Jen Nyelvers ist tot Was will Wiecki wirklich?
"Die Medienhure" heißt Anatol Wieckis in nur einer Woche spontan geschriebener erster Roman, von "Bild" schnell und deutlich zu "Deutschlands schlechtestem Buch" gekrönt. Anatol Wiecki ist stolz darauf und verweist gern auf die noch immer online abzurufene Seite. Sein Bild ist dort in "Bild", ein bisschen Background auch zum ganzen Tohuwabohu auf der Leipziger Buchmesse und eine "Leseprobe für Mutige".
Zusammen mit Jen Nyelvers hat Wiecki das Buch verfasst, was irgendwie seltsam ist, da Jen Nyelvers auch sein "amtlich eingetragener Künstlername" ist. Was ihm vor Gericht aber nichts genutzt hat: Diese andere, für die sich keiner mehr interessiert, hat ihm seine Jen-Nyelvers-Website unterm Hintern weggeklagt. Dabei, versichern Wiecki/Nyelvers ernsthaft, "bin ich viel bekannter als die". Jetzt soll er die Seite abtreten, sehr viel Geld bezahlen oder in Haft gehen. "Was meinen Sie, soll ich ins Gefängnis gehen?"
Schnitt: Was soll das? Wer ist Wiecki?
Gute Frage. Er sendet einen Lebenslauf, kurz nach dem langen Gespräch. Sein Leben beginnt 1989 mit seiner Wahl zum "Jugendvertreter im Beirat des BüZeC der Stadt Köln (Kulturhaus)". Sein öffentliches Leben.
1992 ist er "stellvertretender LandesschülerInnensprecher des Landes Nordrhein-Westfalen, somit legitimer gewählter Vertreter von 2,5 Millionen BürgerInnen". Heute sagt und schreibt er das so.
1997 kommt ein ernster Einschnitt, der ihm noch immer so wichtig ist, dass er die Schlagzeilen von damals der Lebenslauf-E-Mail anhängt: "Nothelfer in einer Kölner S-Bahn".
Die Geschichte ist seine mediale Geburt und sein Trauma. Über das sei er heute aber hinweg, sagt er und erzählt eher ungern davon: "Dieses Kapitel ist für mich abgeschlossen."
Dafür hat er eine ganze Weile gebraucht. 1997: In der S-Bahn steht er als Einziger auf gegen einen rasenden Schläger. 15 Leute werden an diesem Tag verletzt, aber keiner so wie Wiecki. Dem Nothelfer, dem jungen Typen mit Zivilcourage, dem Prügelknaben, an dem der Gewalttäter sein Mütchen kühlt, hilft keiner.
Er macht Schlagzeilen. Sein Gesicht auf Titelseiten. Er wird ein bisschen zum Märtyrer, ein bisschen zum schrägen Vogel geschrieben. Er wird so was wie prominent, in Köln. Macht seine ganz eigenen, blöden Erfahrungen: Dass man schief angesehen wird, wenn man sich wehrt.
Im Jahr darauf wird er einsam vor dem Richter stehen: Als einziger Nebenkläger gegen den Schläger. 14 weiteren Menschen gab der kräftigst Schläge auf die Fresse, jetzt halten sie das Maul. Ducken sich. Still halten. Nicht auffallen.
Nur wenn Wiecki das alles erzählt, dann spürt man unterschwellig Wut und Frust, dann bricht die perfekt zur Schau getragene clownhafte Maske. Kippt hier und da die so forsche Stimme.
"Was wollen Sie eigentlich?", frage ich ihn.
"Was meinen Sie damit, was will ich?", fragt er zurück.
Künstler, Politiker, Medienmacher
Stillhalten auf jeden Fall nicht. Wiecki duckt sich nicht, er reckt sich und springt und winkt und ruft. 1999 legt er während des G8-Gipfels die "größte Postkarte der Welt" auf die Kölner Domplatte. Läuft nach Düsseldorf, trifft Wolfgang Clement, versteigert "zusammen mit dem Ministerpräsidenten" die Karte zu Gunsten von Unicef, sagt er.
