Künstliche Intelligenz Denkkraft ohne Selbstbewusstsein
Mensch (von Leonardo da Vinci): Was er selbst nicht kann, schafft er mit Werkzeugen
Foto: Hulton Archive/ Getty ImagesDas Ergebnis steht, es gibt wenig daran zu deuteln: Im intellektuellen Wettstreit des Rechners IBM Watson gegen zwei Vertreter der Menschheit sahen letztere nicht gut aus. Und das nicht etwa im , diesem prinzipiell berechenbaren Strategiespiel. Hier haben die meisten Menschen gegen ein gutes Programm schon seit mehr als zwei Jahrzehnten keine Chance mehr, unsere Schachgroßmeister wurden ab 1997 (Rechner Deep Blue, ebenfalls IBM) in Serie geschlagen.
Geht es um solches "Number Crunching" (wörtlich: "Zahlen zermalmen", gemeint ist die Verarbeitung numerischer Informationen), haben Wettbewerbe zwischen Mensch und Maschine längst ihren Reiz verloren. Handelsübliche Programme wie Fritz oder Shredder sind heute auf normalen Desktop-PC kaum mehr zu schlagen. Inzwischen gibt es Schach-Apps für Smartphones, an denen sich selbst starke Spieler den Schädel zerbrechen.
Den Nimbus der überlegenen menschlichen hat das nie auch nur ankratzen können. Deep Blue mochte die Möglichkeit haben, in Sekundenbruchteilen Millionen von Berechnungen anzustellen, ansonsten aber war er doof wie Bohnenstroh, wenn man ehrlich ist. Rechner wie Deep Blue lösen kein Problem, beantworten keine Frage, auf die man sie nicht vorbereitet hat.
Ein Schachprogramm - die eigentliche "Intelligenz" eines Rechners sitzt in der Software, nicht in der modular skalierbaren Hardware - wirft nichts aus, was man in Form von Regeln nicht vorher hineingefüttert hätte. Die Intelligenz des Programms ist also ein Spiegel der Intelligenz seiner Programmierer. Deep Blue wurde programmiert, um Menschen schlagen zu können: ein beeindruckendes Beispiel menschlicher Intelligenz.
Werkzeug bleibt Werkzeug
Der Rest ist eine "Mechanik", die Rechenprozesse um Potenzen schneller abarbeitet als unser Gehirn das je könnte, ansonsten an zerebraler Kapazität aber vor allem Quantitatives zu bieten hat: riesige, potentiell unendliche Speicherkapazitäten. Eine nach Moores Gesetz sich alle paar Monate verdoppelnde Komplexität der Schaltkreise. Unermüdliche Arbeitskraft. Ideal für Number Crunching.
Jetzt aber mussten zwei Großmeister einer Disziplin ihre Niederlage eingestehen, die wir bisher für unser ureigenstes Revier hielten: die Beantwortung von Fragen, basierend auf ambivalenten, teils obskuren oder verklausulierten Informationen. Bei der Quizshow "Jeopardy" werden den Kandidaten Aussagesätze vorgegeben, zu denen sie als Antwort die passende Frage finden sollen - eine Invertierung der normalen Reihenfolgen. Das verlangt nicht nur Sachwissen, sondern auch semantisches Verständnis und nicht selten sprachlichen Witz.
Supercomputer gegen Mensch: Watson spielt Jeopardy
Ein Beispiel: Eine Frage der Show am Mittwoch lautete "Ein kürzlich veröffentlichter Bestseller von Muriel Barbery heißt 'Dies des Igels'". IBM Watson korrigierte den "falschen" Buchtitel und brachte ihn in die Form der erforderlichen Frage: "Was ist Eleganz?"
Ein Mensch, der nie von Muriel Barbery oder ihrem Buch "Die Eleganz des Igels" gehört hat, ist da verblüfft und irritiert, bis der Groschen fällt: Das Wort "Dies" im Aussagesatz war offensichtlich ein Platzhalter, der erkannt und korrigiert werden sollte. Kein Mensch würde bezweifeln, dass diese Erkenntnis eine kognitive Leistung ist - einer der wichtigsten Faktoren, der bisher menschliches Denken von maschineller Datenverarbeitung unterschied.
Aber das ist ein Irrtum.
Was IBM Watson in den drei Tagen des "Jeopardy"-Quiz vorführte, sah so aus wie menschliche kognitive Prozesse, funktionierte aber grundlegend anders.
Konfrontiert mit dem Aussagesatz, aus dem eine Frage zu destillieren war, musste Watson Folgendes leisten: Der Rechner musste den Satz anhand seiner Form als Aussagesatz erkennen. Er musste durch inhaltlichen Abgleich mit seinen Informationen erkennen, dass die darin enthaltende Information nicht ganz richtig, also falsch war. Er musste deduzieren, dass die Korrektur der falschen Information die in diesem Fall geforderte Aufgabe darstellte.
Schon diese Aufzählung hat etwas Regelhaftes: Man kann daraus eine Regel für den Umgang mit einer spezifischen Form der bei "Jeopardy" üblichen Fragestellungen definieren. Ist diese Regel definiert und programmiert, braucht man "nur noch" eine Datenbasis, mit der sich die Aussage auf Validität abgleichen und das falsche Element identifizieren lässt.
All das hatte Watson. Auf seinen Festplatten lagen rund 200 Millionen Seiten Informationen, darunter die gesamte , dazu Massen von Material aus sorgfältig ausgewählten Internetquellen. Der Gewinner des Quiz durfte, anders als seine Gegner, also Googeln, wenn man so will.
