Japan Vom Netzmuffel zur Webgesellschaft
E-Mails checken in der U-Bahn, beim Friseur das Kinoprogramm fürs Wochenende abrufen und im Café noch schnell ein paar Songs und neue Bildschirmschoner downloaden. Was sich schwer nach verheißungsvollem Wunschdenken eines Wap-Prospekts anhört, ist in Japan längst Alltag. An sämtlichen Ecken des Landes surft Jung und Alt mit nicht mal zigarettenschachtelgroßen Internet-Handys im Cyberspace.
Das Netz boomt in Nippon derzeit gewaltig. Nutzten vor einem Jahr noch 19,1 Prozent aller Haushalte das Internet, surften der Tokioter Marktforschungsgesellschaft Video Research Ltd. zufolge vergangenen Monat bereits über 30 Prozent im Web. Für den rasanten Anstieg ist vor allem die enorme Popularität internetfähiger Mobiltelefone verantwortlich. Im August verfügten schon mehr als 17 Millionen Japaner über ein Web-Handy. Nach Angaben des Ministeriums für Internationalen Handel und Industrie(Miti) hat sich die Zahl der Mobilsurfer damit seit Dezember verfünffacht. Bis Ende diesen Jahres erwartet Jupiter Communications sogar 30 Millionen mobile Surfer - für Europa und die USA werden nur sechs Millionen prognostiziert.
Allein 12 Millionen Japaner nutzen inzwischen den im Februar 1999 gestarteten "i-mode"-Dienst von NTT DoCoMo, der permanenten Netzzugang zum Billigtarif gewährt. Die Mobilfunktochter des Ex-Telekom-Staatsbetriebs NTT avancierte damit nicht nur zur größten Web-Zugangsplattform unter dem Sonnenbanner, sondern nach America Online auch zum zweitgrößten ISP der Welt.
Erst vor knapp zwei Wochen hat sich NTT DoCoMo - was zu Deutsch so viel bedeutet wie "überall" - für 100 Millionen US-Dollar beim japanischen Ableger des Online-Dienstes eingekauft. Mit einem Anteil von 42,3 Prozent ist der Telekommulti nun auch größter Aktionär von AOL Japan. Gemeinsam wollen die Unternehmen Services am Mobilfunkmarkt der dritten Generation (3G) anbieten. Neben dem Zugriff auf AOL-Inhalte verspricht sich NTT aus dem Engagement aber vor allem, i-mode zum weltweiten Standard lancieren zu können.
"Die Beteiligung ist ein wichtiger Schritt, um unsere mobilen Multimedia-Dienste international bekannt zu machen", kommentierte NTT-DoCoMo-Präsident Keiji Tachikawa den Deal. "Ich möchte, dass i-mode bald auch in New York genutzt wird." AOL Japan dagegen ist dringend auf neue Abonnenten aus dem DoCoMo-Lager angewiesen: Mit nur 450.000 Nutzern schwächelt der Dienst.
Berührungsängste mit dem www
"Das Wachstum konzentriert sich auf die mobile Webnutzung, beim Festnetz liegt Japan deutlich hinter den USA und Europa", erklärt Video-Research-Sprecher Yoshiyuki Ogino. "Man geht sogar davon aus, dass wir drei bis fünf Jahre hinter den Amerikanern herhinken." Dafür verantwortlich sollen hohe Telekommunikationskosten, Platzmangel für klobige Rechner-Kisten in den winzigen durchschnittlichen japanischen Appartements und Sprachbarrieren der englisch-dominierten PC- und Online-Welt sein. Da japanische Schriftzeichen auf PC-Tastaturen nur sehr umständlich zu setzen sind, spricht man auch vom Phänomen der "Tastaturallergie". Bei Web-Handy-Diensten wie i-mode gibt es dagegen keine sprachlichen Berührungsängste: Bis auf wenige Dutzend englische Online-Angebote sind rund 18.000 speziell editierte Sites ausschließlich in Japanisch.
Auch der Ausbau von Highspeed-Festnetzzugängen kommt nicht richtig in die Gänge. Erst seit Mai offeriert NTT Breitbandanschlüsse, kommt der Nachfrage allerdings kaum nach und ist bereits mit 100.000 Aufträgen in Verzug. NTT schätzt, den Rückstand erst in zwei Jahren aufholen zu können. "In den USA ist die Festnetzkommunikation billig und schnell", erklärte jüngst Sony-Chairman Nobuyuki Idei. "In Japan ist sie teuer und langsam."
Mittlerweile hat sich auch die japanische Regierung der Förderung der Informationstechnologie verschrieben und diese unlängst zur "Plattform für die wirtschaftliche Wiedergeburt" erhoben: "Die Realisierung einer japanischen IT-Gesellschaft ist der wichtigste Pfeiler, um Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand zu stärken", hatte Premierminister Yoshiro Mori vor zwei Wochen im Parlament verkündet. "Innerhalb von fünf Jahren werde ich Japan zur weltweit führenden IT-Nation machen."