Nicht ganz uneigennützig, übrigens: Mit der Aktion schafft er "Transparenz über einen Vorgang", der ihn fast das Abitur gekostet hatte - seinen, wie er findet, unberechtigten Rauswurf vom Gymnasium. Die Aktion gelingt. "Eine ganze Schule hat damals unterschrieben", sagt er, "können Sie das reinschreiben? Ich habe denen nie gedankt, der Hauptschule am Großen Griechenmarkt."
Im selben Jahr beginnt er seinen Wahlkampf als "Bruder Anatol". Will Oberbürgermeister von Köln werden, "statt Blubb". Schlägt keck Clement breit, mit ihm das Wahlplakat zu halten. Clement hält es für einen Gag. Ist es einer?
"Darf ich Sie Schlingensief für Arme nennen?" "Dann", sagt Wiecki ernst, "wäre ich sehr beleidigt."
Immer lauter wird Wiecki, immer präsenter. Spielt gekonnt auf der Klaviatur der Medien. Was karikiert er? Die Medien? Sich? Seine Rollen? Die Mediengesellschaft als großes Ganzes?
In Köln scheitert Wiecki an der 0,2 Prozent-Hürde. In Berlin heißt sein Gegner Wowereit: Wird er hier gewinnen? Oder doch beim Grand Prix, als "Jen Nyelvers"? Oder bei der Bundestagswahl, mit 81 Prozent?
Während er sich auf den Wahlkampf in Berlin vorbereitet - er will dort OB werden, nachdem es in Köln nicht geklappt hat - findet die neueste von ihm hervorgebrachte Persönlichkeit Zeit für eine kleine Bewerbung: Als "Jen Nyelvers" will er Deutschland beim Grand Prix mit dem Lied "Stefan, ich will ein Kind von dir" vertreten. "Der NDR", sagt Wiecki, "hat das nicht akzeptiert." Schiebung, so was.
Macht aber auch nichts, denn zumindest fallen dabei Geschichten für "Jen Nyelvers" ab - Anatol Wieckis im Web veröffentlichtes Medienmagazin. Weil er da sozusagen Chef ist, bekommt er nicht nur einen Presseausweis, sondern auch noch eine Akkreditierung für Bundestag und Bundespresseamt - weiß der Fuchs wie. "Jen Nyelvers - Das Medienmagazin" steht auf dem Ausweis.
Ihm gelingen nun immer mehr Dinge, die ihm eigentlich nur gelingen sollten, wenn er innerhalb des Systems wäre. Er steht aber außerhalb und parodiert die Medien, schafft es so immer wieder kurz hinein. Jen Nyelvers, sagt er, sei ein Kunstname, und dass diese Jenny E. ("Darf ich den Namen sagen, ohne verklagt zu werden?") irgendwie ähnlich geschrieben wird, ist Zufall. Dass sie so ziemlich alles tut, um in die Medien zu kommen, auch? Keine Antwort. Im Sommer 2001 gründet Wiecki in Berlin die Partei "Teletrabis - Berlin Freecity" - und scheitert gegen Wowereit.
Job gefällig? Werden Sie MdB
Macht nichts, keine Atempause, Geschichte wird gemacht - seine Geschichte: Es geht voran. Nur noch ein paar Formalia müsse er abklären, habe Zeit genug, dann seien die Teletrabis, nun Bundesgebiets-konform in "Partei der neuen Ernsthaftigkeit" umbenannt, bereit, zur Wahl anzutreten und danach in den Bundestag einzuziehen.
Seit dieser Woche bietet Wiecki über seine neueste Website, Teletrabis.de, "zum Einstellungstermin 22.9.2002 noch 242 Sitze im Deutschen Bundestag an". Bewerben kann man sich per E-Mail, und Sitz, Amt und Würden dürften sicher sein, da die Teletrabis ja gemäß ihres "Projekt 81" einen ebenso großen Stimmenanteil anstreben.
