Interview mit Angela Merkel: "Nokia ist der Leuchtturm" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Interview mit Angela Merkel "Nokia ist der Leuchtturm"

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel hat das Internet zur Chefsache gemacht. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht sie während ihres Finnland-Besuchs über Nokia und was die deutsche Politik von den Skandinaviern lernen kann.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Warum reisen Sie ausgerechnet nach Finnland?

Angela Merkel: Mich fasziniert vor allem die technologische Dynamik des Landes, von der Deutschland einiges lernen kann. In Deutschland sind wir im Zweifel immer etwas bedächtiger. In Finnland dagegen spürt man, dass man als Wertegemeinschaft Europas auch führend sein möchte in der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Zwei Tage haben Sie sich über das Hightech-Land Finnland informiert. Was nehmen Sie mit nach Deutschland?

Merkel: Finnland ist ein Land, das sich dem Strukturwandel von der Industrie- zu Wissensgesellschaft entschlossen und freudig gestellt hat. Inzwischen sind die Erfolge unübersehbar. Nokia ist darunter nur der Leuchtturm.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch Nokia-Chef Jorma Ollila getroffen. Was hat er Ihnen mit auf den Weg gegeben?

Merkel: Wir haben darüber gesprochen, wie ein so großes Unternehmen seine Mitarbeiter immer wieder befähigt, innovativ zu sein in einer sich so schnell verändernden Welt. Das interessiert mich auch im Hinblick auf die Politik. Die CDU und die Politik insgesamt müssen sich auf die neue Geschwindigkeit einstellen, die wir heute in der Wirtschaft schon haben.

SPIEGEL ONLINE: Kann Politik da überhaupt mithalten?

Merkel: Wir müssen uns schon ganz schön sputen. Ich habe in Amerika Craig Venter getroffen. Der hat im Herbst 1998 begonnen, das Genom zu entschlüsseln, und ist jetzt schon fertig. Schauen Sie sich einmal an, wie wenig sich politisch in diesem Zeitraum in Deutschland bewegt hat. An den ethischen Fragen der Biotechnologie sieht man auch, dass Politik erst einmal das Wissen haben muss, um Antworten zu geben. Bei diesen Taktfrequenzen ist das eine echte Herausforderung.

SPIEGEL ONLINE: Kann die deutsche Politik von Finnland lernen?

Merkel: Auf jeden Fall. Finnland hatte vor zehn Jahren sehr große Probleme, die mit denen der neuen Bundesländer vergleichbar sind. 20 Prozent Arbeitslosigkeit zum Beispiel. Von den Finnen können wir lernen, dass Angst vor Veränderung der falsche Ratgeber ist und dass die Politik sich in manchen Bereichen zurückhalten sollte, um Freiraum für Entwicklung zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Kann das Internet die Gesellschaft spalten?

Merkel: Die Gefahr besteht, wenn die Politik nicht eingreift. Die finnische Regierung hat das begriffen. Wir müssen sehr entschlossen der Gefahr einer digitalen Spaltung entgegenwirken. Wie die Finnen müssen wir schon in der Bildungspolitik stärker auf das Internet setzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft benutzen Sie persönlich das Internet?

Merkel: Am meisten über das Handy. Es ist WAP-fähig, und ich nutze es, um die neuesten Nachrichten zu verfolgen. Im Büro oder zu Hause habe ich für das Surfen am Computer leider kaum Zeit. Trotzdem hat sich das Leben auch für mich durch das World Wide Web massiv verändert. Während man früher stundenlang recherchieren musste, geht das jetzt ganz nebenbei. Das ist faszinierend.

Die Fragen stellte Christoph Schult .