Krasse Christen, Teil 2: Nie wieder einsam - DER SPIEGEL
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Krasse Christen, Teil 2 Nie wieder einsam

Parodisten kommen ganz lieb daher, echte Christen machen Missions-Punk. Das verwirrt: Wem kann man noch glauben in dieser Welt - vor allem im teuflischen Internet, wo jeder jeden aufs vermeintlich gesegnete Glatteis führen kann?
Von Steven Geyer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Oder findet sich der göttliche Geist tatsächlich im GeWebe? Etwa auf den Seiten der christlichen Kontaktbörsen wie der britischen Christian Connection  oder der amerikanischen Geistesbrüder von Christianconnection.com  oder der deutschen Kontaktbörse der Christlichen InterNet-Arbeitsgemeinschaft ?

Die Zahl solcher von Jesus autorisierten Partnervermittlungen steigt jedenfalls seit kurzem sprunghaft an. "Oft bleibt es dem Zufall überlassen, einem gleichgesinnten Christen in die Arme zu laufen", erklärt uns die Londoner Webfirma Widernet, die die "Christian Connection" betreibt. "Es kann ein Kampf sein, christliche Singles zu finden."

Deshalb sind die kontaktwilligen Einzelchristen hier handverlesen: "Haben Sie eine persönliche Beziehung mit Jesus Christus, wie in Johannes 3.16 beschrieben?", fragt die Datenbank. Oder auch nach dem liebsten christlichen Autor und dem liebsten Bibelspruch. All das - und sogar, dass dazu Zierfische durch die Seiten schwimmen - ist offenbar auch noch völlig ernst gemeint.

Hardcore-Christen spielen Hardcore-Punkrock

Freilich: Böse Zungen würden behaupten, dass es auch hier eher nach Heiden-Spaß als nach Christentum klingt. Und dass sogar die Fotos von den dank "Noch-alleine.de" glücklich Frischverlobten Marc, 23, aus Bremen und Carina, 20, aus Dresden eine frappierende Ähnlichkeit zu den Pseudo-Pilgerern der satirischen Christen-Front aufweisen.

Zweifler würden fragen: Können Beziehungsgeschichten, die mit einem spontanen "Gottesdienst" auf der Wiese begonnen haben sollen, wirklich echt sein? So echt wie die Jesus Skins - oder ihr Punkrock-Pendant Christcore , bei dem laut Homepage vier selbst ernannte "Hardcore-Christen" ihren "ungehobelten und leidenschaftlichen Old-School-Punk" zum Download anbieten?

Es scheint so. Trotzdem muss der surfende Jesus-Freak vorsichtig sein. Denn so wie bei der Christen Front der Hintergrund blinkt, blinken bei der authentischen christlichen Newsseite "Living in Jesus"  die Buttons. So wie die Rasputin-Heiden vom "Christ-Check" schwärmen, nennt sich eine echte christliche Auktions-Seite ohne Gewissensbisse "Die zehn Gebote"  und wirbt eine angeblich Claudia Kenngott (!) heißende Person für den "Jeti-Treff" , was für "Jesus Time" stehe, und wo man seine "Zeit mit Jesus verbringen soll".

Gebrauchsanweisung für die Bibel

Bis auf Weiteres bleibt also unklar, was Verkündigung und was - mit Verlaub - Verarschung ist. Und ob Gott tatsächlich im WWW ist. Da, wo man seine deutsche Homepage vermuten würde, schickt jedenfalls ein 26-jähriger Spezialeffektetechniker eigene Bekehrungsversuche online. Lucas Hummig hat sich die Domain www.gott.de  vor etwa vier Jahren gesichert und sogar schon gegen Gebietsansprüche der katholischen Kirche verteidigt.

In seiner Freizeit stellt der überzeugte Christ nun für etwa 4000 Besucher im Monat unter anderem eine "Gebrauchsanweisung für die Bibel", Berichte über "Lebenserfolg mit Jesus" und zu allem Überfluss die Wahrheit über den Sinn des Lebens ins irdische Netz. Außerdem kann man hier auch Beschwerden nach ganz oben versenden: Die E-Mail-Adresse dafür heißt - tatsächlich! - kritik@gott.de.

Manchmal überholt die Wahrheit problemlos jede Satire.