Internet-Wahlkampf Schröders kurzer Webauftritt
Berlin - "Ich muss zugeben, dass ich nicht der Internetbeauftragte der Familie bin", gestand Gerhard Schröder freimütig bei der Vorstellung seiner Wahlkampf-Website . Was das Internet betreffe, seien ihm Ehefrau Doris und sogar seine 11-jährige Tochter Klara bei weitem überlegen: "Meine Frau schreibt auf dieser Seite die Kommentare. Ich hoffe, es sind günstige!", bekannte er.
Der Kanzler erweckte den Eindruck, als habe er mit dem ganzen Internet-Schnickschnack herzlich wenig am Hut. Bei der Präsentation seiner neuen Web-Präsenz in einem hippen Internet-Café am Berliner Sony-Center erhaschte Schröder eher im Vorübergehen einen Blick auf www.gerhard-schroeder.de und entschwand unter Blitzlichtgewitter zum Online-Interview eines Sponsors in eine gemütliche Lounge.
Die anwesenden Internet-Strategen und Web-Designer der Homepage schienen sich ohnehin kaum der Hoffnungen hingegeben zu haben, ihr Auftraggeber könne ihre Arbeit mit mehr Anerkennung würdigen. Das zumeist junge New-Economy-Völkchen der Agentur "A&Bface2net", das mehrere Stunden auf den Sekunden-Auftritt des Kanzlers gewartet hatte, scherzte bei Milchkaffee und Softdrinks ausgelassen, als Schröder längst flink und eloquent ein Online-Chat gab.
Palaver via Internet
Die Teilnehmer bekamen die Standard-Antworten zu Arbeitsmarkt-Misere ("Wir brauchen eine neue Unternehmenskultur"), Scharping-Rauswurf ("Eine schmerzliche Entscheidung"), Pisa-Versagen ("Mehr Betreuung und Förderung") oder zum Rückstand in den Wahlumfragen ("Wir müssen die positive Bewertung des Kanzlers auf die Partei übertragen") präsentiert. In den Foren der ausrichtenenden Onlinedienste gerieten sich im Anschluss an das Interview nicht einmal eine Handvoll politisch Interessierter in die Haare und bezogen sich bezeichnenderweise meist auf zuvor hinterlassene Diskussionsbeiträge, anstatt dem Kanzler Paroli zu bieten.
Tagebuch-Intimität eines Kumpels
Wem die Statements des Kanzlers zu dürftig waren, kann ab jetzt bei www.gerhard-schroeder.de nachlesen, wie Schröder die letzten 61 Tage seiner Aufholjagd gestaltet. Die dortigen Einträge lassen gekonnt Tagebuch-Intimität entstehen: "Heute habe ich mit Peter Hartz gesprochen. Die Arbeit dieser Expertengruppe geht voran", verkündet der Kanzler auf seiner Website und gewährt Einblicke in das Leben eines hart arbeitenden Politikers. Schröder am Schreibtisch, Akten studierend, die Stirn in Falten legend. Schröder mimt bei Werksbesuchen den Kumpel und beweist ganz auf Volkstümlichkeit bedacht, dass er noch immer auf den Fußball eindreschen kann wie früher als Mittelstürmer beim heimischen TuS Talle. Und Weggefährten aus Schröders Studienzeit in Göttingen wie die heutige SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier berichten per Audio-File von den wilden Jahren des Kanzlers.
Die Webmaster der Internetseite scheuen weder Mühe noch Aufwand, um den ab 23. August anrollenden Wahlkampf-Tross des Kanzlers multimedial zu begleiten. Bis zur Entscheidung am 22. September soll jeder der 40 Schröder-Auftritte per Videostream abrufbar sein. Um User auf die Website zu ziehen, präsentiert täglich ein so genannter "Unterstützer des Tages" einen markigen Satz. Erster ist der Boxer Dariusz Michalczewski, der verkündet, er kenne den Bundeskanzler persönlich und schätze ihn sehr.
Steilvorlagen von "Dörchen"
Das zweifellos größte Schmankerl jedoch stammt aus dem Hause Schröder selbst. In einer täglichen Kolumne geht Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf ihrem eigentlich Beruf als Journalistin nach vermutlich ein wenig unkritischer als zu Zeiten, als sie noch für "Focus" recherchierte. Aber vielleicht packt "Dörchen", wie der Kanzler seine Frau zu nennen pflegt, ja irgendwann auch noch heißere politische Eisen an und liefert der Hartz-Kommission per Internet eine Steilvorlage für einen wegweisenden Vorschlag zur Belebung des siechen Arbeitsmarktes. Spätestens dann dürfte auch der Online-Muffel Gerhard Schröder auf den Internet-Geschmack kommen.
Rüdiger Strauch