Jupiter Media Metrix Der Anfang vom Ende?
Mitte der neunziger Jahre machte ein neuer Name die Runde: "Jupiter", ein bereits 1986 gegründetes Marktforschungsunternehmen, das im Kielwasser des Web-Booms einen beispiellosen Aufstieg erlebte, versorgte die hungrige Medienwelt kontinuierlich mit dem spektakulären Zahlenmaterial, das sonst kein Marktforschungsunternehmen zu bieten hatte. Jupiter wusste, wie viele User mittlerweile im Web unterwegs waren, was sie dort taten und - besser noch - wie sich die ganze Sache künftig entwickeln würde.
Und was waren das für Zahlen! Jupiter wurden zu den euphorischen Auguren des kommenden E-Booms, sagten die Ablösung der "Old Economy" durch die neue, digitale Variante voraus. Dass sie sich in den ersten Jahren mitunter auch mal um ein paar hundert Prozent verschätzten, schadete dem Ruf des Unternehmens nur wenig: Zumindest hatten die Amerikaner den Mut, den Daumen in den Wind zu halten, als dies sonst fast niemand wagte - und das Gedächtnis war kurz in den Zeiten des Internet-Booms, als die Zeit zu rasen schien.
Irgendwann stiegen Qualität und Halbwertszeit der Prognosen, die Zahlenbasis gewann gesicherteren Boden. "Es ist eine Fehlwahrnehmung, dass unsere Untersuchungen eine zu optimistische Tendenz hatten", meint dazu Jupiter-Sprecherin Susan Hickey, "wir glauben sogar, dass wir konservativ waren".
Ein Glaube, den nicht viele Branchenanalysten teilen. Aus der Kritik geriet Jupiter gerade zu dem Zeitpunkt, als sich der Kollaps der Net-Economy abzuzeichnen begann. 2000 verschmolz das auf Prognosen kaprizierte Unternehmen mit dem damaligen Marktführer unter den Vermessern des Status quo: Media Metrix brachte die Kompetenz ein, den Tech-Markt der Gegenwart realistisch zu beschreiben. Seitdem weiß niemand in den Staaten besser, welches Tech-Spielzeug oder -Werkzeug zur Weihnachtszeit am häufigsten über die Ladentheken ging, wer wo wie viel herumsurft und mit was für Verkaufszahlen Hardware-Hersteller rechnen können. Jupiter Media Metrix nennt sich noch immer stolz "weltweiter Marktführer" in Sachen "Analyse von Internet und Neuer Technologien".
Kurz vor dem Schlussverkauf?
Für eine dauerhafte Etablierung auf einem hart umkämpften Markt hat das scheinbar nicht gereicht: Jupiter drohe die Selbstauflösung, wenn es keine neuen Investoren finde, berichtet die "Washington Post". Die Aussichten der Zukunftsdeuter scheinen jedenfalls wenig rosig, nicht zuletzt, weil sie ihre eigenen Zukunftschancen völlig falsch voraussahen: Jupiter Media Metrix expandierte rasant und massiv, "vielen Unternehmen der New Economy nicht unähnlich", wie Hickey meint.
Mit denen hat Jupiter unter anderem auch gemein, dass das börsennotierte Unternehmen nach anfänglichen Hochflügen am untersten Rand der Notierungen herumkrebst. Aktuell droht die Streichung aus dem Nasdaq, weil Jupiter zu lange schon weniger als einen Dollar pro Aktie kostet: Derzeit ist das Papier zum Schnäppchenpreis von 17 Cent zu haben - und das ist schon ein Plus von 50 Prozent gegenüber dem alten Kurs. Der stieg wohl durch die Nachricht, dass Jupiter sich von einem Unternehmensteil trennen wolle: "AdRelevanz", die Abteilung zur Erfassung von Werbewirkungen, ging für 8,5 Millionen Dollar an NetRatings, eine Tochter des Marktforschungs-Kraken Nielsen.
Der gilt als Erzrivale der Jupiteraner und als Platzhirsch auch im Markt der "alten" Medien. Schon einmal verhandelten Jupiter und Nielsen miteinander, doch damals ging es um eine für die Jupiter-Eigner profitable Fusion. Die verhinderten die Kartellbehörden - am Doppelpack Nielsen/Jupiter wäre damals wohl niemand mehr vorbei gekommen.
Jupiter lebt - in Zeiten der allgemeinen Etat- und Werbekrise - zunehmend auf Pump: Die Kunden des Unternehmens, sagt Hickey, habe die Krise "davongeschwemmt". Hickey: "Internet-Unternehmen schlossen und verschwanden von unseren Kundenlisten, während ältere Unternehmen ihre Etats zusammenstrichen und kein Geld mehr für Marktforschung ausgaben". Zeichen einer Krise, unter der Medienfirmen und ihr Umfeld in aller Welt leiden - doch dem zu schnell expandierten Unternehmen Jupiter fehlen die Reserven.
Jetzt braucht Jupiter Investoren. Sollte es diese nicht finden, stünde ein Verkauf weiterer Unternehmensteile an: Ein Prozess der Selbstauflösung. Jupiters schärfste Kritiker sehen das als logische Konsequenz. Warum sollte es einem Unternehmen, das maßgeblich am Aufpumpen der New-Economy-Blase beteiligt war, anders gehen als diesen Ex-Stars, fragt etwa der Branchenanalyst Bill Whymann: "Das ist nur ein weiteres Opfer der Internet-Seifenblase".
Frank Patalong