Internet-Kunst Mieten Sie sich einen Deutschen!
Die Seite kommt nüchtern daher, macht aus ihrem Anliegen keinen Hehl: Hier, signalisiert schon der Name rent-a-german, kann man Deutsche mieten. Das allein ist ja nicht ungewöhnlich. Es gibt eine Vielzahl von Services, die gezielt Deutsche vermitteln: als Übersetzer zum Beispiel. Doch "rentagerman" ist anders:
"rentagerman.de bietet Ihnen eine große Auswahl von Deutschen für ihre persönlichen und gesellschaftlichen Bedürfnisse.
Suchen Sie sich den Deutschen Ihrer Wahl aus für ein exklusives Erlebnis, das Sie nie vergessen werden: Stellen Sie sich vor, mit Ihrem Deutschen auf Partys oder Familienfeiern aufzutauchen oder einfach mit ihm im Shopping Center bummeln zu gehen.
Was für einen Anlass Sie auch wählen, Sie werden ihre Umwelt mit Sicherheit beeindrucken, wenn Sie einen original Deutschen präsentieren."
Auch warum man einen Deutschen mieten soll, ist auf der skurrilen Seite zu erfahren: Das sind ganz knuddelige Wesen, freundlich und nützlich und sauber.
Schwierigkeiten machen Deutsche nur, wenn sie einmal Heimweh bekommen oder sonstige Depressionen. Dann geht es um die Wurst, dann hilft nur der Griff zum Support Package. Das enthält deutsche Musik, deutsche Gedichte, einen Eimer Sauerkraut, fettige Würstchen und Videobilder aus der Heimat - und schon ist der Mietdeutsche wieder glücklich. Ganz einfach ist das, so pflegeleicht sind diese Deutschen - die Kundenzuschriften aus dem deutschfreundlichen Ausland fallen entsprechend begeistert aus.
Ach ja: Wer will und den richtigen Pass besitzt, kann sich natürlich auch selbst vermieten lassen.
"Kneif mich mal!", will man da als Leser sagen, und wohl kaum ein Besucher der Webseite braucht lang bis zur naheliegendsten aller Fragen:
Was soll das alles?
Eine Frage, die am ehesten der Urheber der Seite beantworten können sollte - und der heißt nicht "Günther Jäger", wie es die Webseite behauptet, er ist auch nicht Leiter der Vermietungsabteilung. Seinen wahren Namen kennt die Denic, der Rest steht im Telefonbuch: "Ich freue mich", sagt Johannes Blank, 30 Jahre jung, "dass sie anrufen!" Der Münchner Webdesigner studierte vor Jahren Medien in Leipzig, begann, sich mit Internet-Kunst zu beschäftigen, arbeitete als Dozent in Italien, verbrachte Zeit in Südamerika.
So entstehen solche Ideen wohl: Wenn man sich zum einen über Jahre mit dem Web und der Netzkunst befasst. Wenn man zum anderen selbst einmal als Fleisch gewordene Klischee-Bestätigung (oder deren Gegenteil) durchs Leben ging; sich mit dem konfrontiert sah, was man im Ausland von einem Deutschen erwartet; sah, wie Deutsche sich im Ausland von sich selbst entfremden.
"Irgendwie", sagt Blank und sucht nach Worten, "wollte ich einfach Menschen auf ironische Weise als das präsentieren, was sie wirklich sind. Als Deutsche." Einfach so. Was das nun genau heißen soll, ist ihm egal, sagt Blank, "das muss jeder Betrachter für sich selbst entscheiden". Seine Deutschen-Präsentation sei schon irgendwo politisch, aber letztlich "neutral: Da kann jeder drüber denken, was er will".
Was ist deutsch?
Komisch ist das. Dem Tatort-geschulten Otto-Normaldeutschen fehlt hier vor allem eines: das Motiv. "Politisch?" fragt Blank, "Ja, irgendwie schon." Wenn Sie so wollen, schwingt da mit. "Ja", sagt er, "für mich ist das vor allem eine Kunstaktion."
Doch damit meint er nicht wirklich die Webseite, sondern ganz offensichtlich die Reaktionen darauf. Nicht das Medium, die Reaktion darauf ist die Botschaft: Wenn man darüber nachdenkt, ist es viel weniger verrückt, als es zunächst scheint.
Er will wissen, wie Menschen im In- oder Ausland auf "seine" Deutschen reagieren. Die hat er sich mit der Kamera auf Münchens Einkaufsstraßen gefangen, mit Genehmigung versteht sich. Mittelfristig, erzählt er, könne er sich vorstellen, "mit einem Galeristen zum Beispiel in Zürich eine Ausstellung von Mietdeutschen zu machen. Einfach um zu sehen, wie die Leute damit umgehen. Im Ausland. Hat ja nicht viel Sinn, in Deutschland Deutsche zu vermieten, oder?"
Wie man's nimmt, denn Blanks implizite Fragen wirken auch hier: Was ist deutsch? Was zeichnet Deutsche aus? Was nicht? Schmücken sie wirklich Partys, kann man sie empfehlen?
Blank würde sich über rege Debatten wohl freuen, und am liebsten Live, vor den ausgestellten Objekten. Das könnte ein tolles Happening werden, wenn sich Freiwillige vielleicht selbst anböten, oder er sich selbst oder wie auch immer. Wenn man die Sache so ernsthaft wie möglich durchzöge, das tun-wir-mal-so-als-ob. Reaktionen, für alle Beteiligten interessante Reaktionen.
"Bekannte", sagt Blank, "sagten: Du musst da unbedingt auch die Nazi-Geschichte mit reintun. Du kannst das doch nicht völlig aussparen." Wollte er aber nicht, ganz bewusst, gerade das nicht. Alles normal halten stattdessen. Völlig normal, friedliche Durchschnittsdeutsche, pflegeleicht.
Dann fügt er hinzu: "Meinen Sie, sie könnten in den Artikel hineinschreiben, dass ich nach einer Zusammenarbeit mit einem Galeristen suche?"
Bestimmt.
Frank Patalong