Kunst online: Virtuelles Guggenheim - DER SPIEGEL
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Kunst online Virtuelles Guggenheim

Das New Yorker Guggenheim Museum mit seinen Dependancen in Bilbao, Venedig und Berlin gehört zu den bedeutendsten "Kunsttempeln" der Welt. Bald gibt es eine "Filiale" mehr - in Cyberia.
Von Gerti Schön
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das erste virtuelle Museum soll dieser Tage seine Türen öffnen, oder vielmehr: auf einen Server hochgeladen werden. Das Guggenheim-Museum, das zwei Häuser in New York und jeweils eines in Bilbao, Venedig und Berlin hat, fügt auf diese Weise noch ein fünftes hinzu. Und wie es sich für Cyber-Kunst gehört, wird es darin viel Bewegung, viele visuelle und akustische Effekte geben.

Eine ausgefeilte Demo des New Yorker Architektenbüros Asymptote liegt schon seit Monaten vor. Doch der Starttermin wurde immer wieder verschoben - aus Gründen "die es bei jeder Museumseröffnung gibt", sagt der 42-jährige Chef-Designer Hani Rashid. "Man muss sicher stellen, dass die Rechte geklärt sind, dass alle Interessen berücksichtigt und die entscheidenden Leute zufrieden gestellt werden". Und weil der Eröffnungstermin innerhalb eines Jahres wieder und wieder verschoben wurde, will man das eigentliche Startdatum diesmal gar nicht bekannt geben. Bloß nicht noch mehr Peinlichkeiten.

Rashid beschäftigt sich seit 1994 mit den Möglichkeiten, die das Internet für architektonisches Design bietet. In seinem Studio-Loft in Soho führt er routiniert das Ergebnis seiner dreijährigen Arbeit vor: Das optische Gehäuse des Virtual Guggenheim Museums (VGM)  erinnert in seiner spiralförmigen Struktur an die Vorbilder von Frank Lloyd Wright und Frank Gehry in New York und Bilbao. Von da aus klickt man sich durch drei Levels, die alle ineinander übergehen. Vom Atrium, "The Plaza", führen Links zu den Servicebereichen und der Verwaltung des Museums. Von dort aus gibt es eine Verbindung zu den anderen Guggenheim-Standorten der Welt und schließlich führt der Link "Galerien" zu den eigentlichen Ausstellungen.

Das GMV geht in seinem Design über die üblichen Detail-Raster und durchs Bild fliegende Objekte hinaus. Das Design will den realen Ereignischarakter simulieren, der auf der räumlichen Empfindung basiert, und wird damit zu mehr als eine schlichte, zweidimensionale Webseite. Asymptotes Design erreicht eine Qualität, die das flache Bild erstmals räumlich-architektonisch erscheinen lässt. "Es ist der erste physische Raum in der Cyberwelt, wo man Kunst zeigen kann", sagt Rashid. "Wir wollen Architektur flüssig und dynamisch machen. Das Ziel ist, ein reales Gebäude zu kreieren, aber virtuell und von verschiedenen Blickwinkeln aus."

Um die Mittel des Webs ausschöpfen zu können, sollen sich die ausgewählten Künstler Gedanken darüber machen, was es heißt, ihre Arbeit in einem dynamischen Raum auszustellen. Doch genau da fängt für den Besucher die Konfusion an: Wo hört die Kunst auf und wo fängt Architektur an? Das transportierende Medium ist das gleiche - der Computer und das Internet. Es geht nicht mehr nur um Ästhetik und Aura, sondern um Eigentum und Copyright. Es wäre einfach, sich einen Kandinsky vorzunehmen, die vorhandenen Zoom- und Perspektiv-Funktionen weiterzuspinnen und das Bild selbst modifizieren zu können. Doch da hat Asymptote eine Schranke eingebaut. Technologisch wird die Veränderung eines Kunstwerks im Museumsraum nicht möglich sein. Angedacht ist lediglich die Möglichkeit einer "virtuellen Kunstsammlung".

Das virtuelle Guggenheim Museum wird mit den einfachsten Möglichkeiten zugänglich sein. Wer einen halbwegs funktionstüchtigen Computer mit einem 56-Kilobyte-Modem besitzt, wird sich die dazu nötige Software von der Webseite www.virtualguggenheim.org herunterladen können. Auf diese Weise soll das Projekt um ein Vielfaches mehr an Besuchern anziehen als die realen Museen, für die man reisen muss, um sie zu sehen.