Herren und Hunde "Poo-Chi!"
Nach neun Jahren Vaterschaft hat man natürlich längst verinnerlicht, dass man den Überblick über Zahl und Art der lebenden oder zumindest ehemals lebendigen Wesen im Haushalt nicht wirklich behalten kann. Das Verheimlichen der Existenz eines Tieres von der Größe eines Hundes gehört allerdings selbst für eine Neunjährige in die Kategorie "mittelschwere Herausforderung".
"Hund?", frage ich folglich, "seit wann hast du einen Hund?"
Susan legt ihr überlegenstes "Siehste Langer, du weißt längst nicht alles"-Lächeln auf und erweist mir die Gnade, ihren neuesten Schatz in Augenschein zu nehmen. "Das ist Poo-Chi", sagt sie stolz und hält mir einen silbrigen Plastikköter entgegen. Der Hund und ich sehen uns an, die in seinen Augen pulsierenden Herzchen spiegeln sich wohl in meinen Pupillen. "Toll, ne?"
"Was kann er denn?" frage ich zurück, weil ich sie nicht verletzen will. Etwas derart Hässliches muss einfach irgendwas können. Wieder grinst sie überlegen. "Pass mal auf!"
Sie hält sich die Plastiktöle vor den Mund und schreit: "Sag guten Tag, Poo-Chi!"
"Öff!" antwortet Poo-Chi. Dann setzen irgendwelche Motoren ein, und sirrend winkelt er die Beine an. "Toll", sage ich matt.
"Hab ich mir selbst gekauft."
"Wovon und für wie viel?"
"60 Mark. Von meinem Geburtstagsgeld."
Ich sehe Poo-Chi an, Poo-Chi sieht mich an, meine Tochter beobachtet uns beide. "60 Mark. Wow."
Wie bringt man einer Neunjährigen den Wert des Geldes bei? Soll ich ihr sagen, ich müsste hart dafür arbeiten? Dann würde sie sagen, dass ich sowieso nur schreibe, und das sei ja gar keine richtige Arbeit, und außerdem sei ich sowieso nie zu Hause. So.
Sollte ich sie fragen, wie viele Pokémon- oder Digimon-Karten sie dafür bekommen könnte? Das wäre ein glattes Eigentor: je nach Marktwert 200 oder eine oder auch keine. Verkehrte Welt.
"Er ist aber intelligent, und Mama hat gesagt, einen mit Fell kann ich nicht."
Die Kinder des neuen Jahrtausends reden in Ellipsen: Sie meinen, Prädikate seien grundsätzlich überflüssig. So wie Fell. Im Zweifelsfall reicht auch ein elektronischer Köter.
"Er kann sitzen und singen, man muss ihn füttern und streicheln und ganz lieb zu ihm sein."
"Und wenn nicht?" frage ich.
"Dann", sagt sie, "fällt er tot um."
Stille.
Tot um.
Wow.
Das professionelle Interesse erwacht
"Zeig ihn mir mal", bitte ich und werde durch das Klingeln der Haustür in meinem Ansinnen unterstützt. Sie wirft mir Poo-Chi zu und stürmt davon. Gackernde Mädchenstimmen verhallen im Flur, verschwinden. Poo-Chi und ich sind allein.
Ich stelle den kleinen, dickköpfigen Kerl auf die Küchenarbeitsplatte und nehme ihn näher in Augenschein. Poo-Chi, rattert, computed und analysiert es irgendwo in meinem Hinterkopf: Eine Art ultra-billiges Sony-Hund-Imitat von Sega. Tamagotchi-Prinzip: Pflege ihn und er gedeiht, vernachlässige ihn und er fällt tot um. Markteinführung im Frühjahr. In der SPIEGEL-ONLINE-Netzwelt gemeldet, weil wir die Kiste skurril fanden.
"Tag, Poo-Chi", begrüße ich ihn und er blinkt. Auf dem Herd liegt ein Plastikknochen. Ich nehme ihn in die Hand und betrachte ihn. Wem der gehört, dürfte klar sein: Poo-Chi steht ja drauf.
Ich biete ihm den Knochen an, und er verfällt in eine Art multiplen, digitalen Orgasmus: "Öff, öff, öff, öff, öff, öff, öff, öff, öff, öff, öff, öff, öff, öff!" bellt er und versucht dabei, mit seinem zahnlosen Plastikmaul in den viel zu großen Knochen zu beißen. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Süß.
