IPTV-Strategien Das Prinzip Gießkanne
NBC direct heißt das neue Angebot, das in vielerlei Hinsicht an die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland und Großbritannien erinnert: Ab Oktober kommen amerikanische Serien-Junkies dort in den Genuss von Download-Angeboten, die man sich bis zu sieben Tage nach der Erstausstrahlung ansehen kann. Refinanziert wird das Ganze durch Werbung, denn die Programme werden von klassischen Spots flankiert - und durch Werbepausen unterbrochen.
Das ist TV via Internet im Sinne des Wortes - und nur ein Teil einer aggressiven Strategie des US-Senders, möglichst viele Nischen des keimenden IPTV-Marktes zu besetzen. Dass der wirklich wichtig wird, steht inzwischen völlig außer Frage: Zwar wird dort bisher relativ wenig Geld umgesetzt, allerdings eine Menge verloren: Laut Marktforschungsinstitut ComScore nutzten im Juli 2007 bereits 75 Prozent aller Amerikaner Web-Videoangebote. Die attraktivsten und populärsten bieten vor allem geklaute Ware - oder Laienfernsehen wie YouTube. Da wittern die Medienmächtigen wohl zurecht ihre Chancen.
Und die wollen sie nach Möglichkeit nutzen, ohne in zu große Abhängigkeiten zu geraten. Schlagzeilen machte vor kurzem NBCs Ankündigung, seine Programme aus dem Angebot von Apples iTunes Store zurückziehen zu wollen. Statt dessen setzt NBC offensichtlich auf das Prinzip Gießkanne: Die Programme des Senders soll man in den nächsten Jahren auf vielen Wegen erhalten können - mal gegen Zahlung, mal werbefinanziert, mal gestreamt, mal im Download, als körniges Web-Video oder als kernigen HD-Film.
So hebt NBC in Kooperation mir Rupert Murdochs News Corp. ("Fox") derzeit den Video-on-demand-Shop Hulu aus der Taufe, verkauft zum Teil die gleichen Inhalte aber auch via Amazons Unbox-Videoshop. Auch an die amerikanische National Rural Telecommunications Cooperative lizensiert NBC Inhalte, um diese über die IPTV-Portfolios regionaler Telefonanbieter unters Fernsehvolk zu bringen. Ebenfalls an Bord: ESPN, ABC und Disney, Fox News, Discovery Communications, MTV, Turner Networks und andere.
Aber natürlich will NBC seine Programme auch selbst vermarkten. Zurzeit ist NBC direct nur ein Showcase, über den - natürlich - nur US-Web-Nutzer einzelne Shows abrufen können. Ab Oktober nimmt das Angebot den regulären Betrieb auf - wie auch die Angebote aller großen Konkurrenten.
Deren Strategien unterscheiden sich teils erheblich von denen von NBC.
CBS etwa setzt darauf, seine Serien direkt an diverse Videoseiten zu linzensieren, statt sie sich dort in geklauter Form ansehen zu müssen. CBS lässt also andere gießen - der Sender spielt den Content-Syndicator, bei dem man Abspiellizenzen für Programme mieten kann. Zu den Kunden gehören nicht nur iTunes, sondern auch AOL, Brightcove, Joost, Veoh, Yahoo und YouTube - TV auf allen Kanälen. NBC verkneift sich diesen Ansatz nur scheinbar: Über den Umweg Hulu.com hat NBC ähnliche Vereinbarungen mit AOL, Comcast, MSN, MySpace und Yahoo getroffen.
TV im Web? Allgegenwärtig!
Damit folgen die Sender der Analyse des Internet-Guru Vint Cerf, der eine massive Veränderung der TV-Landschaft innerhalb der nächsten Jahre vorhersagt. Das Video mit Cerfs Visionen ist - wie könnte es anders sein? - bei YouTube zu sehen:
Wenn 85 Prozent aller TV-Inhalte aus der Konserve kommen, meint Cerf dort, warum sollte man sie sich nicht dann und dort anschauen, wo es einem gerade passt? Live-TV im Rahmen eines regulären Programms werde da allerdings noch für Dinge wie Nachrichten oder Sportübertragungen gebraucht.
Und für so etwas kann man im Web ja einfach Raum schaffen, weiß offenbar auch NBC. Schon jetzt ist klar, dass NBC die Olympiade in Peking im Sommer 2008 zum Anlass nehmen wird, das bisher größte Live-Streaming-Projekt aus der Taufe zu heben. NBCOlympics.com will rund 2200 Stunden live übertragen, unterfüttert mit 6600 Programmstunden, die on demand angeboten werden sollen. Für NBC ist das das "ambitionierteste Medienprojekt der Geschichte".
Und es wird wohl nicht zu stemmen sein, ohne dabei auf die größte Ressource des Webs zurück zu greifen: Auf die Nutzer.
Erst P2P macht Liveübertragungen denkbar
Tatsächlich plant NBC schon in den nächsten Monaten den Aufbau eines P2P-Netzes für die Verbreitung von Live-Inhalten - denn nur da macht das Sinn. Nur, wenn genügend Nutzer zeitgleich Daten weiter verteilen, kann ein P2P-Netz seine Kraft entfalten und zugleich die Server des Senders entlasten. NBCs P2P-Plattform wird an einen proprietären Browser oder Media-Player gebunden sein, der Raubkopien verhindern und auch den zeitlich beschränkten Download von HD-Inhalten ermöglichen soll.
