Icann-Vorwahlen: Revolte des Stimmviehs - DER SPIEGEL
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Icann-Vorwahlen Revolte des Stimmviehs

Die Icann-Vorwahlen gehen ihrem Ende entgegen, das Ergebnis scheint schon jetzt festzustehen: Klar vorn liegen Andy Müller-Maguhn und Jeanette Hofmann. Das schmeckt der Icann nicht und wird von der amerikanischen Industrie-Lobby misstrauisch beäugt: Läuft Icann Gefahr, von "Hackern gehijacked" zu werden?
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Am Freitag endet die Icann-Vorwahl, und noch immer liegen zwei Deutsche vorn. Andy Müller-Maguhn vom Chaos-Computer-Club kam bis zum Mittwochmorgen auf 2426 Stimmen, die Politikforscherin Jeanette Hofmann auf 1052 Stimmen.

Die europäischen Internet-Nutzer wählen in der Vorwahlrunde zwei Kandidaten, die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (Icann) nominierte fünf weitere Europäer. Aus den dann sieben Kandidaten wird im Oktober in einem zweiten Wahlgang ein neues europäisches Vorstandsmitglied gewählt. Der Icann-Vorstand umfasst 19 Mitglieder.

Auch auf Platz drei lag am Mittwochmorgen mit 803 Stimmen ein Deutscher: Lutz Donnerhacke, Softwareentwickler für eine Firma in Jena. Hofmann, Müller-Maguhn und Donnerhacke haben laut Icann nicht nur Stimmen aus Deutschland erhalten. Eigentlich ist das positiv, denn es bedeutet, dass das krude Wahlverfahren der Icann tatsächlich funktioniert hat: Ein "At-Large"-Kandidat, der in freier Wahl bestimmt wird, muss aus mehr als einer Nation einer der definierten Wahlregionen Stimmen erhalten - sonst fällt er durch. Dass dies weder Maguhn, noch Hofmann oder Donnerhacke noch passieren wird, lässt bei der Icann trotzdem keine rechte Freude aufkommen - und dafür gibt es Gründe.

Keine Chance für die Vertreter des "Kommerz"

Alle drei werden der "freien" Webszene zugeordnet, sind entweder dem CCC oder der Fitug eng verbunden. Klar abgeschlagen sind die Kandidaten, die von verschiedenen Industrielobby-Organisationen gestützt werden. So scheint die Icann-Vorwahl zu einem Plebiszit über die Frage zu geraten, wer in Zukunft die Schlüsselentscheidungen über die Entwicklung der Netzinfrastrukturen lenken sollte. Den Vertretern der "kommerziellen" Lobby erteilten die wahlberechtigten Surfer in den letzten Wochen dabei eine klare Absage.

Eine Entwicklung, die der Icann selbst gar nicht so lieb sein dürfte. So bewies die Auswahl der vom Direktorium direkt für die Wahl nominierten Kandidaten, dass man sich eher einen Direktor wünschen würde, der der Industrie nahe steht. Bereits durch die Definition der Anforderungen, die ein zukünftiger Direktor zu erfüllen hat, setzte die Icann hier klare Zeichen: Nicht nur, dass technischer Sachverstand gefordert wurde, von einem potenziellen Kandidaten wird auch erwartet, dass er über "finanzielle Unabhängigkeit" und genügend freie Zeit verfüge.

Das dürfte bei dem Telekom-Manager Winfried Schüller durchaus gegeben sein, der als deutscher Kandidat direkt vom Direktorium nominiert wurde. Ob er sich allerdings gegen Andy Müller-Maguhn, den derzeit aussichtsreichsten Kandidaten, wird durchsetzen können, dürfte mehr als fraglich sein.

In Amerika wird die Entwicklung argwöhnisch beobachtet. Schon im Frühjahr wurde in Presse und Politik die Frage diskutiert, ob das ungewöhnliche "Involvement" deutscher Medien nicht zu einer "Manipulation des Wahlprozesses" führen könne: Unter den gegebenen Umständen sind die deutschen Icann-Wähler durch ihre schiere Zahl tatsächlich wahlentscheidend.

Von Hackern gehijacked?

Nun ist vor allem die Person Müller-Maguhns in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. So fragte der Journalist Kevin Murphy im "Computer Wire", Ausgabe vom 1. September: "Hackers Hijacking Icann Elections?". Weiter heißt es im Text: "Es scheint sicher zu sein, dass eine deutsche Hackergruppe einen Sitz im Direktorium der Icann gewinnen wird und sich damit Befürchtungen, dass die umstrittene Wahlprozedur von Gruppen mit Partikularinteressen gehijacked werden könnte, bestätigen."

Die sieht auch "Computer Wire" nur auf Seiten der "freien" Webszene, nicht jedoch auf Seiten der Industrielobby. Auch einen "Komplizen", durch den der derzeitige Wahlverlauf in dieser Weise ins Rollen gebracht wurde, macht "Computer Wire" aus: "Man geht davon aus, dass es durch die aufmerksamkeitsstarke Wahlaufruf-Kampagne von SPIEGEL ONLINE zu einer so hohen Zahl von deutschen Wähler-Registrierungen gekommen ist."

Vox populi, vox Rindvieh

Übersetzt heißt dies: Wenn es gelungen wäre, den Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchzubringen, dann wären die "Wunschkandidaten" aus Industriekreisen reibungslos im Direktorium gelandet. Was kein gutes Licht auf den angeblich "demokratischen" Ansatz der At-Large-Wahlen wirft: Eine solche Perspektive ignoriert die Tatsache, dass offensichtlich eine große Mehrheit der registrierten europäischen Wähler Kandidaten wie Müller-Maguhn, Hofmann und Donnerhacke den Lobbyvertretern vorzieht - und nicht nur in Deutschland.

Bereits im Vorfeld der Wahl hatte Icann-Direktoriums-Mitglied Esther Dyson klar gemacht, wovor man hier Angst hat: Durch freie Wahlen könnten "objektiv dumme" Kandidaten ins Direktorium aufrücken. Es scheint nun immer klarer, wie das zu verstehen ist: Weder Maguhn, noch Hofmann oder Donnerhacke wird man vorwerfen können, ihnen fehle die nötige Qualifikation. Sie stehen schlicht im falschen Lager. "Dumm" ist hier eigentlich nur eines: Aus Perspektive der Icann ist die Wahl bisher "dumm gelaufen".

Für die Icann ein Worst-Case-Szenario: Opposition innerhalb des Direktoriums, und wenn sich diese auf eine wirklich kontroverse Diskussion beschränkt, ist offensichtlich nicht gewünscht. Egal, wer nun am nächsten Montag als Kandidat in die Endrunde der Wahlen einzieht: Für Icann, das derzeitige Direktorium und die ihren Positionen folgende Presse steht die Beurteilung der Wähler-Entscheidung fest: Vox populi, vox Rindvieh. Ein Schuss, der nach hinten losging: Eigentlich wollte man ja nur Stimmvieh.