iTunes in Deutschland Apple startet mit Songpreis von 99 Cent
So richtig geheim war die Sache ja schon lange nicht mehr. Doch über die Details des Europastarts der erfolgreichen Musikplattform iTunes wurde im Vorfeld heftig spekuliert. Öffnet der Apple-Shop vorerst nur in Großbritannien? Und konnte Firmenchef Steve Jobs lukrative Konditionen aushandeln, um die 99 Cent-Marke zu halten, mit der er in den USA für den Durchbruch des Online-Musikverkaufs sorgte?
Ja, Steve, der Heilsbringer, hat es geschafft. "iTunes Musicstore wird heute in Deutschland, Großbritannien und Frankreich gestartet", sagte der Apple-Chef am Dienstag in London. Und weil das eine so große Sache ist, trällerte Soulstar Alicia Keys vor den versammelten Pressevertretern - natürlich live.
"Ich bin jemand, der mit seiner Musik eine große Zahl an Leuten erreichen will", sagte die Sängerin. Der iTunes Music Store sei "der beste Weg dazu". Die von Apple aufgezeigten neuen Wege beim Vertrieb und der Promotion von Musik würden von Fans und Musikern gleichermaßen begrüßt, erklärte Keys zur Freude von Firmenchef Jobs.
Die wichtigste Frage war natürlich der Preis. Deutsche Musikfans bekommen ihre Songs für 99 Cent, ein Album kostet 9,99 Euro - jeweils inklusive Mehrwertsteuer. In Branchenkreisen war lange diskutiert worden, ob es dem Apple-Chef gelingt, in Europa einen Stückpreis in dieser Höhe bei der Musikindustrie und den Verwertungsgesellschaften durchzusetzen. Er konnte.
Vor allem der Albumpreis von 9,99 Euro dürfte den klassischen Musikhandel mächtig unter Druck setzen. Zumal iTunes auch CD-Cover zum Ausdrucken anbietet.
Das Angebot umfasst zunächst 700.000 Songs aller fünf großen Labels und zusätzlich tausende Titel von Independent-Firmen. iTunes USA und iTunes Europa dürften somit praktisch über das identische Repertoire verfügen, denn auch der US-Shop umfasst laut Apple-Angaben 700.000 Titel.
Neben Deutschland startet der Shop zu den gleichen Konditionen auch in Frankreich und zu Preisen von 7,99 Pfund (Album) beziehungsweise 79 Pence (Einzelsong) in Großbritannien. Was die Rechte zum Kopieren, Brennen und Überspielen auf mobile Player betrifft, gelten dieselben Regeln wie in den USA. Ein gekaufter Song kann auf insgesamt fünf Computern wiedergegeben werden, beliebig oft auf CD geschrieben und auf beliebig viele iPods kopiert werden. Einzig feste Zusammenstellungen (Playlists) dürfen nur sieben Mal auf CD gebrannt werden.
Jobs demonstrierte in London ausführlich die britische iTunes-Ausgabe. In der deutschen Shopversion spielte er nur kurz einen Titel an. "Leider steck ich bis zum Hals in der Scheiße", dichteten die Beginner zur Freude der anwesenden deutschen Journalisten. Kaum zu glauben, dass die Auswahl ein Zufall war. Aber auf wen mag der Song wohl anspielen?
Der Apple-Chef berichtete außerdem, das iTunes in Amerika 85 Millionen Songs in weniger als einem Jahr verkauft hat. Der Marktanteil in den USA liegt nach seiner Aussage bei 70 Prozent. Wie üblich, lobte Jobs sein eigenes Werk ausgiebig und verschmähte die Konkurrenz: iTunes sei die "beste jemals programmierte Windowsanwendung" und webbasierte Musikshops seien "nervig".
Zur Vermeidung von Kabelsalat im voll digitalisierten Heim empfiehlt Apple sein System AirTunes. Über ein WLAN-Funknetz lassen sich damit Audioströme von iTunes aus an kleine 150 Euro teure Empfängerboxen senden, an die wiederum Receiver oder Verstärker angeschlossen sind. Auch ein spezielles iPod-Kit für Autos ist laut Jobs in Vorbereitung.
Die bei iTunes gekauften Songs sind im Format AAC kodiert und enthalten ein digitales Rechtemanagement. Zum Abspielen auf PCs benötigt man die kostenlose iTunes-Software von Apple, die es als Windows- und Mac-OS-Version gibt. Das Programm verwaltet die auf dem Rechner gespeicherte Musik inklusive Playlisten und enthält den Zugang zum Musikstore iTunes.
Die einzigen portablen Player, die iTunes-Songs abspielen, stammen von Apple selbst. Der Hersteller hat bislang keine Lizenzen zur Wiedergabe von geschützten AAC-Dateien an andere Playerhersteller vergeben und gedenkt dies auch nicht zu tun. Einzige Ausnahme ist Hewlett Packard (HP), für die Apple einen iPod bauen wird, der als HP-Gerät in den Handel kommt. Das Musicstore iTunes dient vor allem als verkaufsförderndes Argument für die gelungenen, jedoch nicht ganz billigen Apple-Player, an denen das Unternehmen sehr gut verdient. Der Musikverkauf wirft hingegen nach Firmenangaben keine Gewinne ab.
Apple führte seinen Dienst im April 2003 zunächst nur in den USA ein. Im Juni will Sony mit dem eigenen Angebot "Connect" ebenfalls in Europa an den Start gehen. Erst vergangenen Montag eröffnete der britische Musikgroßhändler OD2 ebenfalls ein neues Musikangebot in Deutschland, Frankreich Großbritannien und Italien. Zur Cebit hatte die deutsche Musikwirtschaft ihre gemeinsame Plattform Phonoline vorgestellt. Apple sieht der wachsenden Konkurrenz jedoch gelassen entgegen: "Die eigentlichen Wettbewerber sind nicht OD2 oder Sony, sondern die Musikpiraten", sagte Jobs.
Die Apple-Server zeigten sich dem ungewohnt starken Ansturm aus Europa nicht gewachsen. Die Seiten waren bereits kurz nach Bekanntgabe der Details zum Musicstore nicht mehr erreichbar.
Frank Patalong, Holger Dambeck