Denn das ist das erste Ziel: Möglicherweise noch vor Ende des Jahres will NBC Serieninhalte auch in HD-TV-Qualität verstreamen. Was noch vor Jahresfrist Science Fiction gewesen wäre, ist nun durchaus vorstellbar: Der Fortschritt der Codec-Entwickler macht inzwischen HD-Übertragungen ab etwa 2 MBit Datendurchsatz denkbar.
Möglich machen das Techniken wie der Codec H.264. Eine besonders fitte Variante dieses hocheffizienten Standards zur Videokompression lizensierte vor wenigen Wochen das Aachener Unternehmen MainConcept an Adobe, Entwickler des zurzeit weltweit führenden Programms zur Web-Video-Darstellung Flash. Flash-Player, in die Videos im Stream oder Progressive Download dargestellt werden, sehen Sie auf einer Vielzahl von Seiten, von YouTube bis SPIEGEL ONLINE.
HD-TV aus der DSL-Dose? Es ist keine Frage, ob das kommt, sondern wann. Im Zweifelsfall dauert es nur noch Wochen.
Codecs machen alles möglich
Das nächste Update des Flash-Players implementiert den H.264-Codec von MainConcept - und wird so über Nacht die Voraussetzung dafür schaffen, dass das Gros der Rechner in aller Welt prinzipiell HD-Streams empfangen und darstellen kann, wenn nur die DSL-Leitung dick genug ist. Da fehlen dann nur noch die entsprechenden Angebote, auf die nicht nur NBC sich gerade vorbereitet. Nicht unwahrscheinlich also, dass IPTV den qualitativen Standard klassischer TV-Sender schon bald rechts und links überholen wird.
Wie gut, dass die Hardware-Industrie immer mehr Geräte anbietet, die DSL-Buchse respektive Rechner direkt mit dem Fernseher im Wohnzimmer verbinden - zu inzwischen erschwinglichen Preisen. Das Beispiel Großbritannien aber zeigt, worauf es eigentlich hinausläuft: Auf kleine Settop-Boxen, die eine direkte Verbindung zwischen Internet und TV gewährleisten. So etwas gibt es dort von jeder Telefonfirma, aber auch von verschiedenen IPTV-Anbietern - so wie in Deutschland für die Triple-Play-Angebote der Telekom oder von maxdome.
Auch die ARD bastelt bereits an Verträgen mit dem Box-Entwickler itv solutions aus Berlin , der für deren Mediathek die passende Maschine im Angebot hat: Das Ding ist ein Hybrid, der zugleich DVB-T, -S und -C-Receiver ist, über Ethernet-Anbindung für die DSL-Buchse verfügt und als Festplattenrekorder dann 160 GB an TV-Inhalten speichern kann.
Wer macht das Fernsehen von morgen?
Kein TV-Sender kann es sich leisten, bei dieser rasanten Entwicklung außen vor zu bleiben - zumal die IT-Welt ihren eigenen Angriff auf die TV-Märkte längst vorbereitet. Bis Anfang nächsten Jahres will beispielsweise Hewlett Packard eine eigene, proprietäre Plattform namens Next.tv etablieren - durch Vorinstallation des gleichnamigen Players auf allen PC-Produkten.
Next.tv aber steht für mehr als nur für eine Media-Player-Software. Hinter dem Angebot steht ein Portfolio von Web-TV- und IPTV-Angeboten: Rund 50 Kanäle will HP zum Start anbieten. Das ist eine kräftige Konkurrenz für die klassische TV-Sender-Branche. CBS wird immerhin mit eigenen Inhalten vertreten sein, wenn auch huckepack via Veoh.
Solche Projekte sind der Hintergrund, vor dem das Prinzip Gießkanne seine Erklärung findet: TV-Inhalte sind definitiv dabei, ihre Exklusivität zu verlieren. Sie verlieren ihre Bindung an bestimmte Sender - legal und lizensiert oder weggefunden und wild auf Video-Plattformen publiziert - und gehen auf im ortlosen Netz, werden allgegenwärtig und überall zum Download angeboten.
Was kann man also Besseres tun, als die eigenen Inhalte fest an eigene Werbung zu koppeln und sie im Netz zu streuen? Die Zukunft des Programms hat die Gestalt einer Datenbank. In der IPTV-Welt ist der Anbieter irrelevant. Man schaut nicht mehr darauf, was am Abend ZDF, ProSieben oder NBC bieten. Man sucht nach spezifischen Inhalten, egal, wo die gerade angeboten werden, oder darauf, was live gerade über das Web streamt - und das ist keine Frage von Sendern, sondern von Zeiten.
Einen Ausblick darauf, wie so etwas einmal aussehen wird, bietet das Stream-Programm von Last100 für die USA. Noch ist das alles sehr überschaubar und statisch, kommt als kleiner, siebenseitiger Stundenplan daher. Wetten, dass binnen Jahresfrist ein wie auch immer gestalteter IPTV-Google diese Funktion erfüllt - und statt Sendern nur noch Links auf spezifische Inhalte serviert? Es scheint, dass der gut beraten ist, der bis dahin die Gießkanne gründlich kreisen lässt.