Image-Politur: "John Kerry rockt" - DER SPIEGEL
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Image-Politur "John Kerry rockt"

Der Mann sieht nicht nur kantig aus, er gilt auch als hölzern: John Kerry mag Chancen auf die Präsidentschaft der USA haben, doch als Temperamentbündel gilt er nicht gerade. Vor vierzig Jahren jedoch träumte Kerry davon, ein Rockstar zu werden. Jetzt sucht er in sich den John von damals.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aktuelle Umfragen zeigen John Kerry deutlich vor George W. Bush, und man muss sich fragen, warum. Bushs Schuldenpolitik und seine Leistungen im Realitäten-Verbiegen zur Rechtfertigung des Irak-Krieges konnten zwar nicht ewig unbemerkt bleiben und haben den noch amtierenden Präsidenten Punkte gekostet. Doch Kerry schien vor wenigen Wochen noch die denkbar schlechteste Wahl, den quirligen kleinen Präsidenten herauszufordern: Groß und steif tapst er durch die Fernsehbilder, und wenn er zu einer Rede ausholt, dann aber gaaaaanz gründlich und nicht zu schnell.

"Aaaaaaaai loooooove Neeeeeew Hampshire!" bejubelte Kerry den Sieg in seinem Heimatstaat in Zeitlupe und mit so tiefer wie unbewegter Stimme, dass man am liebsten die Geschwindigkeit heraufgedreht hätte. Den Polit-Comedian Jon Stewart inspirierte das zu Vergleichen mit einem Frankenstein-Monster: "Braiiiiiin. Eeeeat braiiiiiin!" 

Da wirkte das wohl gezielt gestreute Gerücht, Kerry habe wie dereinst Clinton eine Affäre mit einer Praktikantin gehabt, schon fast wie ein Weck-Signal, obwohl beide dies strikt leugnen: Sieh an, dachten sich da viele Kommentatoren, der Kerl lebt ja doch.

John Kerry: Nicht lustig?

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich gerade die Satiriker und Comedians am marionettenhaften Kerry die Zähne ausgebissen: Während es seit Monaten eine Schwemme von Howard-Dean-Witzen gab, die John Liebermann-Veräppelungen ins Kraut schossen und auch John Edwards sein Fett abbekam, war es fast, als wäre Kerry gar nicht im Rennen.

Erst das Affären-Gerücht sorgte da für Munition: "Stimmt es", fragte sich Jay Leno, "dass John Kerry eine Affäre mit einer Praktikantin hatte wie einst Clinton?"

"Ja!", beantwortete er die Frage selbst, "so ähnlich. Nur ohne Zigarren!"

Mit einem Mal begann der ach so hölzerne Kerry, einen Imagewandel zu vollziehen. Die Jungdynamiker unter den Wählern hätten sich vielleicht eher Howard Dean gewünscht, während sich das linke Spektrum ausgerechnet auf den Vier-Sterne-General a.D. Wesley Clark eingeschossen hatte. Bei beiden Gruppen könnte Kerry nun mit einer Entdeckung punkten, die so passend ans Licht der Öffentlichkeit kommt, dass es schwer fällt, an Zufall zu glauben: John Kerry, berichtete Anfang Februar die "Washington Post" , träumte dereinst davon, ein Rockstar zu werden. Mehr noch: Als erster Präsidentschafts-Aspirant überhaupt hatte er vor mehr als 40 Jahren eine Platte aufgenommen.

Kerry spielte - da bleibt er seinem Image dann doch wieder treu - den Bass in einer Rockband namens "The Electras". Bassisten sind die netten Menschen, die gern ein wenig im Hintergrund stehen und - nicht selten mit großen Händen - ihrem Instrument tiefe, sonore Einzeltöne entlocken.

Die Botschaft: Ambition und Zuverlässigkeit

Das kann Kerry bis heute, wie er am letzten Wochenende im gemeinsamen Gig mit dem Musiker Moby bewies. Der stresste den prominenten Politiker allerdings auch nicht und gab ein eingängiges Vier-Akkord-Liedchen von Bruce Springsteen zum Besten: So was wummert man auf dem Bass auch noch, wenn man vierzig Jahre nicht geübt hat. Doch darauf kommt es ja auch nicht an. Hauptsache, die Show macht Spaß.

Einmal mehr scheinen sich die Demokraten also anzuschicken, einen Musiker in den Ring zu schicken.

Auf den Saxofonisten Clinton (da denkt man an Jazz, an Clubs, an edlen Schnappes und Zigarrenrauch) folgt der geradlinige Kerry: Der eine spielte ein Instrument, bei dem die Improvisation Pflicht ist, das auch quäken und kicksen und sich im Oberton überschlagen kann und soll. Der andere spielt Bass, ein Saiteninstrument, das eigentlich der Rhythmus-Sektion zuzurechnen ist: Verlässlich muss stets der richtige Ton zum präzise richtigen Zeitpunkt kommen. Ist es nicht schön, was Kerrys Bandträume nicht alles über ihn aussagen?

