Kommentar Die Leiden des Herrn Schmidt
Hamburg - Was haben die beiden Unternehmen nicht schon alles gegeneinander ins Feld geführt. Da gab es Werbekampagnen, Klagen und Gegenklagen, Preiskämpfe und CD-Überschwemmungen mit Einstiegs-Software in den einschlägigen Blättern. Und immer hatte T-Online die Nase vorn. Jetzt versichert sich AOL-Europe-Chef Schmidt mächtiger Unterstützung - zumindest auf dem Papier.
Ob das dem oft gescholtenen Medienkanzler Schröder passt, instrumentalisiert zu werden, steht auf einem anderen Blatt. Dass ein Unternehmenschef persönlich den Regierungschef auf dem Weg ganzseitiger Annoncen in die Pflicht zu nehmen versucht, ist mutig. Oder der Mut der Verzweiflung?
Schröder hat sich die Kritik selbst zuzuschreiben. Denn die Probleme, die Schmidt in seinem offenen Brief anspricht, sind weder neu, noch vernachlässigbar. Die Telekom kann es sich leisten, durch Quersubventionierungen aus Monopolen wie Ortsgesprächen eine Riesenmaschinerie im Internet ins Laufen zu bringen und am Laufen zu halten. Wer will es dem einstigen Staatsbetrieb verdenken, da der Hauptaktionär und oberste Marktregulierer, der Bund, kaum Anstalten unternimmt, den Zustand zu ändern? Insofern ist die Schmidt-Aufforderung an Schröder verständlich.
Allerdings: Schmidt jammert auf extrem hohem Niveau. Hinter seinem Unternehmen steht, eingedenk der Fusion des Mutterhauses mit Time Warner, ein Konzern mit gigantischer Schlagkraft. Was Know-how, Kooperationen und Inhalte im globalen Ausmaß angeht, kann auch T-Online nicht mithalten. Aus diesem Vorteil hat AOL Europe bislang erstaunlich wenig gemacht. Ob sich das nach einer Entmachtung von T-Online ändert, muss Schmidt erst beweisen. Eines ist sicher: Er kann sich dann nicht mehr hinter der angeprangerten Marktungerechtigkeit verstecken.