Killerhühner: Die Rache des Cyberviehs - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Killerhühner Die Rache des Cyberviehs

Im Moorhuhn-Wahn haben wir unzählige virtuelle Flattermänner getötet. Das war gemein. Jetzt kommt die Rache der Killerhühner. Schon schlagen Tierschützer Alarm - was tun?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war beängstigend: Monatelang haben wir Moorhühner geschossen. Gnadenlos und mit purer Lust am Jagen wurde das flatternde Cybervieh verfolgt und nach einigen Übungsrunden auch von dem unbegabtesten Schützen zur Strecke gebracht. Nichts konnte uns aufhalten, weder überspannte Chefs noch quengelige Muttis oder Ehepartner.

Doch jetzt dreht sich der Spieß um: Die Killerhühner kommen. Sie sind bewaffnet und wehren sich: "Von allen Seiten werden Sie von Killerhühnern attackiert, denn jetzt schießen diese auch zurück" heißt es in der Beschreibung der deutschen Spiele-Schmiede Ari Data CD. Und sie können überall sein. Es gibt "sogar eine Scheune, in der sich die Hühner verstecken können." Boaaah! Aus uns Jägern werden also Gejagte, die Natur schlägt zurück.

Aber es gibt ja noch die Tierschützer. Wie schon beim Moorhuhn-Spiel nörgeln die Nur-aus-Versehen-als-Mensch- Wiedergeborenen gegen das Killerhuhn-Spiel: Die 3D-Darstellung sei zu realistisch, heißt es in E-Mails an die Firma. Und in einem Forum von Ari Data wird moniert: "Schämt ihr euch nicht? Gibt es nicht schon genug Tierquälerei auf der Welt? Ich finde es zum Kotzen, wenn unter dem Deckmäntelchen des Spiels zur Brutalität gegen Tiere aufgerufen wird!"

Und haben sie nicht Recht? Das Töten der Moorhühner war schon fies genug, soll der gleiche Kampf jetzt von vorne beginnen? "Laden Sie Ihr Gewehr und kämpfen Sie gegen die gefiederte Bedrohung!", fordert der Hersteller - doch dem aufgeklärten Europäer, dem Vertreter friedliebender, abendländischer Tradition bleibt nur eins: Nein sagen zum brutalen Gemetzel, Nein sagen zur Provokation der Killerhühner - und lieber ein saftiges Hähnchen essen gehen.

Stefan Lemke