Interview "Icanns Entscheidungen betreffen jeden Nutzer"
SPIEGEL ONLINE:
Warum interessiert sich das Center for Democracy and Technology für Icann und die Vergabe von Internetnamen?
Alan Davidson: Das CDT interessiert sich seit 1995 für das
"Domain-Name-System" und wie es gesteuert
wird, weil dieses "DNS"-System ein
Schlüsselpunkt ist.
Wer das DNS verwaltet, hat erheblichen Einfluss darauf,
wie Menschen den Cyberspace benutzen können.
Domainnamen sind gleichzeitig Verkehrsschilder und
Visitenkarte im Netz der Netze. Also ein Teil der Identität
jedes Internetnutzers.
SPIEGEL ONLINE: Und wie steht das CDT zu Icann?
Davidson: Da Icann das DNS verwaltet, könnte sie Entscheidungen treffen, die jeden Internetnutzer betreffen. Aus diesem Grund wollen wir sicherstellen, dass Icann keine Entscheidungen trifft, welche die Freiheiten von Internetnutzern rund um den Globus beschneiden könnten. Das fängt an beim Schutz persönlicher Daten und geht bis zur möglichen Einschränkung der Meinungsfreiheit im Netz. Das sind die Gründe, warum wir jeden Schritt der Icann verfolgen, und jeden Nutzer des Netzes darüber informieren wollen.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, wo Icann schon politische Entscheidungen getroffen hat?
Davidson: Ja, Icann hat im Bereich des Namensrechtes schon Entscheidungen getroffen, die zum Vorteil von großen Unternehmen ausgefallen sind - also politische Auswirkung für jeden haben, der das Netz benutzt. Wirklich wichtige Entscheidungen der Icann, die erhebliche Auswirkungen auf die zukünftige Gestalt des Netzes haben, stehen jedoch erst jetzt zum ersten Mal an. Sie muss entscheiden, wie viele neue Internet-Top-Level-Domains es geben wird. Also ob es unter anderem .art, .firm oder .med geben wird. Dies hat natürlich politische Implikationen, die über den eng definierten technischen Auftrag der Icann hinausreichen.
SPIEGEL ONLINE: Sind die allgemeinen Online-Wahlen also ein richtiger und wichtiger Schritt, um Icann zum Repräsentativorgan der weltweiten Internet-Community zu machen?
Davidson: Im Endeffekt wird die allgemeine Mitgliedschaft der Icann für die gesamte Internet-Community sehr wichtig sein, weil sie ihr eine Möglichkeit zur Mitwirkung innerhalb der Icann gibt. Deshalb ist es auch von großer Bedeutung, dass ihre Mitglieder und potenziellen Wähler sich zu einer gut informierten Internet-Bürgerschaft entwickeln, die in der Lage ist, einen "intelligenten" Teil beim Meinungsbildungsprozess der Icann zu spielen.
SPIEGEL ONLINE: Momentan sprechen wir nur über die Wahlen im November, aber was kommt dann? Werden die Icann-Mitglieder nur ein Wahlvolk auf Abruf sein, welches alle zwei Jahre zur virtuellen Wahlurne schreitet?
Davidson: Das CDT glaubt, dass genau dies nicht der Fall sein sollte. Die "At-Large-Membership" sollte ein Platz für dauerhafte und lebhafte Debatten zwischen den Mitgliedern in virtuellen Foren, Diskussionsrunden oder "Virtual-Town-Hall-Meetings" sein. Nur so kann sie zu einer weltweiten, demokratischen Netzbürgerschaft werden. Momentan unternimmt die "Internet-Community", wie übrigens auch Icann, enorme Anstrengungen um eine solche "Netizenry" zu gründen. Es wäre dann doch eine enorme Verschwendung, wenn die Icann-Bürger einfach nur im November wählen würden, und sonst für nichts gut wären.
SPIEGEL ONLINE: Was wird das CDT in nächster Zeit unternehmen, um die Wahlen zu unterstützen?
Davidson: Wir werden weiterhin die Vorbereitungen zur Wahl beobachten und Empfehlungen zu einer demokratischen Standards entsprechenden Durchführung geben. So ist etwa die vorgesehene Barriere von zehn Prozent Unterstützung der Mitglieder eines Kandidaten zur erfolgreichen Selbstnominierung viel zu hoch. In den nächsten Tagen werden wir unsere Kommentare dazu abgeben. Stay tuned!
Die Fragen stellte Christian Ahlert