James Bamford - Herz Schutzschirm: Eine Frage der Farbe
Im Herzen der unsichtbaren Stadt befindet sich das gewaltige Hauptquartier und Operationszentrum der NSA, ein Gebäudekomplex, der so groß ist, dass das Capitol in Washington mühelos viermal darin Platz hätte. Es ist ein moderner, kastenförmiger Bau, der außen Stockwerk für Stockwerk mit schwarzem, von außen uneinsehbarem Glas verkleidet ist, sodass der Komplex wie irgendein modernes Geschäftshaus aussieht. Aber das Aussehen soll wie sonst auch das meiste bei der NSA den Betrachter nur täuschen.
Unter diesem spiegelnden Glas befindet sich das wahre Gebäude. Dieses wird durch eine Haut aus orangefarbenem Kupfer mit einzigartigen Fenstern geschützt - einer dicken, kugelsicheren äußeren Scheibe, 12,5 Zentimeter geräuschdämpfendem Raum, einem dünnen Kupferschirm und einer inneren Scheibe. Diese kunstvolle Schutzschicht soll alle Geräusche und Signale - ja jede Art von elektromagnetischer Strahlung - daran hindern, das Gebäude zu verlassen.
Die Schutzschirmtechnik mit Kupfer trägt die Codebezeichnung Tempest. Sie wird in vielen Teilen der Stadt verwendet und soll elektronische Spione daran hindern, etwas aufzufangen, was nicht für ihre Ohren bestimmt ist. Die NSA zieht zwar wie ein Schwarzes Loch jedes elektronische Signal an, das ihr nahe kommt, aber es wird keinem einzigen Elektron erlaubt zu entkommen. So sähe es die NSA zumindest am liebsten.
Dieses gewaltige Hauptquartier mit der Betriebszentrale ist ein Labyrinth von nahezu einer Million Quadratmetern, das sich in alle Himmelsrichtungen erstreckt. Man betritt es durch das zweistöckige Visitor Control Center, einem von mehr als 100 festen Beobachtungsposten in der geheimen Stadt, der mit bewaffneter NSA-Polizei bemannt ist. Hier werden auch die Unbedenklichkeitsbescheinigungen geprüft und die Besucherkarten ausgegeben.
Die NSA-Dienstmarke, die etwa die Größe einer Spielkarte hat, ist mehr als ein einfaches Stück Plastik. Sie zeigt auf der Vorderseite das Foto des Beschäftigten und ist für die Zehntausende von Menschen, die sich tagsüber in Crypto City aufhalten, das Leben selbst. Wenn man sie ihnen wegnimmt, verlieren sie plötzlich ihren Lebensunterhalt; wenn man die Farbe verändert, verändert sich ihr Status - sie steigen entweder auf oder ab. Wenn sie die Marke zu Hause vergessen, haben sie einen höllischen Tag vor sich, wenn sie sie verlieren, geraten sie in Verdacht. Wenn man einen Anhänger hinzufügt, wird das Universum für die Bediensteten ein wenig größer.
Blaue Dienstmarken werden von denen getragen, deren Hintergrund ausgiebig durchleuchtet worden ist, die eine nervenzerfetzende Lügendetektor-Untersuchung haben über sich ergehen lassen müssen, die von den geheimsten Codewörtern Kenntnis haben und schließlich "geschult" worden sind, nämlich eingeführt in die supergeheime Welt der Fernmeldeaufklärung und des Codierens. Die "Schulung" ist die NSA-Version für die endgültige Zulassung in den inneren Zirkel des Clubs.
Jetzt endlich darf man hinter den dicken schwarzen Vorhang blicken. Es ist so etwas wie ein Initiationsritus bei der Mafia, allerdings ohne den Blutstropfen. Den frisch Eingeweihten kann man jetzt erzählen, wie ihr Land andere Länder belauscht, deren Codes knackt und ihre geheimsten Kommunikationen mitliest.
Anschließend werden die neuen Träger der blauen Dienstmarken feierlich über die Bedeutung bestimmter geheimer Codewörter aufgeklärt, etwa von "Umbra". Wenn sich dieses Wort auf ein Dokument gestempelt findet, dann heißt dies, dass darin die höchstrangigen Fernmeldeaufklärungsquellen und -methoden enthüllt werden. Manche Mitarbeiter werden mit zusätzlichen Codebegriffen "geschult", etwa Gamma.
