, sie wolle nicht, bevor nicht ein Ring an ihrem Finger und so weiter, und auch, dass sie nun einen Freund hat, mit dem sie gar hier und da zusammen und das auch noch über Nacht, irritiert hartgesottene Fans nicht im geringsten. Die Weiblichen sind in der Regel zu jung, um all das zuende zu denken, die männlichen hingegen sind oft und offensichtlich hormonell enthirnt.

Das äußert sich beispielsweise durch exzessives Publikationsverhalten im Internet.

Dort rangiert Britney seit langer Zeit weit vor Pamela, der weniger trendigen und tugendhaften. Ja, sie darf sich gar, wenn man der monatlichen Suchstatistik Google Zeitgeist  glauben darf, "No 1 Celebrity" im Internet nennen.

Wenn das nichts ist

Ein Blick in die Suchergebnisse bei Google bestätigt dieses Bild. Dass Google 769.000 Seiten findet, die den Namen der Dame enthalten, sagt noch gar nichts aus. Dass der Bildersuchdienst 9380 Webseiten mit Bildern  der schönen Britney findet, schon ein bisschen mehr. Wenn man sich dann noch ansieht, was Fans alles mit ihrer Britney machen , dann begreift man: Ja, dieses frische, junge, glattgeschminkte Gesicht ist die Inkarnation des Internet selbst.

Das müssen wohl auch die Mächtigen von AOL gedacht haben, die seit Jahr und Tag fest davon überzeugt sind, dass der "Ich bin drin!"-Dienst ja das eigentliche Internet darstellt. Eine "langfristige Partnerschaft" sind die beiden nun eingegangen. Britney wird Mrs AOL.

Große Töne

Vollmundig tönt es aus der Presseabteilung des Konzerns, AOL werde in Zukunft Britneys "exklusive Online-Heimat" sein und all ihre Aktivitäten an seine 31 Millionen Kunden in aller Welt vermarkten.

Was müssen da Sektkorken geknallt haben in den Anwaltskanzleien zwischen New York und San Francisco! Bei dem Gedanken an knapp 800.000 Abmahnungen an nun illegale Webseiten mit Britney-Bezug müssen einem normalen Anwalt die Hände doch derart stark schwitzen, dass er regelrecht Gewicht verliert. Wie sonst wollte AOL Britney aus dem Web und in den Onlinedienst bringen, um sie dort ganz exklusiv zu umarmen - sorry, vermarkten?

Na, ganz so heiß wird es wohl nicht gegessen, wie es nun gekocht wird. Britneys nächste CD wird ihr erstes Doppelalbum: Eine Scheibe wird sie gekonnt geklont beträllern, die andere wird den exklusiven Britney-Zugang zu AOL enthalten (man kennt diese Scheibe aus dem örtlichen Bau- und Supermarkt und durch millionenfach verteilte Postwurfsendungen, nur mit anderem Aufdruck).

Dazu wird es exklusive Online-Live-Übertragungen von Konzerten geben, Rabatte auf Eintrittspreise, Britney wird gar hier und da chatten und überhaupt all das tun und lassen, was ihre Konkurrentin Madonna auch schon macht (oder sein lässt). Denn auch Mrs. Ciccione ist Mrs. AOL, hat nur kaum jemand bemerkt. Das ist nicht Bigamie, sondern Werbestrategie.

Denn unter dem Strich bleibt nur Merchandising, die Fans können beruhigt sein. So wie das geschäftstüchtige Fräulein möglicherweise irgendwann Joghurtbecherdeckel zieren wird, verschönt sie nun AOL-CDs. Das ist, als würde eine Molkerei verkünden, Micky Maus gehe eine exklusive, langfristige Partnerschaft mit Meier-Milch ein.

AOL kauft weiter Stars ein, was die eigentlich relevante Nachricht ist, denn sie zeigt, wo es langgeht: In einer Welt, in der die neue Technik selbstverständlich ist, verliert sie ihren Sex-Appeal. "Drin" zu sein - "Mensch, ist das einfach" - hat aufgehört, ein Wert in sich zu sein. Nun muss man mit inhaltlichen Pfunden wuchern. Das Problem ist nur, dass Exklusivität in der Online-Welt nicht funktioniert. Siehe oben, 769.000 Mal.

Frank Patalong

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