Icann-Reform: Kritiker müssen draußen bleiben - DER SPIEGEL
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Icann-Reform Kritiker müssen draußen bleiben

Ganz demokratisch beschloss die Icann eine Reform, mit der die zwei Jahre alten, demokratischen Reformen der Icann eliminiert werden sollen. Öffentlich gewählte Web-"Volksvertreter" wird es nicht mehr geben. Manche planen den Aufstand - und eine "Gegen-Icann". Ganz demokratisch.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Icann tagt, diesmal in Shanghai. Ganz friedlich geht es selten zu auf den jährlichen Konferenzen, auf denen immer auch grundsätzliche Entscheidungen über die Entwicklung von Icann beschlossen werden - und damit auch über die weitere Entwicklung des Internet.

Die wird nun, nach monatelanger Diskussion, sicherlich stärker von Regierungs- und Kommerzinteressen bestimmt werden als von der Mitsprache von in freien Wahlen bestimmten "Surfer-Vertretern". Denn die müssen künftig draußen bleiben.

Mit 15 Stimmen gegen drei Gegenstimmen beschloss das Direktorium eine Reform der Icann-Struktur, mit der die Organisation handlungsfähiger und effektiver gemacht werden soll. Das geht, man kennt das, dann am besten, wenn niemand widerspricht. Icann-Direktoren wie Karl Auerbach oder Andy Müller-Maguhn wird es in einem kommenden Icann-Direktorium nicht mehr geben.

Die Causa Auerbach

Überraschend moderat fielen da Müller-Maguhns Kommentare zum Entschluss aus: Er habe zumindest Gelegenheit gehabt, in seiner Zeit als Icann-Direktor Positives zu bewirken und etwa den Informationsfluss von Icann in die Öffentlichkeit zu verbessern.

Genau das gefiel dem größten Teil des Direktoriums gerade nicht. Stärker als Müller-Maguhn eckte in dieser Beziehung aber Karl Auerbach an, der in der zumindest demokratisch angedachten Web-Wahl Anfang 2000 zum Vertreter der amerikanischen Surfer gewählt wurde. Auerbach galt und gilt als vehementer Icann-Kritiker. Das Direktorium versuchte deshalb zeitweilig ihn vom Informationsfluss innerhalb der Icann-Leitung auszuschließen. Auerbach erklagte sich erfolgreich den freien Zugang - und wurde unwillentlich zum Teil des Problems.

Denn die träge Organisation, der von zahlreichen Kritikern bis hin zum US-Kongress vorgeworfen wird, teils schwer nachzuvollziehende Entscheidungen mit großer Sorgfalt, sprich Lahmheit zu treffen, rieb sich zwei Jahre lang nicht nur an ihren externen Kritikern, sondern erstarrte auch innerlich. Kaum zufällig fällt in diese Zeit die Geburt einer Bewegung, die wie etwa Newnet versucht, neben dem von Icann kontrollierten DNS-System ein alternatives Adresssystem auf das internationale Netzwerk aufzusetzen.

Bei dieser noch immer kleinen Gegenbewegung wird es kaum bleiben.

Schon Mitte der Woche äußerte sich ein merklich indignierter Auerbach, er könne sich vorstellen, an der Schaffung von Gegenstrukturen teilzunehmen. Icann sieht er auf dem Weg, endgültig zur Interessensvertretung des "Big Business" zu werden.

Wer bekommt den Einfluss auf Icann?

Maguhn sieht das nicht ganz so hart. Seine Einschätzung, von vielen Experten geteilt, geht allerdings dahin, dass offensichtlich Regierungsinteressen die Weiterentwicklung des Webs wieder weit stärker bestimmen werden. Das scheint allerdings offensichtlich und korreliert mit einem durch die Terrorakte des 11. September 2001 eingeleiteten Trend hin zu mehr Kontrolle und Einflussnahme.

Wie dieser Regierungseinfluss künftig genau zum Zuge kommen wird, scheint bisher nicht ganz klar: Das nächste Icann-Direktorium wird von einer Wahlkommission bestimmt werden, der Vertreter maßgeblicher Organisationen angehören, die an der Entwicklung des Webs und seiner Standards beteiligt sind. Das ist zunächst einmal ein Fachleutegremium, in dem sich Vertreter von NGO's, Regierungsbehörden wie auch zahlreicher Unternehmen finden. Icann glaubt, auf diesem Wege zu einer effizienteren, kompetenteren und "der Community näheren" Organisation zu werden, als dies jetzt der Fall sei, sagte eine Sprecherin.

Möglich ist das. Fraglich ist hingegen, wer mit Regierung gemeint ist. Eine, die viel Erfahrung mit Kontrolle und Einflussnahme im Internet mitbringt, wäre die amerikanische: Die gab ihr Monopol mit dem Icann-Prozess einst willentlich auf, um die berechtigten Interessen anderer Länder und Regionen mehr Spielraum einzuräumen. Eine echte, internationale Kontrolle etwa durch die der Uno zugeordnete ITU - vor Jahren ernsthaft diskutiert - lehnten die Amerikaner hingegen ab: So viel Kontrollverlust wollte man nun auch wieder nicht. Stattdessen kam es zur Gründung von Icann als Gesellschaft nach kalifornischem Recht - und damit unter mittelbarer Kontrolle durch das US-Handelsministerium. Zumindest daran wird sich kaum etwas ändern.