Für diesen vergleichsweise wilden Teil von Kerrys Vergangenheit interessieren sich nun viele in Amerika, und zum Glück sind Kerrys ehemalige Band-Mitspieler alle auffindbar und redebereit. "Wir gründeten die Band, um unsere Chancen zu erhöhen, dem anderen Geschlecht etwas näher zu kommen!", verriet der Band-Pianist Jack Radcliffe der BBC.

Trickreich: Kerry, der Bass-spielende Norweger

Ein Ziel, das die Jungs recht trickreich angingen: So ist dem Album-Cover zu entnehmen, dass der schlanke, hochgewachsene Bassist John ein waschechter Norweger sei. Das war zwar gelogen, zeigte aber Wirkung, wie Kerry zugibt: "Sie rissen uns nicht gerade die Kleider vom Leib, aber wir haben unseren Spaß gehabt!"

Die "Electras" spielten fast ausschließlich instrumental. Höfliche Kritiker bezeichnen die Musik als "rohen, geradlinigen Rock'n' Roll". Allein Jon Prouty, einst Gitarrist der Electras, bringt es ehrlicher auf den Punkt: "Die Platte war schrecklich."

Die BBC hat ein kleines Sound-Sample zu bieten , das der Sender irgendwo ausgegraben hat, und "Newsweek"  schaffte es am Donnerstag gar, ein kleines Video zu entstauben: Schon verblüffend, wie die Zeugnisse aus dem Jahre 1961 so plötzlich wieder auftauchen.

Andererseits hätte Kerry ja auch fast ein halbes Jahr Zeit gehabt, dafür zu sorgen, denn bereits im letzten September konfrontierte ihn auf einer Wahlkampf-Veranstaltung ein findiger Plattenlabel-Eigner überraschend mit seiner Band-Vergangenheit. Schlagzeilen macht die erst jetzt, pünktlich zum Endspurt im Bewerbungsrennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Knallerstory mit leichter Ladehemmung

Doch so richtig "Kult" will die Electras-Geschichte noch nicht werden. Bei eBay wechselt womöglich an diesem Wochenende bereits die zweite Electras-Scheibe  den Besitzer, wenn sich denn ein Käufer findet. Nachdem ein erstes, vor wenigen Tagen versteigertes Album die Summe von 2500 Dollar brachte, offerierte jemand ein zweites Exemplar zum Startpreis von stolzen 2100 Dollar. Doch nach fünf Tagen hatte sich noch kein Bieter gefunden - und das, obwohl man in den wirklich publikumsträchtigen eBay-Auktionen normalerweise sogar seinen eigenen Schatten verkaufen kann.

Ein Sammlerstück ist das Laien-Machwerk allemal: Natürlich erschien das erste und einzige Album dieser Electras im Eigenverlag (es gab noch mindestens zwei weitere Bands dieses Namens, die Platten veröffentlichten) und mit der Mikro-Auflage von nur 500 Stück. Mehr konnten sich selbst die betuchten Jungs der Band, die als Schüler-Kapelle an der elitären St Paul's-Privatschule gegründet worden war, nicht leisten. Für einen richtigen Plattenvertrag hatte es nie gereicht.

Das allerdings könnte sich nun ändern: Schon wird über eine Neuauflage der Scheibe gemunkelt, und John Kerry scherzte gegenüber "Newsweek" jovial über ein mögliches Comeback der Band: "Wenn die Blues Brothers und Fleetwood Mac wiedervereint werden können, sollte das bei den Electras ein Klacks sein." Seine Vereidigungsfeier sei da ein möglicher Termin.

Nicht alles Theater

Ob es dazu je kommt, hängt aber nicht nur von den amerikanischen Wählern ab. Perkussionist Andy Gagarin etwa outet sich als "konservativer Republikaner", der "auf keinen Fall" Kerry seine Stimme geben werde. Auch Radcliff betonte, die Mehrheit der ehemaligen Band würde es vorziehen, "George Bush Bass-Stunden zu geben, als John Kerry einzusetzen".

Doch selbst so ehrliche Statements wird der scheinbar so hölzerne Kerry zu seinem Vorteil zu nutzen wissen: Erst diese despektierlichen Unkenrufe machen die Fast-ein-Rockstar-Story glaubhaft.

Die versucht Kerrys Wahlkampf-Team nach Kräften zur Image-Politur zu nutzen: Mit einem Mal sieht man Kerry nun auf Flügen zwischen Wahlkampfauftritten klampfen, und seine Kampagnen-Website zitiert genüsslich das Urteil des Plattenmanagers Erik Lindgren, der im September die erste Electras-Platte ausgegraben hatte: "John Kerry rockt!"

Unglücklich über die ganze Geschichte dürfte auch Radcliffe kaum sein: Als einziger der Electras war er vierzig Jahre bei der Musik geblieben und schlug sich als Pianist durch, der "alles von Tschaikowsky bis Jerry Lee Lewis" beherrsche. Zurzeit arbeitet er kräftig an seiner Website , verspricht, in Kürze Sound-Samples von den Electras bieten zu können und ist wohl auch an der Wiederauflage des Albums von 1961 nicht ganz unbeteiligt. Vorteilhaft entwickeln sich eben stets die Märchen mit einer wahren Wurzel.