Schließlich macht er ein Geräusch, als würde jemand eine 45er Magnum entsichern, und ich ziehe den Kopf ein. Kein Schuss folgt. Ich biete ihm den Knochen an. Er macht "Rchcht-klick". Ich versuche es noch mal. "Rchcht-klick!"
Er ist satt. Wow. In seinen Augen leuchten kleine Herzchen. Ich streichele ihm über den kubusförmigen Schädel und er kläfft freundlich. Seine Herzchen - sorry, seine Augen leuchten. "du hast auch nichts Besseres zu tun, oder?" fragt Sara hinter mir.
Dass sie mich nun aber erschreckt habe, sage ich, und dass diese Töle durchaus interessant sei: Poo-Chi sei nämlich intelligent und außerdem irgendwie digital, weshalb er mich schon rein beruflich interessiere. "Beruflich mein Hintern", antwortet sie trocken, "warum zeigst du keine Intelligenz und machst dich nützlich?"
Recht hat sie, Poo-Chi muss warten. Ich verstecke ihn hinter meinem breiten Rücken und schiebe ab. "Gott", höre ich hinter mir, "warum muss ich mich mit drei Kindern rumschlagen?"
Drei? Hat sie mir was verheimlicht? Ich vertage die Klärung dieser weniger drängenden Frage und schleiche ins Arbeitszimmer. Poo-Chi landet auf dem Schreibtisch. Zur Vorsicht schalte ich den Rechner an und rufe die Steuererklärungs-Software auf.
"Öff!", bellt Poo-Chi. Was will er nun?
Sieg der Intelligenz: Die Konditionierung beginnt
Beim Abendessen blickt sie säuerlich. Die Kinder plappern, doch sie scheint wirklich sickig. "Öff!", bellt Poo-Chi, und sie lässt die Gabel fallen. "Jetzt reicht's. Entweder du nimmst endlich den blöden Köter vom Tisch, oder er fliegt achtkantig aus dem Fenster!"
"Schon gut", versuche ich sie zu beschwichtigen und streichele Poo-Chis Kopf. "Öff!" bellt der angeblich intelligente Digitalrüde und blinkt mich herzlich an. "Der liebt dich, Papa!" sagt Kai. Ich lächle vorsichtig.
"Also wirklich," bellt Sara, "was soll das alles?" Ich setze Poo-Chi zurück auf den Tisch und erkläre: dass der Hund Liebe braucht, so eine Art Tamagotchi ist und gefüttert und gestreichelt werden muss. Dass er uns hören kann - wenn auch nicht sehr gut - und dass in seiner Nase sogar eine Art Sensor steckt. "Der dir offensichtlich fehlt", sagt sie.
Ich trete den Beweis an, beuge mich über seinen Kopf und sage laut: "Sitz, Poo-Chi!" Der Hund bellt und setzt sich, die Kinder applaudieren. "Das war Zufall!", sagt Sara.
Ich wiederhole das Ganze einige Male und erkläre, dass er nun konditioniert ist: Auf "Sitz!" folgt das Setzen - wenn man ihn nachher zur Belohnung streichelt. Und wenn man sich um ihn kümmert. Ihn nicht ignoriert, wenn er bellt. Sie sieht mich an.
"Gut", sagt sie schließlich und ich höre die Geduld in ihrer Stimme. "Wo ist der Knopf zum Ausschalten?"
Knopf? Ich sehe Susan an und sie zuckt mit den Schultern. Kein Knopf. "Öff!" bellt Poo-Chi. Ich streichle ihn geistesabwesend, und er beginnt mit kleinen, digitalen Tönen, "Freude, schöner Götterfunken" zu fiepen. Es ist 20.30 Uhr. Zeit für kleine Kinder und kleine Hunde, ins Bett zu gehen. "Der Hund", sagt Sara bestimmt, "schläft im Schrank". Niemand protestiert.
Nachtrag
Am sechsundzwanzigsten Tag seines kurzen Tamagotchi-Lebens verließ uns Poo-Chi der Erste. Die letzten zwei Wochen hatte er die meiste Zeit geschlafen, wie das ältere Hunde so tun. Niedlich, die kleinen, durchdringenden Schnarchgeräusche, die ihm Sega einprogrammiert hat. Manchmal träumte er auch und gab mitten in der Nacht lustige Geräusche von sich. Meine Versuche, meiner Tochter einen neuen Satz Batterien anzubieten, sind gescheitert. "Bist du verrückt?", sagte sie abwehrend, "dann macht der wieder die ganze Zeit Lärm!".
Da hat sie recht, so ist das mit dem Nachwuchs. Sie bellt jetzt wieder selbst.