Dieser Begriff meint, dass die Information aus elektronischer Fernmeldeaufklärung stammt, nämlich mithilfe von Abhörsatelliten. Wie eine endlose Spirale gibt es geheime Klassifikationssysteme innerhalb geheimer Klassifikationssysteme. 1974 wurde ausschließlich für die geheimsten Geheimnisse der NSA eine neue Kategorie eingeführt: VRK, "Very Restricted Knowledge" - diese Informationen gelangen nur an einen sehr kleinen Personenkreis.
Obwohl die Träger der blauen Dienstmarken in der geheimen Stadt der NSA überwiegen, stellen sie nur eine Farbe des Sicherheits-Regenbogens dar. Die Polizeitruppe der NSA und andere, denen die Behörde volle politische Unbedenklichkeit bescheinigt hat, die aber nichts mit den Kernaufgaben der NSA zu tun haben, tragen orangefarbene Dienstmarken.
Schwarz ist für "geschultes" Vertragspartnerpersonal vorgesehen, dem zudem volle politische Unbedenklichkeit bescheinigt worden ist. Für Studenten der National Cryptologic School der NSA gibt es eine türkisfarbene Dienstmarke, und VIPs, etwa frühere Direktoren, freuen sich über eine in Gold.
Der gelegentliche Besucher, dem keine politische Unbedenklichkeit bescheinigt worden ist, muss eine Marke mit einem großen roten "V" tragen und von einer Person mit einem zusätzlichen "E" begleitet werden ("V" - Visitor, Besucher, "E" - escort, Begleiter). Eine blaue Dienstmarke mit einem kleinen NSA-Siegel, das Uniform Community Badge, besitzt den Vorzug, ihren Trägern nicht nur zur NSA Zugang zu verschaffen, sondern auch zur CIA, dem National Reconnaissance Office und anderen Behörden der US-amerikanischen Spionagewelt.
Wenn man Zutritt zu bestimmten supergesicherten Bereichen haben will, muss man manchmal zusätzlich ein kleines Plastikschild an der Halskette über der Dienstmarke mit dem Bild befestigen. Mitarbeiter des National Security Operations Center zum Beispiel tragen eine Plakette mit der Aufschrift "NSOC". Und in dem gigantischen Horchposten der Behörde der Station Menwith Hill in Mittelengland dürfen nur NSA-Bedienstete mit einer Plakette, die einen diagonalen blauen Streifen aufweist, das Gebäude betreten, in dem die Operation Silkworth untergebracht ist. Hier ist eine Satellitenlauschanlage beheimatet, die russische Mikrowellenkommunikationen abfängt.
Und dann gibt es noch die rote Dienstmarke - das NSA-Gegenstück des "Scharlachroten Buchstabens" (eine Anspielung auf Nathaniel Hawthornes Roman Der scharlachrote Buchstabe, in dem eine junge Frau mit einem unehelichen Kind an den Pranger gestellt wird und von da an einen kunstvoll bestickten scharlachroten Buchstaben A, für adulteress: Ehebrecherin, offen zur Schau tragen muss).
Die rote Dienstmarke ist für diejenigen reserviert, die ihre politische Unbedenklichkeitsbescheinigung verloren haben. Obwohl diese Marke offiziell bedeutet, dass ihr Träger "keinen besonderen Unbedenklichkeitsstatus hat" und normalerweise von Personen getragen wird, die im "Roten Korridor" arbeiten - im Drugstore und den anderen Konzessionsbereichen -, ist diese Dienstmarke für ehemalige Träger der blauen Marke die höchste Demütigung. Wer eine rote Dienstmarke am Hals trägt, darf nicht mal in die Nähe geheimer Informationen kommen und ist in seiner Bewegungsfreiheit auf wenige Korridore und Verwaltungsbereiche beschränkt - die Bank, den Friseurladen, die Cafeteria, die Sparkasse sowie die Schalter der Fluglinie und die Kartenvorverkaufsstelle.
Die Unbedenklichkeitsbescheinigung kann einem Mitarbeiter aus den verschiedensten Gründen entzogen werden, angefangen bei Überschuldung bis hin zu einem unautorisierten Treffen mit einem ausländischen Beamten oder einem um mehrere Ecken herum verbreiteten Gerücht aus dritter Hand.
Unabhängig von der Farbe ihrer Dienstmarke werden jedoch alle Beschäftigten ermahnt: "Nachdem Sie eine NSA-Einrichtung verlassen haben, sollten Sie Ihre Dienstmarke nicht mehr öffentlich zeigen, da Sie damit nur Ihre Zugehörigkeit zur NSA plakatieren."
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