In persona: Douglas Rushkoff, Cyber-Visionär - DER SPIEGEL
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In persona Douglas Rushkoff, Cyber-Visionär

Er gehört zu den Vordenkern des Cyberspace und hat die neue Technologie immer mit Begeisterung begrüßt. Doch inzwischen zeigt sich der Visionär Douglas Rushkoff zunehmend ernüchtert.
Von Gerti Schön
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Ich weiß nicht, ob das mein Stil ist", sagt Rushkoff . Er schaut auf die Sitzgruppe aus gelben und hellblauen Stühlen sowie einem Tisch mit abgerundeten Kanten. "Ich habe meinen Stil noch nicht gefunden." Die großzügige, sorgfältig aufgeräumte Wohnung im New Yorker East Village ist voll mit gebrauchtem Mobiliar aus den fünfziger Jahren. Nur der jungenhafte Mann mit dem schmalen Gesicht, der sie bewohnt, der wirkt darin fehl am Platz.

Rushkoff ist immer ansprechbar und doch ständig unterwegs. Vorgestern in Sankt Petersburg, gestern in San Francisco. "Heute morgen habe ich schon zwei Interviews gegeben", sagt er vor seinem dritten an diesem Tag. Ein Medienstar? "Nein", lacht er. "Madonna ist ein Medienstar." In Europa sei er ohnehin bekannter als im eigenen Land.

"In New York ist es wichtig, Geld zu haben, und wenn man keines hat, dann ist man nicht wichtig." Der verkannte Visionär? "Bill Gates wird als Visionär gesehen. Hier heißt es, wenn du ein Visionär bist, dann mach Geld daraus. Was soll man sonst damit machen?"

Als er sein erstes Buch "Free Rides" schrieb, war Rushkoff 26 Jahre alt. Darin verarbeitete er erstmals die Erfahrungen aus seinem "psychedelischen Freundeskreis", zu denen auch der Philosoph und so genannte LSD-Guru Timothy Leary gehörte.

Jener Zirkel war es auch, der ihn Ende der achtziger Jahre mit dem Internet vertraut machte, über das er schließlich 1994 sein bahnbrechendes Werk "Cyberia - Life in the Trenches of Hyperspace" schrieb. Als früher Medientheoretiker predigte er von der demokratisierenden Kraft des Internet und seiner befreienden Wirkung auf das Individuum - und musste später eingestehen, dass das Netz der Netze genauso wie jedes andere Medium davor von der Industrie und den großen Konzernen als Marketing-Instrument benutzt und missbraucht wird.

Seine Odyssee durch die Psyche von leitendem Verkaufspersonal und Marketing-Leuten, die er gelegentlich berät, schildert er in seinem jüngsten Buch "Coercion - Why we listen to what "they" say", das soeben auf Deutsch erschienen ist.

Seine Theorie: Der moderne Mensch wird immer und überall von den Medien manipuliert, außer vielleicht beim Sex, denn dann ist er mit anderen Dingen beschäftigt. "Ich habe das Gefühl, ich muss die Leute wachrütteln", sagt Rushkoff. "Die Leute fürchten sich davor, wach zu werden, weil ihnen die Medien erzählen, wenn man wach ist, wird einem etwas passieren, und es ist besser, weiterzuschlafen."

Rushkoff hat lange genug über die Medien nachgedacht, um jede aktuelle Nachricht auf ihre Wirkung abzuchecken. "Nehmen Sie George W. Bush, der wohl unser nächster Präsident sein wird. Seine ganze Kampagne versprach im Prinzip, 'ihr dürft wieder schlafen gehen, ihr müsst nicht mehr denken. Es ist schwer gewesen, ich weiß, all das mit den Computern, der Börse und der globalen Erderwärmung. Es ist gut, wir dürfen wieder einschlafen'."

Rushkoff nimmt auch die Journalisten von der kollektiven Gehirnwäsche nicht aus. Genauso wie alle anderen seien Reporter und Redakteure Opfer der "spin doctors" geworden - der Kreativen, die Werbespots schaffen, der PR-Leute, die darüber bestimmen, ob gewisse Nachrichten an die Öffentlichkeit gelangen oder nicht. So wie es Bush Senior während des Golfkrieges gelungen war, die Aufmerksamkeit vor allem auf seinen Slogan "Unterstützt unsere Truppen!" zu lenken.

"Journalisten sind nicht qualifiziert, wirkliche Probleme zu kommentieren. Der einzige Aspekt, den sie verstehen, ist das Spindoctoring selbst", erklärt er händeringend. "Das heißt nicht unbedingt, dass sie manipuliert werden, sondern dass die Diskussion darauf reduziert wird, wie etwa Kandidaten die Medien benutzen. Unsere wirklichen Probleme werden nicht diskutiert."

Trotz seines gedämpften Enthusiasmus angesichts der Kommerzialisierung des Internet, hat Rushkoff eine komplette 180-Grad-Drehung vermieden. Immerhin verringere das Web auch die Chancen auf eine erfolgreiche Verdunklung von Geheimnissen - wenn ihm auch zu diesem Thema lediglich der Lewinsky-Skandal einfällt, den Bill Clinton durch die Hartnäckigkeit des notorischen Schnüfflers Matt Drudge nicht verbergen konnte.

Doch darauf kommt es Rushkoff ohnehin nicht mehr an. "Ich bin all diese Geschichten leid - Content, Stories, Zeug überhaupt", sagte er vor kurzem in einem Interview mit dem kroatischen Magazin "Arkzin".

"Alles, worauf es ankommt, ist der Akt der Kommunikation. Das Aufeinandereingehen und die Verbindung, die dadurch geschaffen wird. Das ist es, wofür die Medien und die Technologie da sind."

Douglas Rushkoff: "Der Anschlag auf die Psyche. Wie wir ständig manipuliert werden". Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 320 Seiten; 39,80 Mark.