Hithunter: Die Mainstream-Maschine - DER SPIEGEL
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Hithunter Die Mainstream-Maschine

Wo immer Musik-Branchenkrise auf neue Technik stößt, sorgt das entweder für Panik - oder beflügelt die Phantasie. Bei Hithunter sollen potenzielle Kunden künftig entscheiden, was bei Plattenfirmen eine Chance erhält - der Surfer, sagen die Macher, wird zum "Plattenboss": Marktforschung mit Web-Mitteln.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Grundgedanke ist genial einfach: Warum, dachten sich die Macher von "Hithunter", sollte man die Konsumenten nicht selbst entscheiden lassen, was sie demnächst im Laden kaufen können?

"Bei 95 Prozent der jährlich in Deutschland neu veröffentlichten CDs", meint dazu Hithunter-Sprecher Mirko Kaminski, "handelt es sich nach Expertenschätzungen um Flops. Gleichzeitig haben Verlage und Labels im vergangenen Jahr mehr als 150 Millionen Euro brutto in klassische Werbung für CDs und Musik-DVDs investiert - oft in Flops."

Da klingt die Idee doch schlüssig: Im Internet sollen Konsumenten Musikstücke probehören können (als Ausschnitt und als vollen Song) und darüber abstimmen, was ihnen gefällt oder nicht. Was gut ankommt bei der Masse, so der Gedanke, wird sich dann auch verkaufen.

Für die registrierten User von Hithunter wirft der Deal auch etwas ab: Sie erhalten Zugang zu neuer Musik, können dort kostenfrei Musik hören  - allerdings nichts herunterladen.

Das Angebot kann man sich bereits ansehen und -hören, auch, wenn es noch sehr dünn bestückt ist. Kaminski: "Wir stehen am Ende der Testphase, für die interessierte Labels Songs zur Verfügung gestellt haben. Jetzt laufen die Gespräche mit großen wie kleinen Plattenfirmen." Das Interesse, sagt er, sei auf jeden Fall da.

Natürlich, denn die Firmen mussten in den letzten Jahren kräftig bluten - nicht nur in der Hinsicht, dass digitale Kopien und Tauschbörsen ihnen Konkurrenz machten, sondern auch, weil die internationalen Konzerne ihren deutschen Ablegern ein Zusammenstreichen der deutschen Repertoires verordneten.

Aus hiesiger Sicht ist das aberwitzig, denn es ist gerade das heimische Repertoire, mit dem in den letzten Jahren noch ein Geschäft gemacht wurde. Doch Gruppen wie "Wir sind Helden", "Seed" oder "Juli" sind international keinen Pfifferling wert - und finanzieren wollen die international aufgestellten Riesen nur noch, was weltweit mit kleinem Aufwand vermarktbar ist.

Also gilt es in Zeiten der schmalen Budgets, die Perlen im deutschen Angebot zu finden, ohne gleich alles kostenaufwändig am Markt erproben zu müssen.

Hat das Erfolg, was gut ist?

Die Herren, die sich das ausgedacht haben, wissen, worüber sie reden. Ralf Mothil, Frank Wilkat und William De Lisle, heute alle auf Radiosender spezialisierte Unternehmensberater, kommen aus dem Musik-Business, pflegen beste Kontakte. Für die Testphase mobilisierten sie in den Foren verschiedener Radiosender registrierte Internet-Nutzer und bekamen so ein Panel von über 1000 Betatestern zusammen. Die Erfahrungen des Tests, sagt Frank Wilkat, seien sehr positiv.

Doch lässt sich mit einer breit angelegten Abstimmung wirklich herausfinden, was nachher Erfolg hat? Wilkat glaubt fest daran, denn das "Forschungsinteresse" ziele ja vor allem auf einen breit angelegten Markterfolg: Hithunter ist damit so etwas wie eine Mainstream-Maschine. Das, so Wilkat, sei ja auch nichts Schlechtes: "Man veröffentlicht Musik, um damit Geld zu verdienen".

Da sei es doch hilfreich, ein Instrument an die Hand zu bekommen, das den Blick nach vorn erlaube: "Mich hat immer gestört, dass man nicht nach vorn schauen kann, sondern nur die Marktreaktionen beobachtet". Und das zu oft mit Schmerzen, denn es ist wahr, dass die Industrie immer schon mehr Flops als Hits produzierte - streng nach dem "Trial & Error"-Prinzip, und nachher leckt man sich die Wunden.

Tendenziell will Hithunter also erfassen, welche Art von Musik die größte Akzeptanz findet. Despektierlich gesagt findet sie so heraus, welche Musik niemandem weh tut.

Genau das aber ist einer der Hauptkritikpunkte, den Kritiker der Musikindustrie vorhalten: Mainstreamige Weichspülermusik, an der sich zwar niemand stößt, die aber auch niemanden begeistere, produziere sie mit Vorliebe - und trage so zur "End-Emotionalisierung" der Ware Musik bei.

Vox populi: überraschend kompetent?

Doch das will Frank Wilkat ganz und gar nicht so verstanden wissen. "Die positive Überraschung aus dem Betatest ist, wie detailliert sich die Leute mit Musik auseinandersetzen." Die schrieben teils richtig ausführliche Kommentare zu den einzelnen Songs, etwa "Stimme gut, aber zu langweilig" oder "komplexe Melodie, aber missratener Refrain".

Das wären dann qualitative Bewertungen, die Hithunter für seine Kunden - die auftraggebenen Plattenfirmen - in einem Bericht zusammenfassen will. Doch selbst über das rein statistische Instrumentarium der Abstimmung per Klick ließen sich ziemlich gehaltvolle Aussagen gewinnen, sagt Wilkat. Die Tester machen im Rahmen der Anmeldung einige Angaben zu ihrer Person und zu ihren musikalischen Vorlieben. Daraus ergeben sich Profile, aus denen man beispielsweise ablesen könne, dass ein bestimmter Song bei der Zielgruppe der männlichen Hiphop-Liebhaber über 25 besser ankomme als bei den jüngeren.

Wilkat: "Also bekommt man durchaus auch Informationen, die wichtig sind, wenn man ein Produkt für den Nischenmarkt testet."

Jetzt muss erst einmal verhandelt werden, denn natürlich soll Hithunter der Musikindustrie als kostenpflichtige Dienstleistung angeboten werden. Wilkat hofft, dass die Firmen gerade solche Stücke über Hithunter testen werden, bei denen sie sich eben nicht sicher seien über die Marktchancen: "Es gibt ja Namen, bei denen weiß man vorher, dass es funktioniert." Stattdessen hofft er, dass gerade professionell produzierte, aber ungewöhnliche, nicht so bekannte Interpreten im Testsample landen werden.

Die Hithunter-Nutzer jedenfalls, hofft Wilkat, sollten aus diesen Versuchsballons der Industrie - wenn die denn mitspielt - ihren Nutzen ziehen: "Sie können dort Musik entdecken, die garantiert absolut neu ist". Das minimierte Risiko für die Plattenfirmen widerum könnte dazu führen, dass eben doch noch zahlreiche Gruppen "ausprobiert" würden. Ihr Erfolg läge dann in den Zeigefingern der klickenden Tester und potenziellen Kunden, nicht mehr in den Händen weniger Spezialisten. Man darf gespannt sein, was dabei herauskommt.

Frank Patalong