Jugendliche Hacker: "Etnies" surft kostenlos - DER SPIEGEL
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Jugendliche Hacker "Etnies" surft kostenlos

"Etnies" ist leidenschaftlich gern online. Nur dafür bezahlen, sagt er, wolle und könne er nicht. Zu seinem Glück ist er Hacker, was die AOL- oder Serviceprovider-Rechnung gegen Null senke. Das ist illegal, doch bestrafen könnte man ihn erst seit kurzem dafür: Da wurde er 14 Jahre alt.
Von Sonja Kienzler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Etnies" ist ein Pseudonym von der Art, wie man sie in Chaträumen benutzt, in Gamer-Kreisen - oder unter Hackern. Im weitesten Sinne gehört Etnies zu dieser letztgenannten Spezies, weil er mit seinem Computer Dinge tun kann, die "normale Anwender" nicht schaffen. Und er nutzt sein Know-how zu seinem Vorteil, zum finanziellen Nachteil anderer: Er betrügt Internet-Serviceprovider und Onlinedienste um ihre Umsätze.

Für Etnies ist das völlig normal, weil alle seine Freunde dasselbe tun. Irgendwie, findet er, hat er sogar das Recht dazu, irgendwie sind die Dienstanbieter selbst daran schuld. Denn erstens sei der Betrug so einfach und zweitens das Surfen so teuer. Surfen muss man heute, wenn man 14 und "Hacker" ist. Aber wer soll das bezahlen? Für Etnies ist die Antwort klar: Im Zweifelsfall die anderen.

Ein Problem ist das alles nicht für ihn, weder moralisch noch technisch.

SPIEGEL ONLINE: Über welche Anbieter gelangst du momentan ins Netz?

Etnies: Zur Zeit gehe ich über AOL , UUNET , 1&1  und Internet Services  rein.

SPIEGEL ONLINE: Und wie funktioniert das?

Etnies: Das Prinzip ist einfach. Man braucht eine gültige AOL-Software, die einem ja überall nachgeschmissen wird, ein kleines Programm und eine gültige Kreditkartennummer. Mit Hilfe des Programms fülle ich die Anmeldung aus. Das müssen reale Straßen, Orte und Namen sein. Und das wird auch direkt beim Antrag online schon überprüft, ob es die Adresse gibt.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit der Kreditkarte, über die das dann abgerechnet wird?

Etnies: Die Kreditkartennummer muss extrapoliert werden. Aber auch dafür gibt es ein Programm. Ich gebe eine gültige Kreditkartennummer ein, und er spuckt mir eine andere aktuelle Nummer aus. Die Person, der die Karte gehört, muss aber nichts zahlen, weil Name und Kreditkartennummer nicht zusammenpassen.

SPIEGEL ONLINE: So einfach geht das?

Etnies: Ja, ehe man sich versieht, ist man drin. Am Anfang war das Ganze noch einfacher. Inzwischen ist das schon schwerer geworden.

SPIEGEL ONLINE: Und wie ist das bei Internet-Providern?

Etnies: Ich fülle mit irgendwelchen Daten online ein Formular aus und faxe das mit öffentlichen Faxen oder einer Faxsoftware hin. Manchmal bekommt man die Zugangsdaten per Telefon, manchmal brieflich mitgeteilt. Meistens wird der Account innerhalb kürzester Zeit freigeschaltet. Das einzig Knifflige daran ist, dass man sich eine existierende Kontonummer und Bankleitzahl zusammenbasteln muss. Aber auch hierfür gibt es Seiten, wo man das überprüfen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie bist du dazu gekommen?

Etnies: Ich hörte von jemandem, der kostenlos surfte. Na ja, und dann habe ich mich informiert. Der erste Provider, den ich "gefaket" habe, war Inetservice. Der Vorteil bei ihm ist, dass die Accounts lange halten.

SPIEGEL ONLINE: Woher weißt du bei welchem Provider du das machen kannst und welcher das nachverfolgt?

Etnies: Es ist allgemein bekannt, was da abgeht. Es gibt einige Homepages, auf denen wir Hacker uns austauschen. Allerdings wurde ich auch schon mal erwischt. Plötzlich rief TelDaNet bei mir zu Hause an, und ich musste die Gebühren nachzahlen. Vor denen warne ich natürlich jetzt die anderen!

SPIEGEL ONLINE: Angezeigt wurdet ihr nicht?

Etnies: Nein, die meisten machen sich noch nicht mal die Mühe, das ganze zu verfolgen.

SPIEGEL ONLINE: Hast du keine Angst erwischt zu werden? Immerhin werden die Telefonnummern gespeichert, mit denen man ins Internet geht.

Etnies: Am Anfang schon, aber wenn man das so lange macht und es funktioniert, verliert man diese Angst.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange willst du das noch machen?

Etnies: So lange bis es die ersten günstigen Flatrates gibt. Also unter 100 Mark im Monat. Meistens sind es ja Jugendliche wie ich, die einfach nicht das Geld haben und sich gegen die hohen Telefongebühren wehren.

SPIEGEL ONLINE: Wie nutzt du dein Wissen sonst noch aus?

Etnies: Dadurch, dass ich nichts zahle, kann ich mir auch Spiele und Programme runterladen. Es gibt ja für alles Seiten, auf denen die Codes zu finden sind.

SPIEGEL ONLINE: Aber auf deiner Homepage bietest du ja diese Programme zum Kauf an ...

Etnies: ... um mein Taschengeld aufzubessern. Aber ich verkaufe das sowieso nur an Leute, die ich gut kenne.

Die Provider widersprechen der Darstellung

AOL-Pressesprecher Frank Sarfeld hält die Schilderungen des jungen Hackers nicht für realistisch. "Der Junge sollte sich außerdem darüber klar sein, dass er sich strafbar macht. Da versteht AOL absolut keinen Spaß, wir erstatten im Zweifelsfall auch Strafanzeige." Spätestens seit Oktober 1999 funktionieren die geschilderten Tricks nach seinen Worten auch gar nicht mehr: Seit AOL neben den Online-Gebühren auch die Telefonkosten der Surfer direkt über die Telekom abrechnet, hat der Onlinedienst sein Sicherheitssystem verändert.

Inzwischen, sagt Sarfeld, werde die Identität der User bei der Anmeldung zum Onlinedienst in zwei Stufen geprüft: Zunächst würden die Daten der Kreditkarte überprüft und der Surfer vom Callcenter angerufen. Erst danach würde diesem ein "PIN-Brief" zugeschickt, der den Zugangscode für den Dienst beinhalte. "Wie", fragt Sarfeld, "soll der Hacker an diesen Brief kommen?" Sein Fazit steht darum fest: "Unser Sicherheitssystem ist absolut sicher."

Nachfragen bei UUNET und 1&1 blieben bisher unbeantwortet. Auch der Pressesprecher von IS Internet Services, Andreas Schwarzwälder, hält ein "kostenloses Surfen" über seinen Dienst für "nicht möglich". "Bisher", sagt Schwarzwälder, sei dies ein Problem, das IS "noch nicht festgestellt" habe.