Interview mit Grietje Bettin "Mit gutem Beispiel voran"
SPIEGEL ONLINE:
Frau Bettin, Sie sind MdB, nicht EDV, richtig? Warum engagieren Sie sich für eine bestimmte Software für den Bundestag?
Grietje Bettin: Wenn man sich im medienpolitischen Bereich bewegt, sollte man schon versuchen, auch mit gutem Beispiel voranzugehen. Wenn es uns als Bundestag - das ist ein riesiger Apparat - gelingt, die Softwareplattform Stück für Stück umzustellen, dann hat das natürlich auch eine symbolische Bedeutung. Man kann sowas nicht politisch fordern, ohne selbst mit gutem Beispiel voranzugehen.
SPIEGEL ONLINE: Aber ist die Software-Plattform des Bundestages eine politische Frage? Müssten so was nicht einfach die Techniker entscheiden?
Bettin: Das finde ich überhaupt nicht. Das Thema Open-Source ist durchaus eine Sache, der man auch politisch Rückenwind verschaffen sollte. Da sind sich die Medienpolitiker im Bundestag auch relativ einig. Allerdings nicht die Wirtschaftspolitiker.
SPIEGEL ONLINE: Was spricht denn für Linux im Bundestag?
Bettin: Linux ist als System besser und sicherer, weil es nicht so anfällig ist für Viren und Ähnliches, und mittlerweile ist es auch benutzerfreundlich und auch für große Institutionen einsetzbar.
SPIEGEL ONLINE: Open-Source-Gegner sagen, dass es einfach nicht genügend Software gäbe. Können Sie garantieren, dass man alle Aufgaben, die im Bundestag anfallen, mit Open-Source-Software erledigen kann?
Bettin: Also in dieser Hinsicht muss man sich auf die Aussagen der Techniker verlassen können, und dort wird gesagt, dass mittlerweile alles möglich sei. Die Finanzdirektion in Niedersachsen hat erfolgreich 15.000 Rechner auf Open-Source umgestellt. Das scheint gut zu laufen.
SPIEGEL ONLINE: Wir haben hier in den letzten Tagen eine kleine Flut von Briefen in Sachen Bundestux erlebt: Da drückt offenbar eine pfiffige, aber auch ziemlich kräftige Lobby...
Bettin: Absolut!
SPIEGEL ONLINE: Wer steckt dahinter?
Bettin: Die Initiative kommt zum einen aus Kreisen des Linuxtages, die ja schon seit Jahren sehr rührig sind in dieser Sache. Aus dem grünen Netzwerk Neue Medien sind viele mit dabei.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Bedenken, dass Sie sich hier vor einen Karren spannen lassen von Leuten, die auch wirtschaftliche Interessen verfolgen?
Bettin: Das ist natürlich immer eine Frage, die man sich stellen muss. Ich weiß, dass inzwischen auch bei Linux und der freien Software ein Markt entstanden ist. Aber wenn ich mir da Quantitäten und Qualitäten ansehe, habe ich politisch überhaupt keine Bedenken.
SPIEGEL ONLINE: Im Zweifelsfall würde Microsoft wohl auch mehr Geld verlieren, als die Linux-Leute damit verdienen würden...
Bettin: Absolut. Wenn man so dem großen Monopolisten Microsoft etwas entgegensetzen kann, dann habe ich auch nichts dagegen, wenn das zugunsten eines wirtschaftlichen Unternehmens geht. Konkurrenz belebt das Geschäft. Linux ist von seiner Grundidee völlig anders, und es ist der bessere Ansatz, Software von vorn herein offen zu halten.
Die Fragen stellte Frank Patalong