Icann-Wahlen Der Countdown läuft
Das Interesse am Icann-Wahlprozess lebt auf, nicht zuletzt, weil die Registrierungsphase für Wähler nun abläuft. Die Würfel sind damit gefallen, die Gewichtungen innerhalb der fünf von der Icann definierten Weltregionen mehr oder minder zementiert. Ein Blick in die aktuelle Statistik bestätigt den Trend der letzten Wochen: Die Online-Welt wird vor allem durch Japaner (33.227), Chinesen (28.732), Amerikaner (18.012) und Deutsche (17.409) repräsentiert - in dieser Reihenfolge.
In Europa haben die deutschen Wähler klar das Übergewicht: Sie stellen mehr als 70 Prozent der nun Wahlberechtigten. Das, so war im Juni im "Economist" zu lesen, sei vor allem auf "Medienkampagnen" zurückzuführen - namentlich auf die von SPIEGEL ONLINE initiierte Kampagne "I can! eLection 2000". Der "Economist" verband, wie auch viele amerikanische Kritiker, damit den Vorwurf, Medien hätten so den möglichen Ausgang der Wahl beeinflusst. Zumindest in einer Hinsicht ist das nicht ganz unrichtig: Der Repräsentant Europas wird die Unterstützung der deutschen Icann-Wähler brauchen.
Von einer Beeinflussung oder Manipulation des Wahlvorganges kann dagegen keine Rede sein: Entgegen der ursprünglichen Absicht wird "I can! eLection 2000" die durch die Initiative gesammelten Kandidatenvorschläge nicht publik machen. Stattdessen werden die der Initiative verbundenen Websites alle Kandidaten thematisieren, die sich schließlich für die Region Europa zur Wahl stellen werden. "I can! eLection 2000" wird sich so nicht stützend am "Wahlkampf" einzelner Kandidaten beteiligen, sondern alle zu Wort kommen lassen - in bester Medientradition.
Kleiner Kreis
Wer diese Kandiaten sein werden und wie viele, ist bisher völlig unklar. Von rund 90 durch die Initiative angesprochenen potenziellen Kandidaten, die die Kriterien der Icann erfüllt hätten, war nur ein Bruchteil dazu bereit, sich auf das riskante Ehrenamt einer Icann-Direktorenschaft einzulassen.
Das Zögern ist verständlich, die Grundprobleme sind seit Mai bekannt: Nicht nur wird ein Direktor ein gehöriges Maß an Zeit und Arbeit in das Amt investieren müssen, er muss auch "finanziell unabhängig" sein. Salopp gesagt heißt das nicht mehr und nicht weniger, als dass er eine ziemlich dicke Brieftasche wird vorweisen müssen.
Das ist ein Problem, dass die Amerikaner bei der Icann gar nicht als Problem erkennen können oder wollen: Es sei doch logisch, dass jemand in einem solchen Amt "finanziell unabhängig" sein müsse. Und dass ein Icann-Direktor auch einen starken Arbeitgeber hinter sich haben müsse, sei doch ebenso klar, meinte Andrew McLaughlin von der Icann in einer Diskussion: "Gegen den Willen eines Arbeitgebers wird niemand ein solches Amt ausfüllen können".
Vielleicht doch. Hinter den Kulissen läuft in Deutschland längst die Diskussion darüber, ob und wie man Kandidaten stützen könnte, die die geldlichen Voraussetzungen nicht mitbringen, wohl aber die Qualifikation.
Behind closed doors
Noch immer ist also alles offen, und die Kritik an Icann wird nicht leiser. Die Anmeldungswelle von Japanern führte in den letzten Wochen dazu, dass immer mehr User überhaupt nicht dazu kamen, sich noch registrieren zu lassen: Wegen "Serverüberlastung" standen sie vor virtuell verschlossenen Türen. Grund genug, meinen viele Kritiker, die Wahl anzufechten.
Und nicht der einzige. Die Situation, wie sie sich derzeit darstellt, sieht folgendermaßen aus: Icann stellt im Herbst Kandidaten zur Wahl, von denen noch niemand weiß, wer sie sind. Icann selbst weiß nicht so recht, ob sie diese "demokratisch gewählten" Kandidaten wirklich haben wollen und erklärt, die Wahl habe "experimentellen" Charakter. Vom Verlauf und Ausgang der Wahl wird abhängen, ob Icann die nun angedachten demokratischen Elemente bei der "Direktorenfindung" dauerhaft übernehmen wird. Wie diese Wahl vonstatten gehen wird, weiß Icann ebenfalls noch nicht: "Die Modalitäten der At-Large-Wahlen werden zur Zeit noch festgelegt" (Icann-Website am 27. Juli).
Immerhin steht der Zeitplan. Am 31. Juli wird man wissen, wie viele Wähler die Millionen Internet-User letztlich vertreten werden. Am 31. August wird man wissen, wer sich in den Regionen zur Wahl stellt. Vom 1. bis zum 10. Oktober schließlich ist die eigentliche Wahl angesetzt.
Icann, "Straßenverkehrsamt" oder oberste Verwaltungsbehörde für die Infrastruktur des digitalen Highways, steht bis dahin vor einem ganz pragmatischen Problem: Sie muss die Infrastruktur für eine Wahl schaffen, bei der die registrierten Wähler auch tatsächlich abstimmen können. Wenn bei Icann auf Grund einiger tausend Anmeldungen wochenlang die Server "wackeln", wie will man dann mit dem möglichen Ansturm zehntausender Wähler binnen 10 Tagen fertig werden? Die Prognose sei gewagt: Sowohl das Interesse als auch die Kritik der Öffentlichkeit dürfte Icann auch künftig sicher sein. Womit sowohl Icann selbst als auch die "I can!"-Initiative bereits ein wichtiges Ziel erreicht hätten: Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wird künftig so schnell nichts mehr entschieden in Sachen Internet.
Wer an diesem Prozess noch teilhaben will, der kann sich noch bis Montag auf den Membership-Seiten der Icann registrieren - wenn er durchkommt http://members.icann.org/join_now.htm . Die "Mitgliedschaft" ist kostenfrei und steht jedem offen, der über 16 Jahre alt ist und über eine gültige E-Mail-Adresse verfügt.
Frank Patalong