Holocaust-Konferenz "So viel Hass"
Schwarze, Araber, Moslems, Juden, Christen, der Papst - alle stehen auf der Todesliste der Hasser im Internet. Die moderne Kommunikations- und Speichertechnologie hat schon vor Jahren ihre Unschuld verloren. Oder sogar schon vor Jahrzehnten, wie Wesley Fisher vom Holocaust Memorial Museum in Washington am Donnerstag in Stockholm sagte: "Auch bei der Massenvernichtung der Juden spielte der Computer eine Rolle." Er meinte die Hollerith-Lochkartenmaschinen, die in jedem Vernichtungslager zur Registrierung der Häftlinge genutzt wurden. "Die Technologie ist neutral, ihr Gebrauch ist es nicht."
Der Arbeitskreis der internationalen Holocaust-Konferenz in der schwedischen Hauptstadt beschäftigte sich mit Nutzen und Missbrauch des Internets bei der Aufarbeitung der Lehren aus den Verbrechen der Nationalsozialisten. So wird das World Wide Web einerseits von Auschwitz-Leugnern, Rassisten und anderen Gewaltpropagandisten immer massiver genutzt; anderseits machen sich auch Forschung und Lehre die Möglichkeiten der internationalen Vernetzung zu Nutze.
Regina Wyrwoll aus der Münchner Zentrale des Goethe-Instituts präsentierte den Entwurf einer CD-Rom "Lernen aus der Geschichte", die in einigen Monaten fertig sein soll. Sie soll von einer Broschüre und einer gleichnamigen Website flankiert werden, die sich ebenfalls noch im Baustellen-Stadium befindet . Nach dreijähriger, im wesentlichen vom Bundespresseamt finanzierter Arbeit haben die Spezialisten Projekte zusammengestellt, die an Schulen oder anderen Institutionen zur Aufarbeitung des Holocausts gestartet wurden und aus denen die Adressaten Anregungen für die eigene pädagogische Beschäftigung mit dem Thema holen können.
Als weitere positive Anregung aus dem Internet präsentierte Wyrwoll ein institutsübergreifendes Projekt der Technischen Universität Berlin namens "Der Holocaust in den neuen Medien". Hier haben der Informatiker Marco Rademacher und der Erziehungswissenschaftler Hanns-Fred Rathenow gute und schlechte Websites zusammengestellt, mit denen Lehrer das Internet für ihre eigenen Projekte nutzen können. Die Sites werden bewertet und kurz beschrieben, und die Links fehlen auch nicht.
Das Problem, das der Arbeit zu Grunde lag, war ein grundsätzliches: "Es ist so viel Hass im Internet", wie es Wyrwoll formulierte. In zahlreichen Staaten der Welt kann jeder alles ungeprüft ins Web stellen, und sei es die größte Dummheit oder die größte Lüge. Damit kann es aber auch in solchen Ländern empfangen werden, in denen etwa das Leugnen des Holocausts strafbar ist. Und es kann - ob verboten oder nicht - von Kindern und Jugendlichen gelesen und für bare Münze genommen werden.
Mark Weitzman vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles hat im vergangenen Jahr eine CD-Rom namens "Digital Hate 2000" (Digitaler Hass 2000) zusammengestellt, auf der einige der Neonazi-Horror-Sites mit erklärenden Texten abgebildet sind. Er berichtete in Stockholm, dass allein während der Arbeit an der CD-Rom die Zahl der bekannten rassistischen Sites von 1400 auf über 2000 angewachsen sei, von denen jede wieder Hunderte von Seiten habe. Da werden alte Nazi-Plakate herangezogen, um die Überlegenheit der weißen Rasse zu dokumentieren, da wird zum Mord am Papst aufgerufen, weil er Christ sei, und Christen seien zu verfolgen, weil sie Christus, einen Juden, verehrten.
Mit Kreuzworträtseln und Aufrufen zum "heiligen rassistischen Krieg" wird Rassismus geschürt, oft kindgerecht aufgearbeitet. Scheinwissenschaftlich kommt die Holocaust-Leugnung daher. Musik und Computerspiele werden angeboten, und zur Mitgliedschaft im Ku-Klux-Klan-Klub wird eingeladen. Dahinter verbergen sich Chat-Runden, in denen das Wörterbuch des Unmenschen das meistgenutzte Buch ist.
Und an vieles von dem geraten Internet-Surfer schon, wenn sie in einer beliebigen Suchmaschine "Auschwitz" eingeben. Vielfach liegt nach Angaben von Holocaust-Forschern die Trefferquote bei 20 Prozent.
Wo Gesetze die "Zensur" des Internets verbieten, kommt es darauf an, die Verantwortung zu entwickeln. Sie beginnt in Schule und Elternhaus. Unter anderem dieser Aufgabe hat sich die Holocaust-Konferenz verschrieben.
Thomas Rietig