Toolbars und Browser: Datenschutz-Probleme bei Microsoft-Diensten
Internet Explorer Wie Microsoft Datenschutz-Hinweise versteckt
Ganz unten, in einem verschlossenen Aktenschrank in einem unbenutzten Klo, an dessen Tür steht "Vorsicht! Bissiger Leopard!", dort findet der Held in Douglas Adams' Roman "Per Anhalter durch die Galaxis" die Bekanntmachung seiner Gemeinde, dass man sein Haus wegen einer Umgehungsstraße abreißen wird. Der Aktenschrank in der Toilette - das Bild beschreibt ungefähr, wie Microsoft die Nutzer seines noch immer weit verbreiteten Browsers Internet Explorer über die Auswertung ihres Surf-Verhaltes informiert.
Ein Satz, versteckt in den Tiefen der Software-Menüs in Version 8 und 9 erregt das Misstrauen der wenigen Anwender, die ihn entdecken. Ruft man den Menüpunkt Extras auf, danach die "Einstellungen der InPrivate-Filterung" und dann noch den Reiter "Erweiterte Einstellungen", steht da sehr weit unten folgender merkwürdiger Satz: "Keine Daten zur Verwendung durch die InPrivate-Filterung sammeln." Wer will, kann davor ein Häkchen setzen, damit der Browser diese Daten nicht sammelt.
Das heißt: Standardmäßig wird gesammelt, denn die Option ist nicht angekreuzt.
Das klingt nicht gut, aber was bedeutet das genau? Protokolliert Microsoft standardmäßig das Surfverhalten bei Nutzern der zwei aktuellen Versionen des Internet Explorer? SPIEGEL ONLINE hat Microsoft diese Frage am vergangenen Sonntag gestellt, bis zur Veröffentlichung dieses Artikels konnte das Unternehmen sie nicht beantworten.
Anwender müssen raten, welche Daten Microsoft sammelt
Ob das ein Datenschutz-Skandal oder nur extrem verbraucherfeindliche Informationspolitik ist, hängt davon ob, welche Daten Microsoft wo sammelt. Und wie das Unternehmen sie auswertet. Denkbar wäre ja auch, dass gar nichts an Microsoft-Server übertragen, sondern nur lokal gespeichert wird.
Wer sucht, findet in einem Microsoft-Dokument eine etwas detailliertere Beschreibung des Verfahrens. In einer Online-Anleitung zum Internet Explorer 8 erklärt das Unternehmen die mysteriöse InPrivate-Filterung etwas genauer:
"Standardmäßig werden von der InPrivate-Filterung die von Ihnen besuchten Websites und die verwendeten Inhaltsanbieter analysiert, wobei diese aber nicht automatisch blockiert werden."
Hier erfährt der Nutzer schon mehr als in der Software selbst, die standardmäßig die Web-Seiten-Besuche analysiert. Es fehlt aber jeder Hinweis darauf, was Microsoft nun genau analysiert und vor allem, ob dies zentral geschieht oder nur im Browser, ohne Datenübertragung an den Konzern.
Einfach ausgedrückt schaut sich die InPrivate-Filterung an, welche Elemente von Drittanbietern auf Webseiten eingebunden sind (zum Beispiel Besucherzähler). Wenn auf unterschiedlichen Seiten dieselben Elemente auftauchen, kann man diese blockieren - so weit die Theorie.
Versteckte, vage Informationen zum Umgang mit Nutzungsdaten
Wie das in der Praxis aussieht, verrät Microsoft den Nutzern nicht. Mit derlei intransparenten Ausführungen zum Datenschutz fallen auch andere Microsoft-Programme auf. Die millionenfach installierten Browser-Erweiterungen "MSN Toolbar" (die inzwischen "Bing Bar" heißt) und die "Windows Live Toolbar" erfassten standardmäßig Informationen zum Surfverhalten der Nutzer, wie SPIEGEL ONLINE berichtete.
Wer die Anwendungen installiert, erfährt nicht, wie Microsoft sein Surfverhalten analysiert. Bei der Installation ist ein Punkt standardmäßig angekreuzt, mit dem der Nutzer seine Zustimmung gibt, dass Microsoft "zusätzliche Informationen" zu "Ihren Suchvorgängen, zu den von Ihnen besuchten Websites sowie zur Art der Verwendung unserer Webseite" erfasst. Wo, wie und was genau da erfasst wird, erfahren die Nutzer nicht. Auf entsprechende Fragen hat Microsoft bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht geantwortet.
Experten warnen vor argloser Toolbar-Nutzung
Welche Daten die Microsoft-Toolbars nun übermitteln, ist nicht so leicht zu analysieren. Wie findet man heraus, ob die Toolbar zum Beispiel die IP-Adresse des Nutzers (so etwas wie die Anschrift seines Rechners) übermittelt? Felix Freiling, Professor für IT-Sicherheitsinfrastrukturen an der Universität Erlangen-Nürnberg erklärt: "Da wäre es interessant zu untersuchen, ob die Toolbar die IP-Adresse im Content ihrer Nachrichten mitschickt. Das wäre eine schöne Reverse-Engineering-Diplomarbeit." Sprich: Man muss erst die geschlossene Software nachkonstruieren, um zu verstehen, was da geschieht.
Solange Microsoft nicht erklärt, was die eigenen Programme tun, und solange Informatiker nicht ohne weiteres nachvollziehen können, was wirklich passiert, muss sich das Unternehmen nicht über Misstrauen wundern.
Daniel Hammer, Professor für Sicherheit in Informationssystemen an der Hochschule Offenburg, warnt, eine Toolbar könne "im Prinzip alles, was ein User auf seinem Computer macht" protokollieren. Nutzer sollten nie eine Toolbar installieren, ohne sich vorab genau über die Herkunft und Funktionsweise zu informieren. Der Informatiker hat selbst diese einfache Regel: "Ich selbst würde nur eine Toolbar auf mein System lassen, von der ich auch den Quellcode kenne."