"Invasion Deutschland" Spaß am Trash
Während für die meisten Menschen Weihnachten die Zeit des Friedens und der Besinnlichkeit ist, bringt die Spieleindustrie ihre schwersten Geschütze in Stellung. So wie die holländische Software-Produktionsstätte Davilex. Schon vor einem Jahr bescherte die 1987 gegründete Firma der Computerwelt einen Verkaufshit: "Autobahnraser 2".
Namhafte Konkurrenten wie "Rally Championship Edition 2000" oder "Driver" begeisterten zur gleichen Zeit mit ausgefeiltem Spieldesign und optischen Finessen die Fachwelt. "Autobahnraser" appellierte hingegen an die niederen Instinkte. Technische und spielerische Defizite änderten nichts daran, dass es die Konkurrenz im Rennen um die Verkaufscharts locker schlug. Die Gelegenheit, die gesamte Straßenverkehrsordnung auf deutschen Strecken zu verletzen, wollten sich viele nicht entgehen lassen.
Mittlerweile scheint das Konzept, Spiele von mäßiger Statur, dafür aber mit nationaldeutschem Bezug, ganz gezielt für den deutschen Markt zu produzieren, für die Holländer zum Kalkül zu gehören.
Auch der neue Titel "Invasion Deutschland" setzt auf die gleiche Strategie: In dieser 3D-Action fallen extraterrestrische Monsterhorden über deutsche Großstädte her. Die so genannten Grøbber haben, wie sich das für Bewohner fremder Planeten gehört, kein dringlicheres Anliegen, als die Menschheit zu versklaven.
Um der Weltpopulation dieses Schicksal zu ersparen, tritt der Spieler den Kampf gegen die außerirdischen Störenfriede an. Einerseits die Indizierungsproblematik und andererseits den Wunsch im Blick, die potenzielle Zielgruppe so weit wie möglich zu erweitern, läuft das Ganze angeblich "völlig gewaltfrei" ab.
Prompt bekam das Spiel die USK-Altersfreigabe von 12 Jahren. Der "familienfreundliche" Spielverlauf führt durch Kulissen wie das Hofbräuhaus, den Kölner Dom oder den Plenarsaal des Reichtags. Die Grafiken reichen hierbei gerade zur Wiedererkennung der dargestellten Schauplätze aus.
Gewaltfreie Ballerorgie?
Sowenig wie sein Rennspielvorgänger kann das Spiel verbergen, dass sein technischer Stand schon vor Jahren überholt war. Zudem klingt die Idee eines "gewaltfreien Ego-Shooters" verdächtig nach der Erfindung des wasserlosen Whirlpools.
Normalerweise sollte die Vorstellung, solch ein schwachbrüstiges Produkt auf den Markt zu bringen, jeden Herstellern zittern lassen. Für Davilex dürfte aber kaum Grund zur Sorge bestehen: Spiele-Trash ist Trend. Hat nicht etwa Phenomedias "Moorhuhn" dazu gereicht, Werbespielprogrammierer, die bekanntlich ganz unten in der Hack(er)ordnung stehen, aufs Börsenparkett zu katapultieren? Und das, obwohl die Grundidee dieses virtuellen Federviehschrecks so alt ist wie die Branche selbst.
Schon seit der digitalen Steinzeit gibt es die dort verwendeten grafischen Ebenen, die durch unterschiedliche Bewegungsgeschwindigkeiten räumliche Tiefe simulieren ("Parallax Scrolling"). Das Beschießen fliegender Ziele gibt es noch länger. Mit Grundkenntnissen in Microsofts DirectX-Programmierung können selbst durchschnittliche Entwickler eine entsprechende Umgebung im Laufe eines durchnächtigten Wochenendes zusammenstellen.
Schlichtheit schützt nicht vor Kassenerfolgen
Der Erfolg äußerst einfacher Spielideen, die in ihrer Umsetzung noch nicht einmal auf der Höhe der Zeit sind, mag zunächst verwunderlich erscheinen - ein "Sonderweg" der Spielebranche ist das jedoch nicht. Auch in anderen Bereichen zeitigt ein hoher Schlichtheitsfaktor durchaus positive Wirkung.
Gerade in der Popmusik haben simple Formate den größten Ohrwurmeffekt. Das visuelle Britney-Spears-Äquivalent ist in der Fernsehwelt mit "Big Brother" schnell gefunden. Der Kino-Erfolg von "The Blair Witch Project" legt beispielhaft dar, dass es selbst auf eine technisch einwandfreie Umsetzung nicht ankommt.
So gesehen startet "Invasion Deutschland" mit den besten Voraussetzungen ins Verkaufsrennen. Es verfügt nicht nur über einen gehörigen Trash-Faktor, sondern zusätzlich über eine ordentliche Portion Deutschtümelei. Beide scheinen sich brillant zu ergänzen. Der Weihnachtshit des Jahres 2000 könnte also schon jetzt feststehen - "vorprogrammiert", sozusagen.