Internet High Noon im Netz
Als die Katze tot war, erschlagen und gefoltert über den Gartenzaun geworfen, da sollte es die Welt erfahren: Nachbar S. ist der "Mörder von Montzen". Die Polizei hätte ja wieder nichts getan. Denn als Kater Mikesch seine linke Vorderpfote einbüßte, als Tochter Julia mit dem "Steckschuss" im Schulterblatt heimkam, als Werkzeug geklaut wurde, auch da fehlte der Beweis gegen den bösen Nachbarn.
Aber jetzt kann Familie P. abrechnen online. Auf der Website www.rache- ist-suess.de des Würzburger Jungjuristen Björn Jörges. Dort erfährt jeder, der es wissen will, alles über die grausamen Schandtaten des Herrn S. aus dem kleinen Dorf an der belgischen Grenze. Dort kommen Bilder von abgehackten Pfoten und blutigen Tierfallen unters Volk. Und dort erfährt Familie P. endlich Genugtuung. High Noon im Netz.
Jörges, 30, hat beim Studium der deutschen Prozessgeschichte vor allem eines schnell erfasst: "Den Leuten geht es nicht darum, Recht zu kriegen. Die wollen ihre Rachegelüste befriedigen." Hier konnte der angehende Advokat helfen. "Um erst mal den Aggressionsstau abzubauen und Schlimmeres zu verhindern." Sein Internet-Angebot sieht er als Dienst an einem Volk von Kampfhähnen.
Dabei war www.rache-ist-suess.de ursprünglich als Jörges private Seite im Netz gedacht. Dort stellte der Student anfangs nur die Geschichte seiner mies benoteten Hausarbeit ins Web. Stinksauer sei er auf den Dozenten gewesen, "aber danach ging es mir besser". Dann bot Jörges den Usern rund um den Globus an, ihre Wut per E-Mail loszuwerden.
Der Service entwickelte sich zum Renner. Rund 50 Computerfreaks sind inzwischen für Jörges im Einsatz, um das Heer der Rächer rund um die Uhr zu betreuen. In Spitzenzeiten zählt er 30 000 Klicks pro Tag und bis zu 75 neue Einsendungen. Böse Dinge über Ex-Liebhaber, Kollegen, Lehrer, den Chef oder die Bundesregierung.
Ein Nacktfoto von Nicole D. aus R. ist etwa zu sehen, die außer einem ausgeprägten Drang nach Sex nichts zu bieten habe, dafür aber angeblich den geschassten Lover um Geld, Auto und Karriere brachte. Im Brief einer betrogenen Ehefrau wird eine Rivalin als "Dorfmatratze von Osnabrück" beschimpft.
Wen die Rache im Netz auf so brutale Weise trifft, der kann sich kaum wehren. Auch ob die gewagten Texte ein Körnchen Wahrheit bergen, ist zweitrangig und nur schwer nachprüfbar. Denn juristisch sind die Einsendungen wasserdicht, mit Prüfsiegel vom Fachmann: Jörges sorgt für abgekürzte Namen, unklare Adressen und schwarze Balken über den Augen der geknipsten Opfer.
Mit dem Rest hat der Jurist kein Problem. Auch nicht damit, dass sein Online-Angebot eine Plattform für wüste Schmähungen darstellt. Beleidigen, sagt er, sei spätestens seit Stefan Raab gesellschaftsfähig geworden. Klagen gab es viele, verloren wurde nie. Und was die Schilderungen von Geschlechtsteilen oder Sexualpraktiken angehe, würden das wohl auch Minderjährige verkraften. "Bei mir lesen die Kids nicht mehr, als in der 'Bravo' steht."
Die Geschichten erzählen vor allem Dramen des wirklichen Lebens: vom Neid auf Nachbars Wagen, dem Hass auf beförderte Kollegen, der endlosen Wut wegen nicht gefegter Treppen im Mietshaus. Das ist der Stoff, aus dem manche Talkshows der Privatsender gestrickt sind. Um Storys wie die der Miriam M., die ihrem Ex zuerst ein Loch ins Kondom piekste und dann seinen Hamster ertrinken ließ, reißen sich die Macher von "Arabella", "Franklin", "Nicole" oder der "Oliver Geissen Show".
Das hat Jörges bald gemerkt. Seine schönsten Zuschriften mailt er deshalb im Rundschreiben an 16 Talk-Producer mit Einverständnis der Verfasser. Die dürfen unter dem Link "Ich will ins Fernsehen" ihr Okay geben. Vergangene Woche durften die Frauen ran. Die Sat.1-Sendung "Blitz" suchte "Mädels, die ihrem Ex eins auswischen wollen ...", steht zu lesen.
Geld, sagt Jurist Jörges, nehme er von keinem. Nicht von den Sendern und nicht von den Besuchern auf seiner Website. "Mit Rache soll man nichts verdienen." Dafür pflegt er seine Kontakte zum Showbiz. Da springen für ein paar der knapp 4000 Mitglieder in seinem neu gegründeten Racheclub schon mal Karten raus für Stefan Raabs "TV total" oder Harald Schmidt. Guter Lohn für harte Arbeit.
Und die Kamerateams helfen bei Jörges Kunden kollegial als Statisten aus so um einen Horrorschocker für den nachlässigen Verlobten einer jungen Frau zu inszenieren, mitsamt Absperrband vor der gemeinsamen Wohnung, angeblichen Polizisten, Journalistenmeute und Leichensack der U. S. Army. Kurz bevor der Bräutigam ohnmächtig zusammenbrach, hüpfte die Dame aus dem Wandschrank. "Damit du mal weißt, wie es ist, wenn ich nicht mehr da bin", keifte sie. "Rache ist süß", riefen alle.
CONNY NEUMANN