Kriminalitätsatlas im Internet "Das ist methodischer Unsinn"
Zahlreiche Reaktionen von Lesern - ob im Forum oder per Leserbrief, erreichten uns nach der Veröffentlichung der "Kriminalitäts-Karten" für die deutsche Hauptstadt. Brauchen wir transparentere Kriminalitätsstatistiken? Taugt die Studie, für die Bürger statt Statistiken befragt wurden, als Anhaltspunkt? Die Meinungen gehen auseinander:
Was ist "gefühlte Kriminalität"?
Forums-Teilnehmer "Dinensio" findet das Konzept der gefühlten Kriminalität zu schwammig und warnt vor den möglichen Folgen veröffentlichter Kriminalitätsdaten: "Man sollte das nicht übertreiben, vor allem die "gefühlte" Kriminalität ist doch sehr von kulturellen Einflüssen abhängig, wie ja auch im Spiegel-Artikel erwähnt. Das sollte nicht überbewertet werden, eine fundierte Analyse, die diese Werte mit einbezieht, sollte jedoch auf amtlichen Daten gründen. Kriminell wird das Ansinnen der Aufklärung meiner Meinung nach allerdings dann, wenn es eine klare Tendenz zu Selbstjustiz gibt, wie in den USA mit der Veröffentlichung der Daten von Sexualstraftätern."
Ein anderer stimmt bei: "Nach der gefühlten Gefährdung zu fragen, ergibt ein 'surreales' Zerrbild wie es im Artikel beschrieben ist! Wirklich interessant wäre eine Karte nach der realen Statistik! Aber diesbezüglich mache ich mir keine Hoffnung! Das wird die allgegenwärtige 'political correctness'-Fraktion schon zu verhindern wissen!!! Immer nach dem alten Motto: Das wäre ja noch schöner! Wir werden uns doch unsere Illusionen nicht von der Wirklichkeit zerstören lassen.
Nützlich als Orientierungshilfe?
Forums-Teilnehmer "Moma" stimmt den Kritikern der Statistik zu: Mit "gefühlter Gefährdung" könne niemand etwas anfangen. Aber: "Es wäre durchaus sinnvoll, wenn die kommunalen Kriminalitätsschwerpunkte mit einem Straftatenkatalog nach gesicherten Polizeierkenntnissen im Internet veröffentlicht würden. Dem Städtereisenden kann es neben den üblichen Reiseführertipps als Hinweis dienen, wo er sich besser nach Einbruch der Dunkelheit nicht allein hin begibt oder sein Auto unbeaufsichtigt abstellt. So kann ein Tourist zum Beispiel vermeiden, dass er sich in Bezirke begibt, in denen zum Beispiel die Beschaffungskriminalität besonders hoch ist."
Methodische Zweifel
Leser Lothar Fritsch glaubt der Darstellung nicht so recht: "Zum Artikel "Problemzonen-Stadtplan" empfehle ich 'How to lie with maps' - ein Buch von Marc Monmonnier. Darin wird schön vorgeführt, wie man durch kreative Wahl der Grenzparameter beim Einfärben solcher Landkarten die gewünschte Aussage über ein Stadtviertel stülpt. Daher sind die Karten ohne ihre genaue Parametrierung nur begrenzt aussagekräftig.
Eine ähnliche Position vertritt Leser Gotthard Schmitt: "Ganze 600 Berliner wurden befragt - und daraus soll eine straßengenaue Deliktskarte entstehen? Das ist von vornherein methodischer Unsinn, schlimmer: da es EU-Geld war, mit dem dieser Unsinn bezahlt wurde, also mein und dein Geld, ist es schlicht Untreue. Der zweite Fehler der Untersuchung besteht darin, die GEFÜHLTE Bedrohung durch Delikte abgefragt zu haben, nicht die tatsächliche. Kein Wunder, dass zum Beispiel der Berliner Südwesten sich fast in jeder Kategorie 'besonders' bedroht fühlt: Zwar ist es dort tagsüber und ganz besonders nachts so ruhig und sicher wie in jedem Provinznest (und man fühlt sich dort auch so) - aber man hat eben auch viel zu verlieren und folglich viel Angst: die 'gefühlte' Bedrohung ist dort naturgemäß viel höher als andernorts."
Resignation oder Gefährdung durch verzerrte Statistik?
