Kasparow gegen Deep Fritz Showdown am Brett
Schlechte Nachrichten für Zocker: Die schnelle Mark ist mit Garry Kasparow nicht mehr zu machen. Das Online-Wettbüro Betfair zahlt gerade noch 36 Dollar für 10 Dollar Einsatz. Im Vergleich zu Pferdewetten entspricht das einer Siegwette auf einen Favoriten - auch wenn die Quote für Fritz derzeit noch mieser aussieht. Bescheidene 22 Dollar kassiert man für den Sieg, unterboten wird das gerade noch durch eine Wette aufs Remis: Da zahlt man 1,90 Dollar drauf, wenn man "gewinnt".
Doch Kasparows Quote sinkt beständig, während Fritz' steigt: Mit jedem Spiel rücken mehr Wetter vom Glauben ab, der Rechner werde das Match gewinnen. Doch Wetter ticken sowieso anders als andere "Experten": Sie setzen ihr Geld auf den Spieler, von dem sie sich den höchstmöglichen Gewinn erhoffen. Auch Betfair macht mit der ungewöhnlichen Sportwette nicht den großen Reibach. Gerade einmal 23.000 Dollar liegen derzeit im Pott: Das riecht nicht danach, dass echte Schachfans sonderlich eifrige Wetter wären. Das Ergebnis ist folglich leicht irrational.
Allein der Glaube an ein Remis im Match war lang repräsentativ: So sahen das auch die Schachfans in diversen Online-Abstimmungen. Doch auch das ist vorbei. Nach Kasparows Fehler in der ersten Partie und seinem kapitalen "Blunder" in der zweiten schätzten die Fans ihn schon in der dritten Partie eher als Favoriten ein. Da führte Kasparow das Programm Deep Fritz regelrecht vor und gilt den Fans nun klar als Favorit.
Heute, 19 Uhr: Das Finale Kasparow gegen Deep Fritz
So glauben mittlerweile 48 Prozent der Teilnehmer einer Abstimmung bei World Chess Ratings, dass Kasparow am Ende dieser Nacht 200.000 Dollar mit nach Hause nehmen wird. Bei der populären Website ChessNinja sind das immerhin 42 Prozent. Deep Fritz hingegen werden die geringsten Chancen eingeräumt, durch einen Sieg heute Nacht auch das Match zu gewinnen. Wahrscheinlicher scheint den Schachfreunden das Remis.
Noch viel deutlicher als anderenorts zeigt sich der Stimmungsumschwung in den Ergebnissen unser SPIEGEL-ONLINE-Votes. Satte 69 Prozent glauben mittlerweile, dass Kasparow im Endspiel siegen wird - und damit auch das Match gewinnt. Fritz, in der ersten Partie mit 38,73 Prozent noch Favorit, ist mittlerweile auf 8,6 Prozent abgefallen. Das ist deutlich.
Nur Kasparow selbst sieht das anscheinend noch nicht so und gibt sich ungewohnt bescheiden. Seinen Sieg in der dritten Partie verbuchte er zwar mit offensichtlicher Genugtuung, aber auf zu optimistische Vorhersagen für die vierte Partie wollte er sich nicht einlassen.
"Ich denke man sieht, dass Computer noch immer eine Menge von uns zu lernen haben", sagte er in der Pressekonferenz nach der dritten Partie, "Es gibt viele, viele Positionen auf dem Brett, die Rechner einfach noch nicht verstehen. Da ist unsere Technik gefragt, solche Positionen herbeizuführen, in denen die Maschine völlig hilflos ist".
Das war ihm fraglos gelungen, und der Grund, machte Kasparow klar, habe im Kopf gelegen: Er sei eben nicht mit dem verbissenen Willen ins Spiel gegangen, es unbedingt gewinnen zu wollen. Nach seinem "fürchterlichen Fehler" in der zweiten Partie habe er sich einfach nur noch vorgenommen, "zwei gute Spiele Schach durchzuziehen".
Genau das hat er auch heute Abend vor, nicht mehr, sagt er: "Ich hoffe, es gelingt mir, gutes Schach zu spielen. Es ist sehr schwer, Vorhersagen zu treffen, aber ich bin jetzt in sehr guter Stimmung. Ich hoffe, dass ich in guter Stimmung und mit Kampfgeist eine gute Chance besitze!"
Die hat Kasparow wohl per definitionem gegen jeden Gegner. Dass ihm der Sieg auch gegen Computergegner wichtig ist, steht außer Frage: Das Wort "Verlieren" nimmt in seinem Wortschatz grundsätzlich keinen sehr populären Platz ein. Finanziell fällt der Unterschied zwischen Gewinn und Niederlage für Kasparow dagegen in die Peanuts-Liga: Gewinnt er, kassiert er 200.000 Dollar, verliert er, sind es 150.000. Im Gegensatz zu den Zockern bei Betfair steht er damit auf jeden Fall auf der Gewinnerseite.
Frank Patalong