Kindersoftware-Preis "Selten so fleißige Kinder gesehen"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Feibel, immer wieder werden irgendwelche Online-Auszeichnungen verliehen. Was unterscheidet "TOMMI" denn von anderen Preisen?
Thomas Feibel: Für uns - die Eltern- und Familienzeitschrift "spielen und lernen" und mich - ist besonders wichtig, wie die Software bei Kindern ankommt. Viele Hersteller haben sie ein bisschen aus den Augen verloren. Das größte Angebot findet sich für Kinder zwischen sechs und acht Jahren. Sobald sie aber 10, 11 oder 12 Jahre sind, gibt es einfach nichts mehr. Dort wollten wir ansetzen. Durch unsere Kinderjury haben wir außerdem einen ungetrübten Blick auf die Angebote. Bei "TOMMI" gibt es nur drei Preisträger - da ist ein Schmusekurs nicht möglich.
SPIEGEL ONLINE: Es sind drei ganz verschiedene Spiele ausgezeichnet worden, Platz 1 belegt der "Zahlenteufel", eine Lernsoftware, dann folgen das Strategiespiel "Sim City 4" und das Lernadventure "Welt der Wunder" - überrascht Sie diese Reihenfolge?
Feibel: Und wie! Ich hätte nicht erwartet, dass bei einer Kinderjury die Lernsoftware gewinnt. Umso mehr freut es mich, denn offensichtlich hat die Qualität die Kinder überzeugt. Sie mochten die freche Art des Teufels und die schräge Sichtweise, mit der er mathematische Probleme erklärt. Immer wieder werden den Kindern Aufgaben gestellt, bei denen sie entscheiden können, ob sie oder der Computer für die Lösung sorgt. Die Kinder lernen so ohne Druck auf einem durchaus hohen Niveau. Das ist eine Sichtweise, die ich mir auch zu meiner Schulzeit gewünscht hätte.
SPIEGEL ONLINE: "Sim City 4" ist doch eigentlich gar nicht für Kinder konzipiert?
Feibel: Stimmt. Die Kinder sind dennoch seit Jahren davon begeistert, dass es im Prinzip kein Ende gibt. Das Spiel beginnt immer wieder von vorne und verläuft jedes Mal anders. Es geht nicht darum, dass der kleine Hustinetten-Bär Husten hat und die Kinder 25 Aufgaben lösen müssen, damit er wieder gesund und die Software damit ein- für allemal erledigt ist.
SPIEGEL ONLINE: Und Nummer drei?
Feibel: "Welt der Wunder" ist ein Lernadventure. Die Spieler geistern durch eine Stadt, in der ein entsetzlicher Anschlag verübt wurde. Nun soll alles wieder in Ordnung gebracht werden - den Kindern hat das gefallen. Es ist ein echt anspruchsvolles Spiel, ich habe das mal selbst ausprobiert. Schön daran ist, dass gleichzeitig Wissen vermittelt wird, so lernen die Kinder zum Beispiel, wie die Müllabfuhr funktioniert.
SPIEGEL ONLINE: Platz eins und drei werden von Produkten aus dem Terzio-Verlag belegt - Zufall?
Feibel: Da habe ich zunächst schwer geschluckt und gedacht: "Wie sieht das denn jetzt aus?" Ich kann dazu nur eines sagen: Die Kinder hatten das letzte Wort. Ich kann ja nicht zu ihnen sagen, nachdem sie entschieden haben: "Entschuldigt mal, ihr habt da jetzt zwei Terzio-Produkte ausgewählt - das sieht aber doof aus." Das ist einerseits ungünstig, weil es komisch wirkt, aber andererseits zeigt es auch die Unabhängigkeit der Kinder. Ehrlich: Ich habe selten so fleißige Kinder gesehen wie die zehn in der Jury. Insgesamt hatten sich über 800 bei tivi.de beworben.
SPIEGEL ONLINE: Wie ist denn die Idee entstanden, so einen Preis ins Leben zu rufen?
Feibel: Dem Kindersoftwarebereich geht es - wie anderen Branchen auch - zurzeit nicht gut. Schon seit zwei, drei Jahren stagnieren die Umsätze, viele Verlage haben Pleite gemacht. Da haben wir gedacht: Man muss mal wieder ein wenig Optimismus verbreiten. Ich bin der festen Überzeugung, dass man mit Qualität auch eine Chance auf dem Markt hat. Mir fehlte zunächst nur ein Partner - den habe ich vor zwei Jahren gefunden. Die Eltern- und Familienzeitschrift "spielen und lernen" hat den pädagogischen Hintergrund, ich habe das Know-How.
SPIEGEL ONLINE: Wie können Eltern denn die richtigen Programme - Spiele und Lernsoftware - für ihre Kinder aussuchen?
Feibel: Wenn ich meine Kinder rechtzeitig an gute Programme heranführe, bekommen sie einen Sinn für Qualität. Irgendwann finden sie dann von den Ballerspielen zurück zu Strategie- oder Rollenspielen, bei denen sie mehr tun müssen, als bloß abzudrücken. Konkret gibt es drei Tipps: 1. Eltern sollten sich die Kataloge der Verlage anschauen und testen, ob die Verlage ein Profil haben. Wenn jemand neben Kinder- und Lernsoftware auf einmal auch digitale Kochbücher und Steuerberater verkauft, handelt es sich eher um einen Gemischtwarenladen. 2. Demo-CDs können von den Verlagen bestellt werden. Das ist wie eine Visitenkarte der Programme - dann können Eltern sehen, ob das Programm ihren Vorstellungen entspricht oder nicht. 3. Das Wichtigste ist der Gang in die Bibliothek: Vorbestellen, ausleihen und ganz in Ruhe mit den Kindern testen.
SPIEGEL ONLINE: Welchen Stellenwert hat Kindersoftware denn?
Feibel: Ich würde jetzt gerne so was sagen wie: "Wer sein Kind früh an den Computer heranführt, der bereitet es besser auf den Beruf vor." Ich halte das aber für ein Märchen der High-Tech Generation. Ich glaube, dass Lernsoftware eine sehr gute Erweiterung des Lernnachmittags ist. Software ist nicht dazu da, die Eltern oder den Nachhilfelehrer zu entlasten und die Kinder vor dem PC zu parken. Lernsoftware kann auf keinen Fall das Lernen ersetzen, aber besser dazu motivieren. Vor ein paar Jahren haben sich Eltern immer gewundert, dass Kinder sich nicht für die geschenkte Lernsoftware bedankten. Heute sind Kinder viel pragmatischer - manchmal wollen sie das klassische Abfrageprogramm, um in Ruhe auch mal ein, zwei Stunden Vokabeln zu lernen; ein Programm, bei dem kein Hühnchen in die Hände klatscht, wenn ich was richtig gemacht habe. So ändern sich die Zeiten.
Das Interview führte Sven Preger