Eine andere Forumsteilnehmerin schreibt: "Für mich steht die Veröffentlichung dieser Daten nicht als Symbol der Resignation gegenüber Kriminalität. Die Veröffentlichung dieser Daten belegt wahrscheinlich nur das, was jeder Ortskundige Mensch mehr oder weniger über bestimmte Bezirke weiß."
Forumsteilnehmer "Costello" dagegen findet die gesamte Darstellung fragwürdig: "Mir scheint diese Karte überhaupt nicht repräsentativ zu sein. Zum einen ist Berlin-Kreuzberg komplett zugesprüht und der Verkauf von illegalen Drogen findet schon längst nicht mehr rund um das Kottbusser Tor statt, sondern hat sich in den Görlitzer Park verlegt. Laut Karte gibt es im Wrangelkiez keine unbeaufsichtigten Jugendlichen und die gefühlte Sicherheit ändert sich von Straßenzug zu Straßenzug. Mein Vorschlag: Jeder kauft sich ein paar Buntstifte und malt sich seine Welt."
"Schürt Vorurteile und Ängste"
Ein anderer hält die Darstellung sogar für eine echte Gefahr - und untermauert das mit einem Beispiel: "Solche Daten sind schädlich und sollten nicht abrufbar sein. Gerade die Karten von Berlin zeigen, dass die Daten zum teil völlig falsch sind, wenn man sie auf einzelne Gebiete anwendet. Mit diesen falschen Daten kommt man dann gezwungenermaßen zu völlig absurden Ergebnissen. Was so etwas dann für den Einzelnen bedeutet, hat man ja schon oft genug gehört. Als Beispiel dafür möchte ich hier das Gelände des Flughafen Tempelhof anführen. Es ist vollständig umzäunt, ohne Zutritt für die Öffentlichkeit und besitzt im nördlichen Bereich Verwaltungsgebäude." Dennoch weise die Karte für genau diesen Bereich Kriminalitätsraten aus - das sei in einem nicht zugänglichen Bereich offenkundig absurd.
Nutzer "Krylon" glaubt: "Das Spiel mit dem subjektiven Sicherheitsgefühl schürt Vorurteile und Ängste. Wenn 100 Leute in einem Saal sitzen, wo 21° C sind, und einer subjektiv friert, sollen dann die restlichen 99 Personen schwitzen, oder macht es mehr Sinn das Gespräch mit der einen Person zu suchen? Die Polizei nimmt Anzeigen auf und nicht jeder Tatverdächtige ist auch ein Täter. Im Jugendstrafrecht wird tatortbezogen ermittelt und wohnortbezogen angeklagt und abgestraft. Was würden zum Beispiel die registrierten Straftaten Jugendlicher in Großstädten beweisen? Man könnte herauslesen, dass in Großstädten mehr Straftaten verübt werden, aber auch, dass im Speckgürtel der Großstädte nichts los ist und daher Großstädte eine hohe Anziehungskraft haben. Ich halte mehr von Ursachenforschung und Prävention, statt pauschal zu diskriminieren und Repressionsmaßnahmen zu verstärken."
"Interessant aber verzerrend"
Ein anderer Forumsteilnehmer stimmt zu: "Ich finde die Daten durchaus interessant, aber auch sehr verzerrt dargestellt. Zum Beispiel der Berlin-"Atlas", wenn gefragt wird: "Wurde ihr Auto gestohlen?" oder "Waren sie Opfer von Taschendiebstahl?", bedeutet dies noch lange nicht, dass die Opfer auch in ihrer Wohngegend bestohlen wurden. Auch die Daten aus Chicago haben ihre Relevanz aber auch hier muss man differenzieren, gewisse Art von Kriminalität kommt halt in bestimmten Gegenden vor: Taschendiebstahl wird man nur dort finden, wo sich große Menschenmengen befinden, wie in Einkaufsmeilen etc. Hauseinbrüche und Wagendiebstähle finden eher in besseren beziehungsweise mittelständischen Gegenden statt, da es dort Dinge gibt, die es sich zu stehlen lohnt. Insgesamt halte ich beide "Atlanten" für Überflüssig: Der Berliner ist zu ungenau und wenig Aussagekräftig und der Chicagoer könnte eher dazu dienen die Bevölkerung zu verunsichern. Vielleicht ist Ignoranz ein Segen, besser ich fühle mich nur subjektiv bedroht, als tatsächlich zu wissen, wieviel passiert. Und nun entschuldigen sie mich, nachdem ich gesehen habe wieviel meiner Nachbarn bewaffnet sind, muss ich leider aufrüsten."
cis