Interview: "Die Alley ist heißer" - DER SPIEGEL
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Interview "Die Alley ist heißer"

Das Internet wurde in San Francisco geboren - sagen zumindest die dort ansässigen Technologie-Produzenten. "Silicon Alley Reporter"-Verleger Jason McCabe Calacanis widerspricht: New York und Los Angeles seien das geistige Zentrum des Internet. Denn nur auf Inhalte komme es an im Web.
Von Ben Schwan
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Wie entstand 1996 der "Silicon Alley Reporter" ?

Jason Calacanis:

Ich schrieb für viele Magazine über das Internet. Ich lieferte 4000 Worte, die Redakteure nahmen dann 600 daraus und füllten eine kleine Spalte. Die haben das Netz damals nicht wirklich verstanden und wollten, dass ich meine Texte verändere. Kannst Du mehr über Videospiele schreiben, mehr über diesen oder jenen Werbetreibenden...

Das wollte ich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr, wollte mein eigener Boss sein. Ich nahm meine Texte und steckte sie in eine eigene Publikation, die anfangs nur aus fotokopierten 16 Seiten bestand. Ich hatte mir zuerst so einen kleinen Newsletter wie Esther Dysons "Release 1.0"  vorgestellt. Und dann wuchs der "Reporter" zum Magazin. Inzwischen liegt unsere Auflage bei 100.000 Exemplaren. Wir erscheinen zehnmal im Jahr, mit jeweils einer Doppelnummer im Winter und im Sommer.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es zu dem Namen?

Calacanis:
Manche Leute sagen, ich hätte das Wort erfunden. Das stimmt so nicht. "Silicon Alley" war ein Begriff, den die Programmierer und Marketingleute im Silicon Valley dauernd benutzten, einfach als nahe liegendes Wortspiel.

Ich war einer der Ersten, der es auf New York übertrug. Ich habe es sozusagen heimgeholt, indem ich ein Magazin speziell für die New Yorker Szene gegründet habe. Damals gab es noch keine Magazine, die sich speziell mit dieser Gegend befassten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es diesen Streit zwischen New York und San Francisco wirklich?

Calacanis:
New York ist eindeutig heißer als San Francisco. Diese Stadt wird, mit Verlaub, extrem überbewertet, wenn man sie "Medienhauptstadt des Internet" nennt. Eine solche Bezeichnung ist schlicht naiv. Was für die traditionellen Medien gilt, wird schließlich auch im Internetbereich so sein: Das Talent, die Medien und die Produzenten sind hier in New York. Genau wie das Geld.

Aber es geht noch um eine ganz andere Sache: Nun, da wir das Internet haben, was fangen wir damit an? Das ist die Frage, die New York beantwortet. Im Web geht es um Inhalte. Wenn es keine Inhalte gibt, braucht man auch keine Technologie.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht ziemlich antiquiert, im Zeitalter des Internet ein Printprodukt zu machen?

Calacanis:
Im Netz ist ziemlich viel Rauschen. Ein Printmagazin dagegen ist wie ein Filter, weil seine Herstellung viel Geld und Zeit kostet. Wir können in jeder Ausgabe eben nur 70 bis 100 redaktionelle Seiten füllen. Wir müssen also die Entscheidung treffen, was uns wichtig ist in einem Monat. Im Online-Bereich kann man theoretisch zehn, zwanzig oder noch mehr Geschichten am Tag bringen. Viele Leute machen das auch, sie generieren sehr viel Text, der aber nicht wirklich tief geht.

Es gibt Sachen im Print, die man online einfach nicht machen kann. Wir spielen jetzt seit Jahrhunderten mit Papier. Dagegen wissen wir ja noch gar nicht, wie man Informationen im World Wide Web wirklich gut darstellt, das Medium existiert ja erst seit fünf Jahren.

Viele Leute machen Sachen im Web, die völlig ohne Auswirkungen bleiben. Eigentlich gibt es keinen Grund für ihr Tun, sie machen es nur, weil sie an der Börse das große Geld machen möchten. Das ist peinlich und traurig. Man sollte immer den Kunden, die Person sehen, die mit einem Internetangebot umgeht, es konsumiert, damit spielt. Das ist die Perspektive, die man nicht verlieren darf.