Kommerz: Die Rückkehr der E-Services - DER SPIEGEL
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Kommerz Die Rückkehr der E-Services

In der goldenen Zeit des Dotcom-Booms schien über das Web alles möglich, alles erhältlich. Online-Services schickten sich an, den Einzelhandel zu ersetzen, jeden Lebensbereich zu erobern. Als die Dotcom-Blase platzte, verschwanden auch die Dienstleister. Jetzt kommen sie wieder, wo es sinnvoll und einträglich erscheint.
Von Markus Brügge
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer im französischen Restaurant "Au Quai" in Hamburg, bekannt für seine exklusive Fischküche, einen Tisch reservieren möchte, kann natürlich ganz klassisch zum Telefonhörer greifen und sein Dinner festmachen. Man könnte aber ebenso gut auch den Computer einschalten, online gehen - und online reservieren.

Schließlich kauft der homo virtualis inzwischen seine Bücher ebenso wie seine CDs via Netz, man ersteigert gebrauchte Betten und neue Sofas - warum also nicht auch einen gemütlichen Abend zu zweit via PC reservieren?

Das dachten sich zumindest der Hamburger Nikolaus Peters und seine Geschäftspartner und gründeten bookatable.de. Der Dienst greift auf das Prinzip vieler Online-Konzertkassen zurück: Wie dort wird ein bestimmtes Kontingent ins System eingegeben. Wenn der Gast reservieren möchte, sagt ihm die Datenbank, ob der Tisch für zwei um sieben noch zu haben ist - das Warten auf eine Antwort des Gastronomen entfällt. Bei einigen Restaurants geht die Reservierung sogar direkt ins Kassensystem - so kann der Wirt die Mailadresse des Gastes speichern und ihn später über spezielle Angebote informieren.

...und idealerweise Überregionalität

Derzeit ist das System noch in der erweiterten Testphase, in Hamburg nehmen momentan 70 Restaurants teil, deutschlandweit kommen noch mal etwa 130 hinzu.

Damit ist die Wahl noch etwas eingeschränkt, trotzdem findet man bereits eine ganze Reihe von Angeboten. Entscheiden kann man sich zwischen unterschiedlichen Küchen wie "französisch", "mediterran" oder "gourmet", dann müssen noch gewünschter Tag, Uhrzeit und Personenanzahl eingegeben werden - und die Datenbank spuckt eine Liste mit Vorschlägen aus. Teilweise finden sich dort auch die Speisekarte, Fotos der Gastronomie, Hinweise auf Sonderaktionen und eine Anfahrtsbeschreibung.

Natürlich stellen die meisten Wirte nicht alle Tische ins Netz, "30 bis 50 Prozent", schätzt Peters, geben die meisten Restaurants derzeit ein, immerhin 1000 Buchungen liefen zwischen Januar und Februar über Bookatable. Abzuwarten bleibt, ob die Tischreservierung online tatsächlich so beliebt werden wird wie die Schnäppchenjagd oder der Bestsellerkauf per PC.

Sylviane Caressa jedenfalls, Geschäftsführerin des besagten "Au Quai", sieht in dem Angebot derzeit eher einen zusätzlichen Service für ihre Gäste als eine wirkliche Alternative zur Telefonbuchung: "Sie können bei uns anrufen, ein Fax schicken oder eben online reservieren - wir wollen einfach mehrere Möglichkeiten anbieten", so Caressa.

Die Nutzung ist in ihren Augen ganz wesentlich von Sonderaktionen und Sparmöglichkeiten abhängig: "Als wir an der Aktion 'Hamburg schmeckt gut' teilgenommen haben, die auch über Bookatable beworben wurde, ging die Zahl der Onlinebuchungen rauf." Inzwischen ist das Sparmenü von der Karte - und die Reservierungen via Netz wieder rückläufig.

Nikolaus Peters indes hofft auf das junge Publikum, "das ohnehin oft online ist" - und die gehobene Kundschaft. Während allerdings bei In-Läden wie dem Hamburger "Sausalitos" oder dem "Herzblut" relativ offensiv auf die trendige Onlinereservierung hingewiesen wird, sucht man auf der Seite des "Au Quai" vergebens danach. Dort machen die Bookatable-Buchungen laut Geschäftsführerin Caressa gerade mal fünf Prozent aus.

Bringdienst.de - Deutschlands "Pizza-Amazon"?