"Qualifizierte BewerberInnen erwartet eine ausgewogene Diät. Zu dem monatlichen Grundgehalt von knapp 7.000,- Euro verstehen sich noch üppige Aufwandsentschädigungen von selbst. Sie sollten jedoch flexibel sein und Zeit für mehrere Auslandsreisen haben. Außerdem wird eine vorbildliche Altersversorgung garantiert. Soweit hierfür die erforderliche Verweildauer im Bundestag von einem Mitglied nicht erreicht wird, kommen Alternativlösungen wie Direktionsübernahme einer neueinzurichtenden Behörde des Bundes oder einer bilateralen Einrichtung in Betracht."
-
Aus dem Wahlprogramm der Teletrabis (Berlin-Wahl 2001): "Wir fordern Schmerzensgeld bei miserablen TV-Programmen und Reduzierung der Fernsehgebühren auf 5 Mark"
Ein Wunder, dass ihn, den begnadeten Polit-Medien-Clown, die etablierten Medien noch nicht absorbiert haben: Er bringt seine Message so überzogen an den Mann, als wolle er nichts als Steilvorlagen für die Trash-Infotainment-Sendungen des hirnfreien Fernsehens liefern. Blöd nur, dass gerade die sich in seinen Clownereien (sind es wirklich welche?) immer wiedererkennen dürften. Anatol Wiecki lebt so, als wäre das, was man im Fernsehen sieht, wirklich wahr. Er trägt die medial vermittelte Karrikatur menschlichen Lebens hinein in die reale Welt, ins Web, vor Gericht, in den Wahlkampf.
Vielleicht will er in den Medien gar keine Karriere machen, obwohl er sich nicht abgeneigt zeigt, wenn man ihn fragt. Vielleicht ist er zu schlau fürs Fernsehen. Vielleicht will er keine prominente Marionette sein, sondern einfach er selbst, Jen Nyelvers. Vielleicht hat er ja doch eine Botschaft, ein Anliegen: In Köln, schrieben Kommentatoren, sei Wiecki unter "Verzicht auf ein Wahlprogramm" angetreten, habe nur "Gerechtigkeit" eingefordert. "Unterlassene Hilfeleistung", stand in seinem Wahlprogramm, "ist strafbar."
Während er um Stimmen clownte (343 bekam er), wetterte er in Internet-Foren gegen fehlende soziale Solidarität und die Verachtung des Staates gegen den, der sich für andere einsetzt: Wolfgang Clement habe seine Nothilfe damals, bei der ihn der Täter am Ende zerschlagen durch die Bahn schliff, während alle dasaßen und wegsahen, als "PR-Gag" abgetan.
Das ist ein wichtiges Thema, und ein wahres. Warum also die Überbetonung des Clownesken? Was will Wiecki? Nur in den Medien, "Medienhure" sein? Jen Nyelvers?
"Jen Nyelvers ist tot", sagt Wiecki. Der Spaß am Alter ego ist ihm vergangen, seit eine Jenny ihm vor dem Kölner Landgericht seine Internetadresse wegklagte. Versuchte, von seiner Prominenz zu profitieren. Wieder in die Medien zu kommen. Schlimm sei das doch, dass nun jemand, der Wieckis Künstlernamen eingebe, bei ihr lande. Wo er doch über 500 Besucher in der Woche hatte und sie nur 24, "im September-Tagesdurchschnitt". Ehrlich. Lässt sich beweisen.
"Was wollen Sie eigentlich?"
"Was meinen Sie, was will ich?", fragt er zurück.
Nicht stillhalten? Nicht ducken? Springen, rufen, winken: Hier, ich? Jetzt mit mir reden, nachher ein Artikel? In den Medien sein?
Manchmal lacht Wiecki leise. Wir würden jetzt gar nicht miteinander reden, wenn er seine Anliegen brav und sachlich vortrüge. Niemand weiß das besser als er, der Medienmensch.