Internetzensur US-Kongress auf Irrwegen?
Washington - Im US-Kongress soll in den nächsten Tagen darüber abgestimmt werden, ob der Staat die Entwicklung einer effektiven Filtersoftware finanziell unterstützt. Auch die Präsidentschaftskandidaten der Demokraten und Republikaner, Al Gore und George W. Bush, hatten sich - beeindruckt von Meinungsumfragen - in ihren Fernsehdebatten für einen Filter ausgesprochen. Von Schulen und Bibliotheken aus sollen Websites, die Minderjährige gefährden könnten, softwaregesteuert nicht aufrufbar sein, so die Forderung quer durch die amerikanische Politiklandschaft. 92 Prozent der Bürger sind dafür, per Filter pornografische Netzinhalte für Kinder zu sperren. 79 Prozent wollen Kinderaugen vor Hassseiten schützen. Doch die Software-Idee scheint überholt zu sein.
Die vom Kongress eingesetzte Kommission für Kinder-Online-Sicherheit (Copa) will andere Wege einschlagen. "Wir suchten einen obligatorischen Filter", sagte der Vorsitzende Donald Telage. Die Pläne seien aber fallen gelassen worden, ergänzte er. Die Technologie sei einfach noch nicht weit genug, um sauber zu trennen. Die meisten Programme blockierten harmlose Seiten, während pornografische Inhalte häufig zugänglich seien, so Telage.
Copa schlägt mittlerweile andere Lösungen vor. So könnten Websites mit pornografischen Inhalten elektronisch gekennzeichnet und so von Filtersoftware leicht identifiziert werden. Eine weitere Möglichkeit wäre die Schaffung eines virtuellen Rotlichtbezirks. So könnte eine neue Top-Leveldomain (TLD) eingeführt werden. Der Copa schwebt dabei der Name .xxx-Domain vor. Bei der Icann denkt man darüber nach, .sex als neue TLD zu etablieren. Mit der neuen Domain-Endung könnten Browser programmiert werden, solche Sites gar nicht mehr aufzurufen. Netscape als Adult- und in der Young-Version?
Die Effektivität muss ebenso bezweifelt werden wie der Nutzen einer Filtersoftware. In den unendlichen Weiten des Netzes gibt es genügend Cheats, so eine Technologie auszutricksen. Eine relative einfache Möglichkeit wäre webbasiertes Surfen, wie etwa mit Anonymizer.com.
Auch die Freigeister der USA regen sich in der Angelegenheit. Sie sehen die Meinungsfreiheit in Gefahr, sollten Programme die Aufgabe eines Zensors übernehmen. "Ein Filter ist eine Maschine", sagte der Vorsitzende der amerikanischen Bibliotheken-Vereinigung. "Es ist kein Mensch, der urteilen kann." Bildung und Gewissen seien der Schlüssel in dieser Frage, um gefährliche Inhalte von harmlosen zu trennen.