Internetzensur Oasen in der Infowüste
Misstrauisch schaut sich Mazin im Internet-Café um. Wird er beobachtet? Dann lässt er seine Freude heraus und flüstert: "Bingo!" Nach tagelangen Versuchen hat es der 20-Jährige geschafft, die Vorkehrungen der saudi-arabischen Zensur zu umgehen und sich den Zugang zu einer pornografischen Website zu verschaffen. "Das ist wie ein Stück Kuchen für uns", erklärt Mazin, der aus Angst vor Konsequenzen nur seinen Vornamen angeben will. "Sie blockieren uns, und wir suchen uns andere Wege." Schnell lädt er ein Dutzend Bilder nackter Frauen herunter - wenn er dabei ertappt würde, müsste er mit einer Prügelstrafe rechnen.
Die Zensurbehörden im konservativen islamischen Königreich haben bisher verhindert, dass irgendein Druckwerk mit Kritik am Herrschaftssystem ins Land kommt. Anzeigen in ausländischen Magazinen mit Fotos spärlich bekleideter Frauen werden geschwärzt. Auch der im vergangenen Jahr nach langem Zögern zugelassene Internetzugang für die Bevölkerung wird in Saudi-Arabien strikt kontrolliert. Neben moralisch anstößigen Websites sind auch Foren für eine freie politische Diskussion betroffen.
Inzwischen aber scheint es, als ob die Zensoren die Kontrolle über das Internet verlieren. Viele Bürger schalteten sich regelmäßig in die kritischen Newsgroups ein, sagt der Regierungsbeamte Mohammed - auch er will seinen vollen Namen lieber nicht nennen. "Über Jahrzehnte hinweg wurden die Menschen ausschließlich mit den Informationen der Regierung gefüttert", sagt er. "Jetzt schätzen sie die Möglichkeit, die andere Seite der Geschichte zu überprüfen - und machen rege davon Gebrauch."
Auf besonderes Interesse stoßen nach seinen Angaben diejenigen Angebote, bei denen es um Korruption innerhalb der Königsfamilie oder um Forderungen verbotener Oppositionsgruppen nach Einführung der Demokratie geht. Bisher wurden zwar keine Fälle bekannt, bei denen es um strafrechtliche Ermittlungen wegen der Nutzung unerwünschter Internetinhalte ging. Aber immer wieder werden neue Sites blockiert - was im globalen Computernetz allerdings nur begrenzt möglich ist.
Im vergangenen Monat traf es einen Teil des internationalen Webportals Yahoo. "Dieses Material verstieß gegen die religiösen, sozialen und politischen Werte des Königreichs", erklärte Chalil el Dschadaan vom staatlichen König-Abdul-Asis-Zentrum für Wissenschaft und Technologie in Riad. Die Mitarbeiter dieses Zentrums sind eingehend damit beschäftigt, das Internet nach unerwünschten Inhalten abzusuchen - und erreichen doch nur, dass findige Bürger wie Mazin Wege finden, die dann errichteten Hürden zu überwinden.
Die Behörden fürchten, dass die unbeschränkte Internetnutzung zu drastischen Änderungen in einer Gesellschaft führen könnte, in der Frauen nicht Auto fahren dürfen, bei Reisen die schriftliche Einverständniserklärung männlicher Familienangehöriger benötigen und sich in der Öffentlichkeit vom Kopf bis zur Fußspitze bedecken müssen. Bisher nutzen schätzungsweise 120.000 der 20 Millionen Einwohner Saudi-Arabiens das Internet. Es wird aber erwartet, dass diese Zahl bis zum Jahresende auf 300.000 steigen wird.
Die meisten User nutzen die Angebote von Internet-Cafés, von denen es im ganzen Land nahezu 200 gibt. Die komplexen Filtersysteme der Zensoren machten die Internetverbindungen unnötig langsam, sagt Saud Kateb, Chef der Firma Ofok Information Systems and Communications, einer von 26 lokalen Internetprovidern mit vertraglicher Bindung an die staatlichen Behörden. Er plädiert deswegen dafür, dass die Filterung bei den lokalen Providern stattfindet und nicht wie bisher bei den zentralen Servern der Regierung.
Saudi-Arabien unterscheidet sich in der Politik gegenüber dem Internet kaum von anderen Staaten der Region. In Katar, Bahrein, Oman und Kuweit ist Internetzensur die Regel. In Syrien ist der Internet-Zugang auf Unternehmen beschränkt, so dass nur 5000 der 15,3 Millionen Einwohner einen Zugang zum globalen Computernetz haben. In Irak wurden in diesem Jahr die ersten Internet-Cafés eröffnet, unter strenger Beobachtung des Staates.
Wer die entsprechenden technischen Kenntnisse hat, wird allerdings auch die Mittel und Wege finden, auf die gewünschten Internetangebote zuzugreifen. So wird auch in Saudi-Arabien niemand daran gehindert, sich mit einem Modem zu den hohen Kosten eines Ferngesprächs bei einem Internetprovider im Ausland einzuwählen und dann unzensiert alle Inhalte im Netz auf den Bildschirm zu holen.
Tarek al-Issawi, AP