Nicht jeden zieht es allerdings gleich in den Gastro-Tempel, manch einer sehnt sich nur nach Pizza Salami oder Lachslasagne für den gemütlichen Abend vor dem Fernseher. Und während das System von Nikolaus Peters und seinen Partnern noch in den Anfängen steckt, sind die Anbieter von bringdienst.de schon ziemlich alte Hasen in Sachen Onlinebestellung. Bundesweit der einzige Anbieter, bei dem alle großen Pizzaketten teilnehmen, erzielt Bringdienst, das 1997 startete, inzwischen täglich mehr als 9000 Bestellungen. Stolz verweisen die Anbieter auf "monatlich 900.000 Besucher" und einen Monatsumsatz von 3,5 Millionen Euro.

Dabei hat die Medienagentur Asco aus Braunschweig, die hinter dem Angebot steckt, ein Geschäftsmodell entwickelt, das man als gutes Beispiel für Synergieeffekte ansehen kann: Zum einen tauchen Anbieter wie "Hallo Pizza", "Pizza Max", "Smileys" oder "Joeys" in der Liste auf, wenn der pizzahungrige Kunde nach Futter sucht - zum anderen hat Asco etwa für den Branchenführer "Hallo Pizza" den kompletten Internetauftritt gestaltet, inklusive eigenem Comicstrip.

Bringdienst.de spart den Pizzabäckern nach Ansicht von Asco-Geschäftsführer Jochen Grote eine Menge Geld: "Wenn sie normalerweise einen neuen Kunden gewinnen wollen, müssen Sie zwischen 75 und 100 Euro für Werbung und Ähnliches rechnen - bei uns erreichen Sie den Kunden dagegen direkt", wirbt Grote für das eigene Angebot.

Ein weiterer Vorteil sei die Kooperation mit artfremden Domains wie zum Beispiel www.muenchen.de. Wer dort im Freizeitbereich nach Angeboten sucht, wird auch auf Bringdienst - und damit auf seine Partner - hingewiesen.

Vor allem Städter ordern online

Allerdings gibt Grote zu, dass der Service in der Großstadt wesentlich effektiver funktioniert als auf dem Land. Zwar arbeite man mit etwa 750 Fast-Food-Restaurants und Pizzabäckern in ganz Deutschland zusammen - am liebsten allerdings mit den großen Ketten, die vorzugsweise in Berlin, Hamburg, Köln oder München zu finden sind. "Bei den ganz Kleinen haben wir einfach die Erfahrung gemacht, dass viele von denen nach einem Monat wieder weg vom Markt waren", so Jochen Grote. Das hieß für Asco oft: Ofen aus - Rechnung unbezahlt.

Zumal Bringdienst sich gerade vom Absturz der Dotcom-Träume erholt: Während nämlich Ende der Neunziger die New Economy gern mal die Sushi-Mittagsplatte für schlappe 30 Euro orderte, seien die Kunden heute weitaus bescheidener geworden, so Grote. Andererseits komme der Internet-Boom dafür in vielen kleinen Städten gerade zeitverzögert an: "Da ist es dann ganz hipp, wenn man mittags seine Pizza oder die Nudeln im Internet ordert."

Ohnehin sieht Jochen Grote sein Angebot im Vorteil: "Natürlich können sie als Pizzalieferant ein eigenes Bestellangebot einrichten." Doch oft sei die Betreuung miserabel, die Technik veraltet. Asco dagegen verspricht seinen Kunden einen stets bewachten Server, eine hochgerüstete Datenbank und - im eiligen Liefergewerbe ziemlich wichtig - Schnelligkeit: So sollen über bringdienst.de georderte Bestellungen innerhalb von 30 Sekunden als Fax und sogar innerhalb von vier Sekunden im Kassenprogramm auflaufen - der Kunde erhält seine Bestätigung per Pop-Up-Fenster und, falls gewünscht, auch per Mail.

Doch nicht nur das Tempo sieht Grote als Plus von Bringdienst. Durchschnittlich für sechs Euro mehr bestelle der Internet-User gegenüber dem Telefonkunden, so der Asco-Geschäftsführer. Grund seien zum einen Ess-Gemeinschaften, die gleich gemeinsam das Mittagessen ordern - zum anderen, so Grote, sei der Internetkunde einfach meist solventer.

Und einen weiteren Grund mag der Mehrwert bei den Bestellungen haben: Im Internet ist der zusätzliche Salat oder die Frühlingsrolle extra nur einen Klick entfernt - und damit schneller gewählt als am Telefon.