Sein Programm war zudem gefüttert mit Regeln, die unterschiedliche "Jeopardy"-Aufgabenstellungen typisierten und mit adäquaten Antwortstrategien verbanden. Aus all dem errechnete Watson dann für jede Frage eine Reihe möglicher Lösungen, die der Rechner dann auf ihre Wahrscheinlichkeit zu prüfen versuchte. In den meisten Fällen gelang das beeindruckend schnell. Mit Kognition aber, mit Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozessen, aus denen wir in jeder Sekunde unseres Lebens Verhalten ableiten, hat das nichts zu tun.
Meilenstein Watson - kein neuer Herr, ein neuer Diener
Wie einst bei Deep Blue, lieferte auch IBM Watson letztlich ein Bravourstück der Wenn-Dann-Logik, nur auf höherem Niveau. Wo ein Mensch Muster erkennt und daraus erfahrungsgestützte Schlüsse zieht, wägt der Rechner Wahrscheinlichkeiten zwischen verschiedenen, für ihn völlig gleichberechtigten Möglichkeiten ab, von denen aber nur eine richtig ist und andere womöglich völliger Blödsinn sind. Weil jedes Richtig und Falsch hier in die vorgehaltenen Informationen einfließt, lernt das System sogar: Das Feedback verbessert die Qualität der Prognose. All das wirkt auf uns schon sehr intelligent und ist dies auch - es fragt sich nur, wessen Intelligenz wir da spüren.
In die Sprache der Biologie übersetzt könnte man sagen, dass die Maschine phänotypisch - also dem Erscheinungsbild nach - die Stufe des kognitiven Prozesses erreicht hat: Was sie leistet, ist von außen nicht mehr von dem zu unterscheiden, was wir leisten (außer, dass sie es schneller und effektiver tut). Im Inneren jedoch unterscheiden sich die Prozesse grundsätzlich - und nach wie vor kann die Maschine nichts, was wir ihr nicht einprogrammieren.
Wo sie gewinnt, hat sich die Intelligenz des Programmierers bewährt, wo sie verliert, hat letztlich der Programmierer versagt. Er definiert die Fähigkeiten des Systems, die auf eine Mimikry unserer Fähigkeiten in maschinell ermöglichter Steigerung hinauslaufen.
Ändern würde sich das erst in dem Augenblick, in dem eine Maschine erwacht, von sich aus kognitive Prozesse zeigt, die ihr nicht einprogrammiert waren, neue Lösungswege selbst erfindet, kreativ wird, vielleicht sogar ihrer selbst bewusst - und selbst programmierend. Das aber ist nicht zu sehen, nirgendwo.
Wo führt das alles hin?
Das wertet IBMs Watson nicht ab, er ist ein Meilenstein. Schon jetzt werden Anwendungen diskutiert, die zeigen, wohin so etwas führen mag: In der medizinischen Diagnostik zum Beispiel, wo ein Dr. Watson zur maschinellen Erweiterung seines menschlichen Kollegen werden könnte. Die aktuelle Titelgeschichte des thematisiert die fatale Häufung medizinischer Fehldiagnosen, die aus ärztlicher Überlastung, Informationsmangel, aus kommunikativem Versagen und Hybris entstehen können.
Ein Watson, der vom Mediziner vor der Diagnosestellung erst einmal Informations-Input verlangt, würde diesen so zur Kommunikation mit dem Patienten bringen und aus der Kombination von Symptomen an objektiven Wahrscheinlichkeiten orientierte Diagnose-Vorschläge ableiten - und das nicht aus der Erfahrung eines einzelnen, sondern potentiell aller Ärzte. Die Beurteilungskompetenz bliebe beim Arzt, dessen eigene Wissenskapazitäten aber eine enorme, "externalisierte" Erweiterung erführen.
Zugegeben: Das ist eine sehr idealistische Vision. Nicht von ungefähr orientierten sich Watsons Entwickler nicht an HAL 9000, dem erst bewusst, dann wahnsinnig werdenden Rechner in "2001", sondern am Leitbild des Bordcomputers des "Star Trek"-Universums, der im freundlichen Dialog mit dem Menschen Lösungswege erschließt. Die jubilante IBM-Titelzeile zum "Jeopardy"-Ausgang lautete: "Die Menschen gewinnen!" - und zwar durch Watsons Fähigkeiten.
Wir sind mehr als Number Cruncher
Die wären, wenn sie auch auf anderen Feldern halten, was Watson per "Jeopardy" versprach, wirklich ein enormer qualitativer Zuwachs: Geben Sie einmal bei gängige Grippesymptome ein. Wahrscheinlich werden Sie erfahren, dass Sie die nächsten neun Tage nicht überleben werden: Die semantisch dummen, Ergebnisse zudem nach Popularität wertenden Suchalgorithmen heutiger sind für solche Zwecke bisher weitgehend unbrauchbar. Insofern ist Watson kein Konkurrent des Menschen, sondern von Google. Ein Watson könnte da sicher mehr - und doch würde man auch ihm eine Diagnose letztlich nicht überlassen.
Denn am Ende gibt es bei allen theoretischen Einsatzmöglichkeiten solcher vermeintlich intelligenter Systeme nur eine Instanz, die die Richtigkeit der erarbeiteten Ergebnisse beurteilen und überprüfen kann: den menschlichen Verstand. Wir waren beeindruckt von Watsons "Jeopardy"-Leistungen und nicht minder amüsiert darüber, an was für profanen Aufgaben er dabei mitunter scheiterte. Denn wir können beurteilen, was richtig ist und was falsch. Watson kann das nicht, noch nicht einmal beim "Jeopardy".
Der Maschine mag es (noch?) an Bewusstsein mangeln. Uns aber mangelt es oft an Selbstbewusstsein, an der Erkenntnis, wie überlegen wir ihr noch immer sind. Selbst wenn sie schneller "denkt" als wir: Was auch immer sie kann, hat ihr einer von uns gegeben.